Gastbeitrag | Essay

Lehmänner Berlins

Gastbeitrag von Raymond Unger

„Das kennt man ja“, sagte der Arzt in der Notaufnahme des Urbankrankenhauses in Berlin Kreuzberg. „Erst verbringen sie Jahre damit sich als erfolgloser Künstler zu rechtfertigen, dann ertragen sie ihren plötzlichen Erfolg nicht mehr.“ Karl der Bildhauer ist wahnsinnig geworden. Eben hat er sein ganzes Werk zerstört, nun hat ihn sein bester Freund, Herr Lehmann, ins Krankenhaus gebracht, wo er mit Psychopharmaka ruhig gestellt wird. Die berühmte Schlussszene aus Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ beschreibt in sehr treffender Weise das Drama des über Jahre erfolglosen Künstlers in Berlin. Berlin hat die belebteste Kunstszene ganz Europas, dementsprechend wirkt diese Stadt wie ein Magnet auf junge Künstler aus aller Welt. Denn Kunst ist angesagt wie nie. Das mediale Zerrbild vom Kunsthype mit Vertretern wie Jonathan Meese, der scheinbar mit Leichtigkeit und Spaß Millionen verdient, beschert den Hochschulen eine nie da gewesene Bewerberflut. So sammeln sich seit Mauerfall tausende Künstler in Berlin - und alle kommen mit Zuversicht, Mut und Elan in diese aufregende Stadt.

Gerhard der Schriftsteller aus Wien, Andrew der Videokünstler aus London, Genevieve die Bildhauerin aus Paris, und Edite die Malerin aus Riga. Sie, und natürlich Tausende Künstler aus ganz Deutschland, leben dann in den günstigen Stadtteilen wie Kreuzberg, Wedding oder Neukölln, wo die Ateliers noch bezahlbar und die Mieten moderat sind, oder besser, bis vor kurzem noch waren. Nun scheint es so zu sein das alle diese Künstler mit voller Batterie und guten Mutes in Berlin ankommen, doch tatsächlich ist es eine Frage der Zeit wie lang der Akku der Zuversicht hält. Denn je länger das Leben ohne Erfolg andauert und je älter die Künstler werden, desto verhaltener wird der kreative Output. Durchschnittlich nach 7-10 Berlinjahren scheint der Künstlerakku dann vollends leer zu sein. Natürlich fällt dies im öffentlichen kulturellen Leben Berlins nicht auf, denn ohne Unterlass kommen ja neue beseelte Künstler in die Stadt. Ich war kürzlich auf einer Vernissage eben dieser Frischfleischgeneration. Junge Künstlerinnen und Künstler hatten sich zum x-ten Künstlerkollektiv zusammengeschlossen, eine leere Lokalität angemietet und machten „Party“. Der Altersgipfel lag bei höchstens 25 Jahren und jeder Teilnehmer sah sich im Geiste natürlich als zukünftiger Beuys, Rauch oder Meese. Doch von heute an gerechnet, in zehn Jahren, wird wohl auch ein Großteil dieser Generation wieder in den Kneipen Kreuzbergs sitzen und über die guten alten Zeiten schwadronieren...
Zunächst einmal gilt es anzuerkennen, dass man als Künstler jenseits des Kunsthypes (und das betrifft 95% der Künstler in Berlin) täglich und dauerhaft einer doppelten Kränkung ausgesetzt ist: Nichtbeachtung und Mangel. Dies ist schlimm, tut weh und darf durchaus betrauert werden. Deshalb sind Gefühle wie Wut, Neid und Traurigkeit, die sich früher oder später bei vielen Künstlern einstellen, durchaus berechtigt. Doch was passiert mit dem Selbstbild, wenn sich schließlich der Traum vom Kunsthype als Trugbild entlarvt und man stattdessen dauerhaft um Anerkennung und jeden Cent kämpfen muss?

