Gastbeitrag | Rückschau
Drei Tage, drei Nächte, drei Orte ...
Gastbeitrag von Patrick Alt
Micky Mouse Club mit Thomas Winkler
Papers/Papiere im Studio Reichenbergerstraße
mit André Butzer, Andreas Hofer
und Ullrich Wulff & Kunstklub Berlin

22.02.2009. Ich steh auf, was war gewesen? Drei Tage, drei Nächte, drei Orte in Berlin. Ich fang beim 3. Abend an und ende in der 1. Nacht.
Die Entzugserscheinungen sind groß. Die Rote Rose in Kreuzberg war der 3. und letzte Ort von allen Gewesenen morgens um halb 4. Rouven Schmitt zieht die Biertulpe zum Hals. Dennis Loesch weigert sich aus anderen Gläsern als aus Tulpen zu trinken. Ein Blumenbazar aus Glas. Alle ziehen die Tulpen zum Kopf. Wie: "A night of serious drinking". Alle, die noch hier sind, halten die Gläser hoch. Ein Kreuzberger-Kneipen-Urgestein erzählt von Mickey Rourke: Das Geheimnis des Siegens. Ich verstehe nur noch jeden 5. Satz.
Thomas Winkler ist auch da. Toll seine blaue Daunenjacke, erinnert an die Beine meines Bildes vom Städel-Rundgang 2009 und an ein Foto, das Michael Krebber im Anorak zeigt. Max Brand meint, ich sähe jetzt sooo verloren aus und ich entgegne ihm: Ja, das sei ich, und das sei auch gut und okay! Wenigstens versuche ich äußerlich den Schein des Seriösen zu wahren, sage ich lächelnd, indem ich auf meine zerfallende Barbourjacke deute, die aus den 90er Jahren genau wie Krachts Faserland hinübergekommen ist. An manchen Stellen der Jacke ist vom Malen billige Hautfarbe dran.
An einem Tisch sitzt Mateata, eine aus Tahiti stammende Situationistin. Zusammen mit ihrem Freund hat es sie über Paris nach Berlin verschlagen, nachdem sie ihrer Familie den Rücken gekehrt hatte. Niklas Schechinger beschwört, er kenne kein radikaleres Paar. Anders als viele, lebten sie ihre Ansichten, brächten Flaschenhälse auf Parties zum Einsatz. Und das, obwohl sich diese Frau in Wahrheit nichts mehr wünsche als viele Kinder. Ist sie die Urururenkelin von Paul Gauguin?
Marc le Blanc steht neben Andy Hope, der durch gelbes Glas blickt. Hat dieser goße Künstler mit Tirolerhut neue Comicfiguren in seiner Plastiktüte?

Ulrich Wulff und ich stehen an der Theke im Studio Reichenberger Strasse 177 bei Dennis Loesch und wir sprechen über das qualitative Verhältnis von Werk und Kommunikation. Ist Daniel Richter ein guter oder ein schlechter Künstler? Ulli trägt einen schönen Schal. Dennis Loesch setzt mir seine Brille auf und macht Fotos. Es gibt Schultheiss und das Studio über dem Olfe ist vielleicht einmal ein türkisches Cafe gewesen. Der Boden aus Terracotta ist Simulation wie das dicke, weiß getünchte Mauerwerk: alles Fake auf Stahlbeton.
Rouven zeigt sein schwarzes Kreuz, das er für diese Ausstellung mit Textmarker gezeichnet hat. Behutsame Striche, parallel angeordnet. Das Blatt scheint vor dem schwarzen Hintergrund zu schweben. Jeder Künstler müsse irgendwann einmal ein Kreuz gemalt haben, sagt er. So wie mancher Maler sich an Hitler abarbeitete oder am Hakenkreuz entgegne ich ihm. Houven antwortet: Das sei wohl sein erstes und sein letztes Kreuz. Grandios!

Dennis Loesch glänzt mit seinen Scann-Bildern, die trotz der kalkulierten Präzision etwas lässig Sprödes aufweisen. Thema: Figur im Raum irgendwie. Der Raum um die Figuren seiner Scans sind Unräume, sie sind Dummies bzw. Fake einer Hochglanz-Modezeitschrift. Preis 35 Euro. Absolut gerechtfertigt! Kritik über Preispolitik. Die Figuren erscheinen expressiv, sind spröde Computerzeichnung. Super!
Ulrich Wulffs Zeichnungen erwärmen den Betrachter sehr. Sie sind als solche auf blass farbigem Papier (Loeschpapier, ha ha) in einfachstem Rahmen präsentiert. Der vieläugigste Clown, den ich kenne, der alles aufsaugt, was Leben bedeutet, Sebstportraits? Wulffs Bilder sind das Ergebnis eines sensiblen Auges. Eines Sehens, das weit mehr als nur retinal ist. Seine Bilder wie seine Zeichnungen sagen: JA!
In André Butzers Zeichnung erscheint etwas Neues hervorzukommen. Nach den rechtwinkligen Würsten auf grauem Grund ist Rundheit angesagt. So etwas wie eine rohes Laugengebäck scheint hervorzuwachsen.
Andreas Hofer: Einfach Superman!

