Michael Reuter | Interview
Wenn ich sterbe, stirbt meine Sammlung

Charlotte Zander, Foto von Markus Stecher
Ganz im Norden des Landkreises Ludwigsburg liegt Bönnigheim. Neben dem Schwäbischen Schnapsmuseum und der Sudentendeutschen Heimatstube kann die Kleinstadt vor allem mit einem Pfund wuchern: dem im September 1996 eröffneten Museum Charlotte Zander im Schloss Bönnigheim. Über 4.000 Werke der Naiven Kunst, Art Brut und Outsider Art hat die Sammlerin im Laufe von fünf Jahrzehnten erworben. Es ist die größte Privatsammlung ihrer Art, unbedingt sehenswert, nicht weit von Stuttgart entfernt und dämmert doch seit Jahren in einem unfreiwilligen Dornröschenschlaf.
Nur ein kleiner Teil der Bilder und Skulpturen kann in den mehr als 40 Sälen ausgestellt werden. Einige Künstler sind mit zwei, drei Werken in der Sammlung vertreten, andere mit über hundert Arbeiten. Vom naiven Maler Sava Sekulić aus Kroatien sollen sich über tausend Werke in den Archiven stapeln.
„Für mich ist beim Erwerb einer Arbeit vor allem wichtig, ob mir das Bild gefällt. Ganz einfach!“ betont Charlotte Zander. „Außerdem interessiert mich die Bandbreite des Künstlers. Je reichhaltiger seine Fantasie ist, desto besser. Mir ist auch nicht wichtig, einen Künstler kennenzulernen. Häufig passen Künstler und Werk überhaupt nicht zusammen und ich bin den Bildern gegenüber nicht mehr neutral, wenn Sympathie oder Antipathie die Sicht verzerren.“
In Bönnigheim finden sich Klassiker der französischen und jugoslawischen Naiven wie Bombois, Rousseau, Generalić und Virius neben Art-Brut-Werken von Adolf Wölfli und August Walla, Tattoo-Bilder neben mediumistischer Kunst, Aboriginal Art neben religiösen und naiven Werken aus der Karibik, Afrika und China. Eine bunte, heterogene Mischung, deren Zusammenhang nicht immer leicht ersichtlich ist.

Sava Sekulic, Das Sanatorium, Öl/Leinwand, 100x150 cm
Die Sammlerin eröffnete 1972 eine Galerie in München, die zuerst ausschließlich auf Naive Kunst setzte. Die Art Brut wurde damals in Deutschland wenig beachtet und war durch den Begriff der „Entarteten Kunst“ immer noch ideologisch belastet. Über die Grenzfälle zwischen beiden Kunstrichtungen schlichen sich Outsider Art und Art Brut schließlich in ihr Programm. Mitte der 90er Jahre, nach Schließung der Galerie, begann die Suche nach einem eigenen Haus für die riesige Privatsammlung. Mit dem damaligen Bürgermeister von Bönnigheim, Gerd Kreiser, wurde ein Schlachtplan entworfen: Ein Drittel der Sammlung würde Zander als Schenkung einbringen, zwei Drittel sollten von öffentlichen und privaten Sponsoren angekauft und im Laufe der Zeit abgestottert werden. So sollte die Sammlung zusammengehalten werden und im frisch renovierten Schloss Bönnigheim eine neue Heimat finden. 1996 unterschrieb Zander den Mietvertrag für die im Besitz der Stadt befindliche Immobilie.
Die weitere Planung wurde hinfällig, als der umtriebige Bürgermeister plötzlich verstarb. Die mittlerweile 78-jährige Sammlerin bezahlt seither weiterhin jeden Monat einen symbolischen Euro für das Schloss, ist damit in den Vertrag eingebunden und hat alle Kosten am Hals. „Ich habe den Mietvertrag für fünfzehn Jahre abgeschlossen. Bei einer vorzeitige Kündigung ist eine hohe Konventionalstrafe vorgesehen. Und wo sollte ich auch mit 4.000 Bildern und Skulpturen hin? 14 Sattelschlepper mit Anhängern und mehrere Lagerhallen wären notwendig. Außerdem könnte ich die Bilder im Lager nicht mehr zeigen, weder Kunstfreunden noch potenziellen Käufern.“
Interessenten für die Sammlung gab es genug. Das Angebot der Stadt Charlottesville in Virginia zerschlug sich, als die ersten aggressiven Schadenersatzforderungen an die Tabakindustrie gestellt wurden. Ebenso erging es Zander einige Jahre später, als im Zuge des zweiten Irakkriegs antideutsche Ressentiments in Amerika aufkamen. Auch die Universität Heidelberg war interessiert, wollte die Sammlung aber schließlich nur geschenkt nehmen.
„Wenn ich die Sammlung zerschlage, kippt der ganze Markt um. Es bringt auch nichts, die 500 Meisterwerke zu verkaufen. Was wird dann aus dem Rest der Sammlung? Ich sage immer halb scherzhaft: Die Sammlung will sich nicht von mir trennen!“

Raumansicht Schloss Bönnigheim
Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 64, November 2008.
Michael Reuter, 05.01.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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