Wenn man auf einer Party zu verstehen gibt man sei Künstler, kann man sicher sein das einem die prompte Frage gestellt wird: „Und – kannst Du davon leben?“ Diese Frage ist ebenso indiskret wie unverschämt. Es gibt eigentlich überhaupt keinen anderen Berufsstand, der so selbstverständlich mit dieser Frage konfrontiert würde, nicht einmal einen Müllmann fragt man danach. Dass diese Frage gerade Künstlern so unverblümt gestellt wird, ist folgendem Umstand zu verdanken: Der Frager kennt die wahrscheinliche Realität bezüglich der Künstlerarmut. Und die damit vorweggenommene Entwertung, („hast du nichts – bist du nichts“) bringt den Befragten automatisch in eine Situation unter Augenhöhe. Und den armen Künstlerkumpel darf man schon mal jovial von der Seite anquatschen. Unerfahrene Künstler fühlen sich bei derartigen Fragen peinlich berührt, sie eiern herum, sagen, „na ja, es geht so“ oder „man schlägt sich so durch“; erfahrene Künstler sagen einfach nur: „Selbstverständlich, sehr gut sogar!“ Denn die tatsächliche künstlerische Realität ist bei dieserart Smalltalk kaum vermittelbar und die Wahrheit weckt jedes Mal Assoziationen, die ebenso abwertend wie falsch sind. Denn der direkte WERT einer Tätigkeit wird in unserer Gesellschaft in aller erster Linie im Verdienst gemessen. Wenn ich als Künstler nicht automatisch einer groben Abwertung zum Opfer fallen will, sollte ich es in ungeschütztem Rahmen tunlichst vermeiden bei dieser Frage wahrhaftig zu sein. In den Augen der Welt ist meine Malerei, mein Roman, meine Musik nichts wert oder schlichtweg ein „Jodeldiplom“, solange ich nicht auch viel Geld dafür bekomme. Und jede Bestätigung dass ich für mein Werk (noch) nicht entlohnt werde, entwertet mein Werk in den Augen der Welt. Ebenso gilt ja der Umkehrschluss: Der letzte Mist wird tatsächlich fürstlich honoriert, wenn die Kaskade der Wertzuschreibung erst einmal angelaufen ist. Denn was Millionen kostet, muss einfach ganz große Kunst sein.

Im Allgemeinen wird die Tätigkeit in unserer Gesellschaft am höchsten bewertet, die dem System dient und die hierbei ein hohes Maß an Verantwortung und Macht vereint. Dementsprechend verdient der Manager der Autoindustrie mehr als der Müllmann, doch ein Künstler kommt bei diesem Vergleich womöglich noch hinter dem Müllmann. Denn für das Gleichgewicht des Systems scheint es auf den ersten Blick wichtiger zu sein, nicht im Müll zu versinken, als dass ein Künstler seine vermeidlich subjektiven Befindlichkeiten reflektiert.

Die Künstler-Berufsverbände, Verdi und die Künstlersozialkasse zeigen in ihren statistischen Erhebungen ein recht klares Bild der wirtschaftlichen Situation der Künstler. Das durchschnittliche Jahreseinkommen von bildenden Künstlern liegt bei gerade mal 9000,- Euro* – das sind 750,- Euro pro Monat und entspricht damit einem Harz IV Einkommen (*Quelle Künstlersozialkasse). Es wird deutlich, dass insbesondere der gealterte freischaffende Künstler völlig an den sonst üblichen sozialen Absicherungen vorbei lebt. Dabei kann man pauschal sagen: Je authentischer, individueller und egozentrischer der Künstler (also umso weniger seine Arbeit an geschmäcklerischer Gebrauchskunst orientiert ist), desto betroffener ist er von Künstlerarmut. Dem Schleswig-Holsteiner Mövenmaler mag es vielleicht auch nicht besonders gut gehen, trotzdem wird er wenigstens in den Souvenirläden der Region sein auskommen finden. Für alle anderen gilt: Themen wie Rente, Lebensversicherungen, Grundbesitz oder gar Spareinlagen laufen völlig an der Realität der freischaffenden Künstler vorbei. Das Gegenteil ist eher der Fall. Anstelle von Absicherungen und Spareinlagen, ist das Künstlerdasein von Armut oder gar Verschuldung gekennzeichnet. Dabei wird die Kluft zum normalen Mittelstand, bei dem sich ab gewissem Alter selbstverständlich Absicherung und Besitz summieren, immer breiter, je älter die Künstlerin oder der Künstler wird. Und es ist für jeden Künstler ein himmelweiter Unterschied, ob er ein Leben ohne Absicherung und Rücklagen mit 25 Jahren oder mit 50 Jahren führt. Spätestens der gealterte Künstler, erlebt seinen dauerhaften Mangel und die fehlende soziale Absicherung im Vergleichsrahmen Gleichaltriger als schwerwiegende Kränkung. Früher oder später bleibt den meisten Künstlern zudem auch noch die Rechtfertigung gerade vor einem System nicht erspart, das so gänzlich andere Maßstäbe anlegt: dem Arbeitsamt. Im Berufsverband des BBK Berlins sind ausnahmslos professionelle Berufskünstler organisiert, trotzendem sind selbst hier über 70% der Kollegen gezwungen, sich regelmäßig beim Arbeitsamt zu melden bzw. sie beziehen immer wieder Harz IV. Das bedeutet, dass 70% der professionellen bildenden Künstler Berlins von Ein-Euro-Jobs, der Vermittlung in völlig artfremde Berufe oder – bei Nichtbefolgung – von Leistungsentzug bis hin zur Obdachlosigkeit bedroht sind. Alle diese Künstler sind im Grunde genommen Selbständige, dennoch leben sie so weit unter der Armutsgrenze, dass sie immer wieder gezwungen, sind Leistungen zu beantragen. Doch die Annahme dieser Leistungen zwingt sie jeden eingenommenen Cent zu belegen und abzurechnen, dabei müssen die gesamten Lebensumstände einschließlich der Angehörigen offenbart, erklärt und gerechtfertigt werden. Der Aufenthalt des Künstlers muss ständig mitgeteilt werden, rechtlich gesehen dürfen diese Künstler nur zwischen Samstagnachmittag und Sonntagabend die Stadt verlassen und vieles mehr. Dabei muss der Künstler alle Angaben vor Sachbearbeitern erklären, die in der Regel keinen blassen Schimmer vom Leben als Künstler haben. Im Gegenteil. Für den vom Sachbearbeiter erwarteten „wirtschaftlichen Erfolg“ als selbständiger Künstler, werden die gleichen Kriterien angelegt, wie für den Würstchenbudenbesitzer. Insbesondere der dafür zugebilligte Zeitrahmen von 1-2 Jahren ignoriert jede künstlerische Realität vollständig. Alles in allem sind derartige Situationen auf die Dauer mehr als kränkend, denn egal wie viel der Künstler auch arbeitet, hier sitzt er in einer Reihe mit den Schlusslichtern der Gesellschaft. Und nur zu schnell wird ein Harz IV beziehender Künstler in die Nähe von Leistungsverweigerern und Schnorrern gerückt.

