Markus Wirthmann | Kritik
Der Erbsenzähler
Ignacio Uriarte
9 to 5
noch bis zum 22. Februar
Feinkost, Berlin

Ignacio Uriarte kommt aus der Betriebswirtschaft. Nicht aus der Malerei oder der Bildhauerei, woher der deutsche Künstler gerne kommt: „Ich komme eigentlich aus der Malerei ... und habe gleich einen Termin mit meinem Fallmanager“.

Wie gesagt, Betriebswirtschaftler. Und dann eines Tages, so stelle zumindest ich mir das vor, als gerade mal wenig Betrieb im Betrieb war, fing Ignacio Uriarte an, seinen Arbeitsplatz zu untersuchen. Sortieren, Ordnen, Schichten. Vielleicht erst nach Prinzipien der Effizienz; den einen Ordner oben rechts ins Regal, den anderen nach links. Bläuliches Kopierpapier, ausgepackt, auf einen Stapel, dann gelbliches Druckerpapier daneben. Später wurde es dann ineffizient. Lücken in den Regalen nahmen überhand und strukturierten die Reihen.

Irgendwie kafkaesk stelle ich mir seine Verwandlung auf dem Bürodrehstuhl vor. Eben noch die Tabellenkalkulation mit drögen Zahlenkolonnen gefüllt, wenig später entsteht daraus eine riesige Grafik aus mäandernden Tabellenzellen. Die Ordner im verzinkten Regal ordnen sich ornamental-skulptural und das Druckerpapier nach Farbe und Güte. Skulpturen, Bilder, Videos verdichten sich im Buchhalterkosmos. Ignacio Uriarte kommt aus der Betriebswirtschaft, neudeutsch Business Administration, und er hat sein Büro mit in die Kunst gebracht, wie der Galerist Aaron Moulton sagt.

Die besagte Tabellengrafik lotet die Möglichkeiten der Bürosoftware in der Fläche bis zu ihren Grenzen aus. Die Breite ergibt sich aus der maximalen Anzahl der Spalten, die Microsoft für den Bürogebrauch vorgesehen hat. Ähnlich verhält es sich mit der Skulptur aus eingerollten Normpapieren. Auf der zusammengerollten Seite aufrecht stehend formen sie ein Rechteck von beachtlicher Größe, dessen Seitenverhältnis sich wiederum ableitet von der normierten beschreibbaren Papierfläche abzüglich aller notwendigen Ränder. Nach Papierart und -qualität, sprich Farbigkeit, geordnet, bildet die Fläche einen abstrakten, fein nuancierten Bildteppich.

Alles scheint geregelt und perfekt orchestriert wie ein Schreibmaschinenbalett. Es könnte so schön langweilig sein, wäre da nicht die völlige Absurdität, die über der ganzen Ausstellung schwebt wie ein Damokles-Brieföffner. Herrlich, die ganze Sache auch als ironischen Kommentar zu den ganz trockenen und wirklich humorfreien Ausuferungen der Konzeptkunst zu lesen. „Erbsenzähler!“ denke ich und gebe meinem Drehstuhl einen Schwung.

Markus Wirthmann, 10.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Hallo Markus,
toller Kommentar, hat mir sehr gut gefallen!
Besten Gruss!
Ignacio
Ignacio Uriarte | 25.02.09