Michael Reuter | Alles
Vielfalt in der Einheit. Der Kulturverein Provisorium in Nürtingen bei Stuttgart

Muss ja ein mächtig großer Kulturverein sein! Mit Zentralsaal! In Nürtingen! „Hotelbar Kassel“, „borderlines“, „Schauraum“, „Café Logos“, „El Kursaal“ und ein „Filmclub“ buhlen auf der Website um die Gunst eines kulturell offensichtlich äußerst regen Publikums. Womöglich mit Strahlkraft weit über die Provinz hinaus? Nie gehört. Verdammt!
Die Recherche vor Ort führt in den Keller der frisch renovierten Stadthalle und zur buddhistischen Erkenntnis: Alles ist Eins.
Eine kleine Bar bildet das Entree zur Unterwelt des Kulturvereins Provisorium e.V. Nürtingen. Über eine weitere Treppe abwärts gelangt der Besucher in den „Zentralsaal“, der für Konzerte, Partys und Lesungen genutzt wird. Gleich nebenan präsentiert sich der „Schauraum“, eine fensterlose, fies beleuchtete, 55 qm große Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst.
Seit 2008 kümmern sich Josephine Bonnet, Tilman Brandmeier und Gundula Weißhaar um die Bespielung des ungemütlichen Quaders ohne rechten Winkel. Der Künstler Andreas Mayer-Brennenstuhl, Mitbegründer des Provisoriums und Professor an der FH für Kultur- und Medien-Gestaltung Schwäbisch Hall hält sich als beratender Elder Statesman im Hintergrund. Mittlerweile ist bereits die dritte ehrenamtliche Generation am Start und trotz notorisch knapper Kassen gelingt es dem harten Kern der Sympathisanten, das Provisorium gegen alle finanziellen und lokalpolitischen Widerstände am Laufen zu halten. Mayer-Brennenstuhl ist überzeugt, dass das linke Image des Zentrums sich nicht mit den kulturellen Vorstellungen der Stadtväter verträgt: „Seit es uns gibt, versucht die Stadt, uns dichtzumachen.“
Der Ex-Frankfurter Tilman Brandmeier sieht im Kulturverein ein Stückchen Heimat in der Ferne für die vielen Studenten, die an der Freien Kunstakademie, an der Hochschule für Kunsttherapie und an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt lernen. „Gerade was den Off-Space betrifft, haben wir durch die vielen Studenten ein sehr interessiertes und vorgebildetes Publikum.“ Außerdem sei das Provisorium, was die Vielfalt der Veranstaltungen betreffe, einzigartig in Nürtingen.

Gundula Weißhaar sieht vor allem die Synergie-Effekte der vielfältigen Veranstaltungen: Viele Bar- oder Konzertbesucher besuchten auch die Ausstellungen im Schauraum. Und es ergäben sich immer wieder Gelegenheiten, spannende Cross-over-Events zu realisieren. Unvergessen ist das „Internationales Treffen der Schaumschläger und Tagediebe“ in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Oberwelt in Stuttgart oder das „59 Seconds Festival“ aus New York.
Der Schauraum sieht sich aber auch als lokale Plattform für Studenten aus der Region und pflegt enge Verbindungen zur Stuttgarter Kunstszene. So waren bis Mitte Februar Alexandra Mahnke und Aleksandar Nesic mit ihrer Installation Sichtbares & Unsichtbares(kursiv) zu Gast. Die beiden Künstler verbrachten die Öffnungszeiten äußerst ungemütlich in einem riesigen Schaukasten aus Glas, der mit leeren Verpackungen von Kosmetikprodukten gefüllt war.
Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 67, Februar 2009.
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Michael Reuter, 21.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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