Doch ein ständiges Leben in Sorge, zudem belastet mit drei Berufen bestehend aus Broterwerbsjob, Künstler und eigener Manager, verbraucht irrsinnig viel Kraft. Dabei bräuchte gerade der kreative Prozess des Kunstschaffens einen Schutzraum aus Vertrauen und Verlässlichkeit. Deshalb ist die Beseitigung dieses Mangelzustandes und das Schaffen geordneter Lebensumstände eine Grundvoraussetzung für einen Künstler und kein Nebenthema. Denn dauerhaft führt die doppelte Kränkung zu immer denselben Varianten:
Viele Künstler geben das Kunstschaffen schließlich auf. Je älter sie werden, erliegen sie früher oder später den Anstrengungen. Etliche bleiben dann in ihrem Broterwerbsjob hängen. Sie machen sich selbständig als Webdesigner, Taxifahrer oder Kneipier. Dabei wird der frühere Anspruch, authentische Kunst zu schaffen, als romantische Jugendsünde abgewertet, die nun im Erwachsenendasein einem vermeidlichen Realismus weichen muss. Ja, damals, da wollte man noch dieses oder jenes, doch heute ist man „vernünftiger“ geworden. Viele versuchen sich dann vorzumachen, auch im Broterwerbsjob noch ein gewisses Maß an Kreativität leben zu können. Im besten Falle dekoriert man dann die eigene Kneipe oder das Café mit der Kunst anderer oder erstellt als Webdesigner eine Künstler-Homepage für das Internet. Und schließlich gibt es irgendwann ja auch noch das Rentenalter, da kann man dann ja wieder an alte Tugenden anknüpfen. Doch dies passiert natürlich niemals. Andere wiederum mutieren zu unfreiwilligen Hobbykünstlern, denn mehr bleibt ihnen nicht, zwischen Job und Familie. Ein bisschen Zeichnen oder Malen im Hobbykeller, mal eine kleine Ausstellung im Kulturlädchen um die Ecke. Wieder andere versuchen sich zwar treu zu bleiben, doch die zunehmende Scham sorgt für Vereinsamung in bitterer, zynischer Haltung. Gerade in Berlin wimmelt es von gealterten Ex-Künstlern, den „Lehmännern“, die ihre dauerhafte Kränkung mit Zynismus und Alkohol kompensieren. Bei dieser Fraktion liegt der tatsächliche kreative Output irgendwann nahezu bei Null, das Künstlerdasein verkommt zur Attitüde. In den Kreuzberger Kneipen schwadroniert diese Fraktion nach dem 4. Bier, was sie doch alles mal dachten, wollten und machten, als sie vor vielen Jahren als junge beseelte Künstler in Berlin ankamen. Und mit zunehmendem Alkoholpegel erscheint plötzlich vieles möglich – doch eine derartige Zuversicht hält höchstens bis zum Morgengrauen ...

