Gastbeitrag | Kritik

That Leibovitz Woman

Gastbeitrag von Jenny Möller

Annie Leibovitz
A Photographer’s Life . 1990 - 2005
Postfuhramt, Berlin
21.02. bis 24.05.09

Eine Menschentraube drängelt sich am Abend des 20. Februar vor dem Haupteingang des ehemaligen Postfuhramts, erklimmt geduldig Stufe für Stufe. Hunderte Menschen warten zwanzig bis dreißig Minuten in der klirrenden Kälte - um sich Bilder anzuschauen, von denen sie sicher viele schon kennen aus Zeitschriften oder Bildbänden und Werbekampagnen. Es handelt sich schließlich um eine Art Retrospektive der Jahre zwischen 1990 und 2005. Aber genau das ist das Geheimnis: Wir wissen, was uns erwartet. Wissen, wir werden faszinierende Porträtfotografien zu sehen bekommen, zu denen wir leicht Zugang finden. Das ist ja nicht unbedingt üblich in der bildenden Kunst, auch in der Fotografie nicht. Oft erschließen sich die Werke nur mühsam oder sie laufen leicht Gefahr als trivial zu gelten. Auf diese Idee wird man nicht kommen wenn es um die Bilder von Annie Leibovitz geht. Gleich ob Magazin-Cover, Star-Porträts oder Familienfotos – sie strahlen. Sie erzählen Geschichten, an denen wir als Betrachter teilhaben dürfen.

An diesem Abend gibt es nur Zipfel zu sehen und Ausschnitte ihres umfangreichen Werkes. Aber allein die staunenden Menschen, die sich in Scharen vor den teils großflächigen, teils kleinformatigen Aufnahmen versammeln, sagen einiges aus über die Arbeit dieser Frau. Man hat das Gefühl sie zu kennen, sie in ihrer Kunst wieder zu finden. Man spürt ihre Präsenz und ihre Getriebenheit – ohne jede Attitüde, beseelt allein von ihren Ideen und ihrem Perfektionismus. Gut vorstellbar, dass Größen wie Hilary Clinton, Nelson Mandela oder Demi Moore sich darum reißen vor ihrer Linse zu stehen. Sie vertrauen ihr, denn Leibovitz geht es nie um Bloßstellung. Diese Integrität danken ihr viele Stars bis heute mit einer jahrelangen Freundschaft. Das wiederum macht sie selbst zum Star, ermöglicht ihr das Arbeiten unter selbst gewählten Bedingungen und mit enormen Budgets.

Aber das wirklich Besondere an der Ausstellung sind die Familienfotos – intime Porträts von ihren Verwandten, ihrer Lebensgefährtin Susan Sonntag und ihrer selbst. Bilder von ihrem sterbenden Vater oder von ihren drei Kindern lassen selbst die nackte Cindy Crawford im Vergleich verblassen. Das Unverstellte Ihres Blickes schafft eine Intimität, der man sich kaum entziehen kann. Wir wollen noch mehr sehen von „that Leibovitz Woman“!

Gastbeitrag, 22.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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