Gastbeitrag | Kritik
Brandenburgs Stipendiaten - Helden sind schwarz-weiß und Mädels blauäugig
von Ulrich Diezmann
9 Stipendiaten für Bildende Kunst aus 3 Jahrgängen in den Kunsträumen auf Burg Eisenhardt in Belzig.

Burg Eisenhardt am 22.02.2009
Unter dem Titel "Neulanderkundung" präsentiert das Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus in Kooperation mit Kunstpflug e.V., dem Betreiber der Kunsträume, Arbeiten der Stipendiaten für Bildende Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.
Jan Beumelburg, Ingar Krauss, Petra Petrick für 2006, Angela Fensch, Ralf Hentrich, Daniel Klawitter für 2007 und Ina Abuschenko-Matwejwa, Göran Gnaudschun und Hardy Kuttner für das Jahr 2008.
Die Eröffnung fand am Sonntag 22.02.2009 um 14.30 Uhr statt und somit hatte auch das Berliner Publikum die Möglichkeit, rechtzeitig vor Ort zu sein (Berlin-Ostbahnhof - Belzig Fahrtzeit 1.14 Std, die Züge fahren stündlich, 11.60 Euro). Die Begrüßung übernahm die Leiterin der Kunsträume, Susken Rosenthal, die anschließende Rede hielt Brandenburgs Kurator für Bildende Kunst, Jörg Sperling, vom Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus. Dort fand auch die erste Ausstellung der 9 ausgewählten statt und im Anschluss daran gab es akustische Experiment am Flügel von Uwe Krause.

Susken Rosenthal vor Bildern von Hardy Kuttner
Die jährlich zu vergebenden Stipendien sind eher Stipendchen, einmalig 2000.- Euro, dazu eine Ausstellung im einzigen Landemuseum für Bildende Kunst, im Museum DKW Cottbus, die dann anschließend auch in weiteren Einrichtungen gezeigt wird und eine kleine Publikation für jeden Künstler, die neuerdings selbst gestaltet werden kann.
Die Jury besteht immer aus 3 Fachleuten, die vom verantwortlichen Ministerium benannt werden. Unter den Juroren findet man selbstverständlich bekannte Namen, wie den im Großraum Berlin unvermeidlichen Dauerjuror Christoph Tannert und sein Pendant Jörn Merkert. Die Chancen das Stipendium zu erhalten, sind gut, die Quote steht bei 11:1, es bewerben sich jedes Jahr nur ca. 35 - 40 Artisten. Das Durchschnittsalter der Stipendiaten ist Mitte 40 und sie sind zum größten Teil geborene Brandenburger oder Berliner.
Das mittlere Alter der Künstler sieht man den meisten Werken an, die Arbeiten sind alle gut durchgearbeitet, kein Herumsuchen und Experimentieren oder ausloten von Grenzbereichen.
Jörg Sperling begann seine Rede damit, darauf hinzuweisen, dass die Ausstattung der Förderung nicht gerade oppulent sei, um dann in kurzen Worten auf die allgemeine Finanzkrise einzugehen, Kapitalismuskritik ist heutzutage leichter als zuvor, schwenkte dann auf den Kunstmarkt und in die Höhe explodierender Auktionspreise um, und kam nach dieser verbalen Schleife auf die 9 Brandenburger Künstler zu sprechen, die sich davon abgewandt, fern vom Tumult der Kunstmetropole Berlin auf "die Kraftfelder der eigenen Sinne rückbesinnen".

Ingar Krauss, Serie "Zugvögel"

Angela Fensch, Serie "Progress"
Die Ausstellung zeigt 4 fotografische Positionen.
Schwarz-weiß fotografiert sind die osteuropäischen Wanderarbeiter auf den Feldern Brandenburgs in der Serie "Zugvögel" von Ingar Krauss. Ebenso schwarz-weiß sind die Fotografien der Jugendlichen aus der Uckermark die Angela Fensch in einem künstlerischem Langzeitprojekt begleitet. So unterschiedlich die Ausstrahlung der dargestellten Protagonisten anmutet, in beiden Arbeiten schwingt das Werk des Fotografen August Sander (1876 - 1964, Menschen des 20. Jhd.) mit, aber das in keinster Weise wertmindernd.
Fast immer blauäugig dagegen sind die Menschen auf den wirklich schönen und offenen Portraits von Göran Gnaudschun. Selten haben Fotografien so wenig an Fotografien denken lassen wie diese Arbeiten.