Der Schauspieler und Kabarettist Stephan Jürgens sagt zum Künstlerleben in Berlin: „Heutzutage hat man es als Künstler auch nicht mehr so leicht. Früher brauchte man sich nur eine Gitarre umzuhängen und das Wochenende war geregelt – sie wissen schon was ich meine ... Heutzutage, als Künstler in Berlin!? In Berlin gibt es heute so viele Künstler, dass Du die Frauen nur noch rumkriegst wenn du sagt du bist Maurer.“

Dabei beschreibt das Schicksal vom verrückten Karl in Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ vielleicht die perfideste Folge der doppelten Kränkung aus Nichtbeachtung und Mangel:
Erfolglosigkeit wird zur innerpsychischen Identität. Denn bezeichnenderweise bekommt der beste Freund von Lehmann, Karl der Bildhauer, nach jahrelanger erfolgloser Nichtbeachtung als Künstler, genau am Vorabend einer völlig unerwartet großen Ausstellung eine Psychose. Er verliert den Kontakt zur Realität und wird in eine Nervenklinik eingeliefert. Doch zuvor zerhackt er noch sein größtes Werk. Psychose und Zerstörung machen den unerwarteten und zum Greifen nahen Erfolg natürlich auf einen Schlag zunichte. Was Regener in seinem amüsanten Roman beschreibt ist psychologisch fein beobachtet, denn diese komisch/tragische Anekdote zeigt die innerpsychische Folge des Dauerzustandes. Ein dauerhaft erfolgloser, ignorierter und im Mangel stehender Künstler, wird mit der Zeit Gefangener eines hermetisch geschlossenen und sich selbst unterhaltenen Systems. Denn psychologisch laufen über Jahre Prozesse an, die allesamt nötig sind, um den Zustand überhaupt aushalten zu können: Innere Rechtfertigungen und Erklärungen, Argumente und Selbstverortungen. Wird nun plötzlich – aus welchem Grund auch immer – wahr, was man sich über Jahre ersehnte, kann es zum Bruch mit dem inneren Selbstbild kommen. Deshalb sorgt ab einem gewissen Punkt der innere Mechanismus der self-fullfilling prophecy dafür, dass der Zustand der Erfolglosigkeit unbewusst fortgesetzt wird. Dieser verbreitete Mechanismus ist gut erforscht, betrifft er doch bei weitem nicht bloß Künstler. Generell bestimmt das innere Selbstbild die äußere Realität viel mehr, als die vermeintlich „objektiven Umstände“. Dies ist bei allen Menschen so und warum sollten gerade Künstler davon ausgenommen sein?

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Gastbeitrag, 20.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Das passt dann auch noch zum Thema:

Philipp Mißfelder, CDU-Präsidiumsmitglied und Chef der Jungen Union: "Die Erhöhung von Hartz IV war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie"

Markus | 21.02.09

 

Sehr guter Artikel zu diesem Thema.
Die Dauer der Künstlerbatterie von 7-10 Jahren deckt sich ja perfekt zu einem Zitat von Chris Decron in Piroscka Dossi, Hype- Kunst und Geld. dtv 2007, S. 175: Ein Künstler hat sieben Jahre Zeit, um Karriere zu machen.
Ein biblisches Maß?

An anderer Stelle wird die renommierte Galerie Nothelfer erwähnt. Sie hat in 40 Jahren Galeriearbeit 120 Neuentdeckungen ausgestellt. Nicht mehr als 8 Künstler haben sich im Kunstmarkt dauerhaft etablieren können. (a.a.O, S.107)
Galeristen leiden also auch.

Künstler-Galeristen-Duette sind im Hype manchmal nachvollziehbar (Rauch-Lybke-lange gewachsen) oder auch als tadellose Erfolgsgeschichte zu sehen (siehe die Geschichte von CFA auf deren Webseite, ..am Anfang nur Publikum usw...)
Warum Eder bei Lybke oder Meese bei CFA spaßmäßg reingestolpert ist, das hat schon etwas mit Partybetrieb und von Seiten des Galeristen mit Vermarktungswillen zu tun.

Und, Lehmänner? Ich finde diese Schlusszene zu pessimistisch. Ich bin einer, der halb drin ist und konsequent arbeitet und ich kenne einige, die das ebenso tun, erfolgreich ohne Hype.
Wie erwähnt, 95 Prozent können nicht von ihrer Kunst leben. Sie haben aber eine Stärke: Kunst, Kunstlehrer, Illustration, Webdesign, Coaching whatever, das sind unsere Tags!
Um die künstlerische Arbeit weiter zu bringen.

Michael Waitz | 24.02.09

 

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