Esther Ernst | wo ich war

ONO YOKO - KAPOOR ANISH - MEDIUM RELIGION - VILLIGER HANNAH - KENTRIDGE WILLIAM - IZIKO SOUTH AFRICAN NATIONAL GALLERY - MICHAELIS GRADUATE SHOW

 

ONO YOKO
re.ackt.feminism
Alte Akademie der Künste, Berlin
+ ich habe mich nie besonders für Yoko Ono interessiert, aber die zwei Videodokumentationen über ihre beiden "cut piece"-Performances haben mich doch sehr überzeugt.
1965 performte sie als noch recht unbekannte Künstlerin in New York, setzte sich auf den Boden und forderte das Publikum mit der neben ihr liegenden Schere auf, Stoffteile aus ihrer Kleidung herauszuschneiden. Die Reaktionen fielen ziemlich grob, belustigend und herablassend aus. In dieser zum Teil beängstigenden Rohheit liegt unglaublich viel Spannung.
2003 wiederholte sie ihre Performance in Paris auf einer Bühne auf einem Stuhl sitzend, neben ihr die Schere liegend und irgendwo ein Mikrophon platziert. Was in diesen vierzig Jahren mit Yoko Ono und der Welt passiert ist, wird in diesem Video deutlich. Vorsichtig tritt das Publikum an Yoko heran, flüstert ihr zu, bedankt sich bei ihr, schenkt ihr das ausgeschnittene Stück Stoff zurück, behandelt sie wie eine Heilige. Die eigentliche Performance verschwindet, wird komplett nebensächlich. Toll, diese Kontextverschiebung.

 

KAPOOR ANISH
Memory
Deutsche Guggenheim, Berlin
+ beeindruckend ist tatsächlich dieser Moment, wenn man vor dem 2 x 2 Meter grossen Quadrat in der Museumsshopwand steht und in den Bauch dieser unglaublichen Skulptur rein schaut. Und wie zweidimensional, beinahe wie ein Wandanstrich, diese Fläche scheint, verrückt.
Tolle Form, tolles Material, tolle Ausstellung.

 

MEDIUM RELIGION
ZKM, Karlsruhe
+ vom Thema nicht besonders angezogen, verschluckte mich die riesige Ausstellung sofort, weil Boris Groys und Vitaly Komar beachtlich vielseitige Positionen zusammengetragen haben.
Beeindruckt war ich von Nira Peregs Photographien, die das jüdisch orthodoxe Viertel in Jerusalem "Ramot Polin" zeigen, welches durch seine bienenstockartige Bebauung heraussticht. Mit der Videokamera dokumentiert sie dort die geschäftige Arbeit des Absperrens von diesem Gebiet am Vorabend des Sabbats.
Verwirrt von Chirstoph Büchels Arbeit " Mein Kapf" , eine Installation aus 1000 Exemplaren der arabischen Ausgabe von Hitlers " Mein Kampf", die ähnlich einem Strassen-Verkaufstand aufgebaut sind. Laut Texttafel hat sich Büchel diese bestellt und in original U.S. Marlboro-Versandkartons geliefert bekommen. Und natürlich bin ich mir trotz allen Beweisen nicht ganz sicher, ob das Ganze nicht doch ein Fake ist, und weil das Grübeln viel schöner ist, will ich’s gar nicht recherchieren.

 

VILLIGER HANNAH
Museum für Gegenwartskunst Basel
+ Seltsam, ich kann mit diesen emotional aufgeladenen Körperfotografien von Hanna Villiger kaum was anfangen, finde nicht wirklich hinein, in ihren über Jahren verfolgten Arbeitskomplex. Beinahe wird es mir unangenehm, weil so gefühlig und darin allerdings sehr brav.
Mit der Polaroidkamera untersuchte sie seit Beginn der
80-er Jahre ihren Körper, verrenkte und verdrehte sich, erprobte verschiedenen Belichtungsmöglichkeiten und löste schlussendlich immer selbst aus.
Ich schätze meine Abneigung liegt an der Kombination von nackter Haut und den schmierig leicht verschwommenen Farben der circa auf 1 x 1 Meter vergrösserten Polaroids.
Allerdings sind in dieser Ausstellung auch keine ihrer bekannten Bildblöcke ausgestellt, die durch die Anordnung von verschiedenen, meist überbelichteten Hautauschnitten grosse abstrakte Formen in extremen Hell-Dunkelkontrasten bilden.
Den gemeinsamen Pavillon mit Pipilotti Rist an der Bienale in Sao Paulo von 1994 hätte ich gerne gesehen, weil man’s dann da doppelt um die Ohren kriegt, weniger verhalten.