Thomas Winkler. Sein Werk gerahmt in Silber. Es zeigt 8 rechteckige Fotos, jeweils 4 untereinander parallel gestellt in zwei Reihen. Also 8 Fotos wie zwei Türme, yes! Lustiger Horror. Szenen aus dem Umfeld des Künstlers gepusht nach Hollywood. Diese Fotos entsprechen beim zweiten Blick seiner Malerei, welche monochrom betrachtet werden kann - jene Farbfelder auf grauem oder weißen Grund - die es aber nicht sind. Die Ränder, sie verändern die Anmutung der Farbfelder. Sie sind nur teils abgeklebt. Und das ist wichtig. Sie beleben das Bild. Wie beim EKG sind die Ränder leicht zackige Linien. Sie sind warm und nicht kalt. Und die Fotografien korrespondieren mit mit den rechteckigen Farbfeldern, indem sie - abstrakt gesprochen - ein ähnliches Gefühl erzeugen.
Mateata teilt mir vieles mit. Die Ursprünge der Situationisten liegen bei den 13- bis 16-jährigen Kindern, die nach dem Krieg von der Straße kamen. Ich denke an Lord Byron, der in Griechenland für die Freiheit kämpfte. Später seien gerade die frühen Pariser Geschehnisse wichtig für die 68er gewesen. Was kommt aus der Bewegung dieser Altersgruppe heute? Nichts oder ganz viel?
Dennis Loesch stellt jedenfalls ab 23 Uhr ein Autoradio an, das hinter der Theke steht. In die Decke sind Boxen eingelassen. Wir sind alle in einer sich vorwärtsbewegenden Box.
Jene, die an diesem Abend da waren, sie waren auch schon einen Abend zuvor, dem 2. Abend unterwegs im Kunstklub Berlin, wo Tina Kohlmann und Tina Schott eine Performance hinlegten. In blauen Tanzsäcken bildeten sie lebende Skulpturen. Ein Tanzsack ist ein Assessoir, das in Therapien Anwendung findet. Begleitet von Max Brands schrägem Saxophongegröl und umrahmt von Motiven aus Pink Floyd Covern entstand so etwas wie ein Pilzgarten, der am Abend kurz vor Sonnenuntergang aufleuchtet und unter den Blicken der Zuschauer zerfällt.
Der 1. und letzt zu schildernde Abend entstand beim Maik im Glaskasten in der Karl-Marx-Allee 36. Lang und sehnsuchtsvoll erwartet fand der legendäre Miky Mouse Club statt. Thomas Winkler heimlicher Schöpfer des am Kopf der Tanzfläche hängenden Bildes, das mit M. Mouse signiert ist, legt nicht nur Grunge auf, sondern auch Grandmaster Flash. 20 Gäste trinken aus kelchförmigen Gläsern. Eine Runde mit Tanz. Die Hände klatschen, feueren sich gegenseitig an. Ein jeder tanzte und ein jeder klatschte. Winkler kurz und Wulff auch. Sein Husten trocken all die drei Tage, weshalb er Schal trägt. Ebenso Loesch, der den umfallenden toten Mann simuliert. Schmidt in der Beek ist beinhart.
19.02.2009, "Micky Maus Club", u.a. mit Thomas Winkler, Karl-Marx-Allee 36, Berlin
20.02.2009, "Schnick Schnack - frei und ungehemmt", Tina Kohlmann & Tina Schott, Kunstklub, Greifswalder Straße 223, Berlin
21.02.2009, "Papers/Papiere", Studio Reichenberger Straße 177, Berlin
mit Rouven Schmitt, Hank Schmidt in der Beek, André Butzer, Ulrich Wulff, Thomas Winkler, Andreas Hofer, Dennis Loesch, Björn Dahlem, Robertho Ohrt, Henry Vincent
Patrick Alt ist Künstler und lebt in Berlin. www.patrickalt.de
Gastbeitrag, 25.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
genau so wars gewesen!
geiler text, patrick!!
d.d.
Donald Duck | 25.02.09