Michael Reuter | Interview
Nun sag’, wie hast du’s mit der Utopie?

Wolfgang Ullrich
Michael Reuter im Gespräch mit Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
Der Philosoph Ernst Bloch beschreibt in seinem Hauptwerk „Prinzip Hoffnung“ die Utopie als eine im Kern nach vorn gerichtete Intention: „... jedes Kunstwerk, jede zentrale Philosophie hatte und hat ein utopisches Fenster, worin eine Landschaft liegt, die sich erst bildet.“ Hat sich die zeitgenössische Kunst nicht längst in ein marktwirtschaftlich geprägtes, fensterloses Separee zurückgezogen?
Es gibt noch einen aus der Romantik und den Avantgarden kommenden Gestus der Kunst, das ganz „Andere“ sein zu wollen und von einer besseren Welt zu künden. Aber ich glaube nicht, dass die zeitgenössische Kunst hier am stärksten ist. Sie ist eher reaktiv und reflektierend. Sie erlaubt uns, die heutige Welt besser zu verstehen, aber sie formuliert keine anderen, utopischen Welten.
Dann ist Habermas’ Befürchtung, dass sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit ausbreiten wird, wenn die utopischen Oasen austrocknen, bereits Wirklichkeit geworden?
Nein. Die Kunst hat andere Aufgabe übernommen. Sie versucht, dem Betrachter klarer zu machen, was Bilder in unserer Kultur bedeuten, welchen Stellenwert sie haben. Die Kunst greift Bildsprachen auf, die in der Alltagskultur oder in den Medien vorliegen und codiert sie neu. Was transportieren Bilder? Wie wird mit Bildern Politik gemacht? Wie inszeniert sich Macht über Bilder? Ich sehe den Künstler als Gegenwartsanalytiker. Er versucht, auf der Höhe der Zeit zu sein und mit seiner Kunst ein reflexives Double zur Gegenwart zu bilden.
Joseph Beuys wird als der letzte künstlerische „Utopist“ des vergangenen Jahrhunderts bezeichnet. Gibt es lebende Erben?
Joseph Beuys war auf seine Art ein Utopist, ein Erzromantiker, ein Avantgardist, aber mir fällt kein namhafter Künstler ein, der heute so eine Position für sich in Anspruch nehmen würde. Viele Künstler arbeiten mit dem Mittel der Provokation, aber eher in Analogie zu Politiken der Aufmerksamkeit, zu Formen des Starkults. Sie wollen mit ihren Arbeiten keine Räume öffnen, in denen Utopien entstehen könnten.
Der russische Konstruktivismus, De Stijl in Holland oder das deutsche Bauhaus wollten die totale Harmonisierung der Welt durch die Kunst erreichen. Wollen Künstler noch einen realen Einfluss auf die Lebenswirklichkeit der Menschen haben?
Es gibt natürlich politische Künstler. Sie treten in den Dienst zur Opposition bestimmter Missstände, die auch in anderen Teilen der Gesellschaft formuliert und bekämpft werden. Die Kunst zeigt aber keine neuen Missstände auf und sie zeigt keine Räume auf, die jenseits der Missstände liegen würden. Politische Kunst ist auch deshalb problematisch, weil sie mit einem Medium arbeitet, das selbst nicht scharf genug ist. Das einzelne Bild ist eine Projektionsfläche, auf die sich verschiedene Interessen einschreiben können. Es ist zu offen, zu unverbindlich, und kann deshalb nur bedingt Urteile fällen und Thesen abgeben.
Also ein Ende der Kunstgeschichte, weil es keine Widersprüche und keine zukunftsweisenden Konzepte mehr braucht? Alle Manifeste sind bereits geschrieben worden?
Künstler schreiben heute Brandingstrategien oder Konzepte, wie sie Erfolge generieren, aber keine Manifeste. Vielleicht noch als epigonaler Nachklang, als Mimikry gegenüber Formen der Avantgarde. Wenn wir sagen, Kunst muss Utopien formulieren, dann leben wir tatsächlich in einem Zeitalter nahezu ohne Kunst. Kunst ist aber in der Lage, auf Phänomene der Zeit zu reagieren, sie zu analysieren und zu reflektieren. Dann hat sie durchaus ihre Legitimation, ihre differentia spezifica zu anderen Bereichen.
Wir als Betrachter sollten der Kunst gegenüber in eine reflexive Distanz gehen. Hegel schrieb, dass die Griechen ihren Göttern in einer Haltung von „Ironie in der Verehrung“ entgegentraten. Wir sollten wach und sensibel bleiben, das Gesehene wenden, infrage stellen und in andere Kontexte bringen.
Der Beitrag von Michael Reuter erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 66, Januar 2009.
Michael Reuter, 29.01.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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