 

KENTRIDGE WILLIAM
I am not me, the horse is not mine
Iziko South African National Gallery, Kapstadt
+ Ein Raum mit acht Videoprojektionen und einer Tonspur. Und man staunt, der Ton passt zu all diesen doch sehr verschiedenen Videos, die was erzählen, eine Botschaft haben. Da tanzt ein russischer Offiziersschatten, Kentridge performt vor seiner Atelierwand, läuft mit einem gezeichneten Pferd über dem Körper durch das Bild, kubistische Formen finden zu Figuren zusammen, ein schriftlicher Auszug eines Verhörs mit Bakhunin von 1937 erscheint wie ein Kinoabspann und eben diese Tonspur, die sich nach getragener Filmmusik anhört. Den zehn-minütigen Loop habe ich mir mehrmals angesehen, es schien mir allerdings unmöglich herzauszufinden, um was es denn hier geht, mit was sich Kentridge auseinandersetzt. Ausstellungstexte gibt’s hier nicht, die Dame im Museumsshop hat mir später erzählt, dass die Musik aus Stravinskis Oper " die Nase" stammt und er sich wohl mit ihr beschäftigte. Aha, was passiert denn da so? Man weiss es nicht. Die machen’s einem auch nicht besonders leicht, in so einen Werkkomplex einzusteigen.

 

IZIKO SOUTH AFRICAN NATIONAL GALLERY
Kapstadt
+ Wenn man überlegt, dass die südafrikanische Nationalgalerie das künstlerische und ja immerhin auf ziemlich hohem Niveau stattfindende Schaffen des Landes konserviert und öffentlich zugänglich macht, ist der Besuch dieses Museums eine ziemlich traurige Angelegenheit.
Da hängt kreuz und quer irgendwas, mal ein kleines Kentridge-Filmchen, schlampig präsentiert, daneben eine Vitrine mit bemalten Strausseneiern, daneben ein paar im Rahmen verrutschte Photographien von David Goldblatt, einen Raum weiter dann eine Serie Pferdebilder-Ölmalerei aus dem 18. Jh., dann eine Sammlung von Rauchportraits von Diane Victor und so weiter...
Und ehrlich gesagt, wenn natürlich sehr einschränkend, ist der mickerige Ausstellungsetat von umgerechnet jährlich circa 20'000 € keine gute Ausrede für so eine mistige Präsentation...
Nächste Woche beginnt eine W. Kendridge Sondershow, da bin ich mal gespannt, kann ja nur besser werden.

 

MICHAELIS GRADUATE SHOW
Michaelis School of Fine Art, Kapstadt
+ Was mir bei dem Rundgang durch die Abschlussausstellung der Diplomanten der Michaelis Art School sofort aufgefallen ist, sind die mit Klemmbretter und roten Punkten bestückten Damen, die in jedem Raum fleissig Namen notieren und Punkte kleben. Und natürlich meine Verwunderung darüber, wer denn diese ganze Kunst kauft, und dass beinahe alles an Malerei und Photographie nach zwei Stunden nach der Eröffnung bereits verkauft ist, nur Installationen und konzeptionelle Arbeiten bleiben auf dem Trockenen...
Und dass all diese Räume so sehr nach geleckten (und auch langweiliger) Galerieausstellungen aussehen, dass die wenigsten Studenten ein Wagnis einzugehen scheinen (zumindest aus meiner Perspektive)... Und schade auch deshalb, weil doch ein Kunstschulrundgang gerade wegen den kruden und abwegigen, den noch nicht ganz ausgereiften und rohen Arbeiten so reizvoll ist. Warum gleich schon so erwachsen tun?

Esther Ernst, 21.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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