Göran Gnaudschun, analoge Farbfotografie
Anders dagegen bei Petra Petrick, die wie viele Fotografen dem Reisen mit der Kamera verpflichtet ist und sich dem großen Landschaftsthema Brandenburgs widmet, dem Braunkohletageabbau. Allzu bekannt und mittlerweile beliebig ist diese Art und Weise der fotografischen Darstellung, eine eigene Handschrift oder Bildsprache, auch wenn sie in einer bestimmten Tradition steht, sucht man hier vergebens.
Ein anderes Landschaftsthema hat sich Ralf Hentrich ausgesucht, im Westen des Landes arbeitete er ich an der Elbe ab. In Radierungen - Landschaftsminiaturen - fabulierenden Grafiken stellt er sein Sujet flussauf - flussab dar.

abstrakte Kunst von Ina Abuschenko-Matwejewa und Vater mit Kind
Noch kleiner sind die farbigen minimalistischen Kompostionen von Ina Abuschenko-Matwejewa. Diese unter Glas gerahmten Papierminiaturen stehen als einzige abstrakte künstlerische Stellungnahme formal außerhalb des Gesamtkontextes der Ausstellung "Neulanderkundung". Und gerade hier ist vielleicht die Neulanderkundung am sichtbarsten formuliert.
2 Künstler, die dreidimensional arbeiten, drücken dieser Ausstellung mit Ihren Skulpturen und Objekten Ihren Stempel auf.
Jan Beumelburg stellt sich als Sammler und Naturforscher von Insekten, Käfern und allerlei Getier dar, er präsentiert eine naturhistorische Sammlung die kafkaesk und enzyklopädisch auftritt. Obwohl man die banalen Ausgangsobjekte die er verwendet und verwandelt, schnell erkennt, hängen die Sinne dem vorgeführten Schein hinterher.

Jan Beumelburg, "Die Evolution macht was sie will"

Daniel Klawitter "Großes Paar"
Von der Linie zum Körper, zeichnen in Edelstahl. Die amorphen Skulpturen aus Stahl, Pappe, Papier und Holz von Daniel Klawitter erinnern an fremde Wesen. Glaskästen als Teil der Skulpturen verschaffen zusätzliche Distanz und vermitteln den Artefakten den Eindruck von Trophäen und neuentdeckten, bisher unbekannten Pflanzenmaterial. Und auch hier kommt man nicht umhin, an einen großen Fotografen des 20. Jhd. zu denken. Im fotografischen Werk von Karl Bloßfeldt wäre Platz für diese Arbeiten.
Unterschwellig latent subversiv sind die Werke von Jan Beumelburg und Daniel Klawitter und bestimmen damit das Klima und den Klang der Räume.
Der Kontext der Ausstellung ist der Blick des Künstlers nach außen, auf die Menschen im Land und seiner landschaftlichen Erscheinungen. Privates, Persönliches, der Blick hinein in das eigene Ich, bleibt ebenso außen vor wie die direkte Stellungnahme zu dem, was aktuell als globale, gesellschaftliche Verwerfung wahrgenommen wird.
Das Land Brandenburg wird in "Neulanderkundung" sichtbar und darin besteht die Qualität der Ausstellung.
Die Kunsträume Burg Eisenhardt sind von Mi - So 11.00 - 18.00 Uhr geöffnet, die Ausstellung läuft bis zum 26. April 2009, Adresse: Wittenberger Straße 14, 14806 Belzig
Gastbeitrag, 27.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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