Gastbeitrag | Kritik
Licht und Schatten im Schloss Wolfsburg
Von Ulrich Diezmann
2. Verleihung des arti-Kunstpreises
arti 2008
Der Kunstpreis für Wolfsburger Künstler
03/12/2008-08/02/2009
Wolfsburg hat etwas, was Berlin nicht hat, ein Schloss – und das ist sogar echt
und eines der ältesten Gebäude dieser jungen Industriestadt im östlichen Niedersachsen.

Schloss Wolfsburg am Abend des 2.Dezembers
Um das Image eines bloßen Industriestandortes abzulegen, wird viel getan. Ein Kunstpreis, der die lokale Szene zeigt und würdigt, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.

Heiko Happenbeck erhält den 2 Preis
Der Kunstverein hat seinen Sitz im Schloss und dort traf sich am Abend des
2. Dezembers ein Publikum, so gut gelaunt und entspannt wie man es einer Vernissage nur wünscht.

Reliefbild von H. Tappenbeck unter Rasterdecke
„Schattenwelten“ ist das Thema des Preises, dessen Hauptsponsor selbst-verständlich Volkswagen ist, und von 48 Einreichungen wurden 11 Positionen für die Ausstellung ausgewählt. Und auch hier setzte sich der Eindruck des Abends fort, breitgefächert und überraschend abwechslungsreich wurde jedem Teilnehmer genug Raum für sein Werk zur Verfügung gestellt.

Publikum vor dem Werk von Ellen Kniest
Der Kunstpreis wird gestaffelt vergeben, 1. 2. und 3. Sieger und das drückt sich nicht nur in Geld aus, 1000.-, 500.- und 300.- Euro, sondern auch in Medaillen, Gold, Silber und Bronze, die den Gewinnern umgehängt wurden.

Projektion von Bernd Schulz
Die Jury, traditionell wie in Niedersachsen meist noch üblich, ohne Künstlerbeteiligung, bestand aus Hilke Wagner, Kunstverein Braunschweig, Veronika Olbrich, Kunstverein Langenhagen, Susanne Rennert, Kuratorin aus Düsseldorf und Justin Hoffmann vom Kunstverein Wolfsburg.
Den dritten Preis und eine Medaille teilen sich Ali Altschaffel und Axel Bosse für Ihre Aktion „Save the Shadow, mit der sie innerstädtische Baumfällungen thematisieren. „Protect your local tree“, oder „Nur mit Schatten lässt sich die Sonne genießen“ heißt Ihr Credo. Ali Altscheffel ist Fotograf und Axel Bosse ein Wolfsburger Multitalent.
Von Hause aus Maschinenbauer arbeitet er bei VW in der Produktanalyse, sitzt für Bündnis 90/ Die Grünen im Wolfsburger Stadtrat und ist im Vorstand des Kunst-vereins Wolfsburg. „Jeder Mensch ein Künstler“ der Satz stammt von Joseph Beuys, und der war ja schließlich auch ein „Grüner“, mehr Infos auf www.save-the-shadow.com.
Heiko Tappenbeck, 1936 geboren und seit Jahrzehnten „der bildende Künstler Wolfsburgs“, wenn man von Heinrich Heidersberger absieht, konnte den 2. Preis in Empfang nehmen. Die Ausstellung zeigt serielle Bildreliefs aus den Jahren 1968 – 1970. Struktur, Dekonstruktion, die Auseinandersetzung mit vorgefundenen Industriematerialen, die im künstlerischen Prozess neu organisiert werden, sind Leitmotive seiner Arbeit und das passt auch in diese Stadt.

Bilder von Anke Hahn
Bei der Verleihung des 1. Preises gab es eine große Überraschung: die auserwählte Künstlerin Ellen Kniest, die ihre Ausbildung am Berliner Lette-Gymnasium im Fach Mode begann und an der UDK mit dem 2. Staatsexamen abgeschlossen hat, war bis dato in Wolfsburg unbekannt. Wie denn auch? Sie hat nur eine Briefkastenadresse (2. Wohnsitz) bei Ihren Eltern in Heiligendorf, ein Ort, der zum Wolfsburger Stadtgebiet zählt.
Ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt hat sie im Out-Back zwischen Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommmern in einer Ortschaft nahe Wittstock. Doris Weiß, 2. Rednerin des Abends und 2. Vorsitzende des Kunstvereins verwies noch auf rege Ausstellungstätigkeit von Ellen Kniest, vor allem in Berlin-Kreuzberg und Moabit.
Vielleicht sollte der Kunstverein überlegen, den Preis grundsätzlich für alle in Wolfsburg geborenen Künstler zu öffnen. Einige, die z.B. in Berlin zu den anerkanntesten Künstlern zählen, sind gebürtige Wolfsburger.
Inhaltlich ist die Entscheidung der Jury für den 1. Preis nicht unbedingt nachvoll-ziehbar. Auch die vorgetragene Begründung von Hilke Wagner war wenig hilfreich. Beim Betrachten der 16-teiligen Serie, Technik Farbfolie, drängte sich der Gedanke auf „Guck mal, die kann Photoshop“.
10 Meter weiter zeigt Bernd Schulz seine Lichtskulpturen und Installationen. Bernd Schulz arbeitet multimedial mit dem Wolfsburger Stadtraum. Diese Arbeiten sind in Ihrer Konzeptionalität und Kontinuität überzeugend.
Dahinter eine malerische Überraschung von Bettina Hackbarth: 5 Bilder Acryl auf Leinwand. Parallel zu den beiden 3. Preisträgern gibt es auch hier wieder Bäume zu sehen. Die Schattenseite – die nicht der Sonne zugeneigte Nordseite hat Bettina Hackbarth mit souveränem Vortrag dargestellt, leichter kann man wachsendes Holz nicht malen.
Das Konzept des Kunstvereins, den Preis für alle Personen zu öffnen, ist eine Entscheidung die vielleicht der besonderen Sozialstruktur der Stadt entspringt, aber auch mutig ist und aufgeht.

Soundinstallation von Morgaine Schäfer
Der überzeugendste Beweis dafür ist die Soundinstallition von Morgaine Schäfer. Sie hat nicht nur die Hartware dafür entworfen, sondern auch die Klänge selbst produziert. Morgaine Schäfer ist 19 Jahre alt und besucht die gymnasiale Oberstufe des Theodor-Heus-Gymnasiums in Wolfsburg
Die Ausstellung ist bis zum 8.2.2009 zu sehen, es gibt ein Begleitprogramm mit den Künstlern, Infos unter www.kunstverein-wolfsburg.de.
Ein weiterer Ausstellunghinweis: am selben Abend eröffnete eine Etage tiefer die Städtische Galerie eine Ausstellung mit Druckgrafik von Malte Sartorius.
Ulrich Diezmann
8.12.2008
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