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Was ist die Matrix? Erfolg im Betriebssystem Kunst hat wenig mit Genie und viel mit Kommunikation zu tun

Das klingt doch gut! „Das wichtigste im Kunstbetrieb sind die Künstler“, salbaderte der Leipziger Galerist Harry Lybke letzten Dezember auf einer Veranstaltung der Aka Stuttgart. Unter den eurogepolsterten Fittichen des Kunsthändlers darf und soll der kreative Mensch ganz und ausschließlich seinem Werk verpflichtet sein. Der Galerist kümmert sich um die Niederungen des Lebens und schirmt den Künstler ab. Kein Telefonat ohne sein Ohr, kein Sammlerbesuch ohne sein Placet, keine Ausstellung ohne sein Konzeption. Läuft alles perfekt, werden Künstler und Position als alleingültig im Markt verortet und der überreichliche Auswurf der Akademien wird mit siedendem Pech übergossen, sobald er sich anschickt, den Hügel der Kunstgeschichte ebenfalls erklimmen zu wollen. Krieg ist Krieg. Zu den Waffen! Für einen guten, für den einzigen, für den eigenen Zweck.

Aber wie beginnen? Wie reinkommen in das Betriebssystem Kunst? Und wie drinbleiben? Um sich vor den gichtigen Krallen schlechter Galeristen zu schützen, empfiehlt Lybke dem Meisterschüler oder der diplomierten Akademieabgängerin erst einmal den Aufbau einer eigenen Produzentengalerie als „Heiratsmarkt“ und „Schutzwall“. Für die ersten Jahre nach der Ausbildung können so der Markt sondiert, Visitenkarten gesammelt und Beziehungen geknüpft werden, bevor einige wenige Produzenten den Absprung zu renommierten Galeristen schaffen.

Die Künstlerin Diana Artus beschäftigt sich in ihrer theoretischen Diplomarbeit an der HGB Leipzig mit dem Thema „Zugang und Erfolg im Kunstbetrieb“. Ihr fiel bei der Literaturrecherche auf, dass immer sehr ausführlich von künstlerischen Erfolgen berichtet wird, aber sehr selten davon, wie diese zustande kamen. „Diskretion zu wahren ist mit das erste, was ein Künstler auf dem Weg nach oben lernt. Kaum jemand lässt sich in die Karten schauen und verrät, wie er seinen Lebensunterhalt wirklich bestreitet oder seine künstlerische Arbeit finanziert und promotet.“ In Ermangelung auskunftsfreudiger Gesprächspartner suchte Artus den Zugang zum Thema über die Auswertung theoretischer Arbeiten.

Besonders ausgiebig widmet sie sich den Thesen des Architekturtheoretikers Georg Franck und des Soziologen Pierre Bourdieu. Franck stellt in seinen Büchern „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ und „Mentaler Kapitalismus“ die Aufmerksamkeit als neue, wirkmächtige Währung der Marktwirtschaft vor: Nur wer in der Lage ist, in einer durch Bilder und Informationen gesättigten Gesellschaft Aufmerksamkeit zu erregen, findet Beachtung und damit Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten. Ähnlich dem Slogan „Geld kommt zu Geld“ gilt: „… wer einmal ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit für sich vereinnahmen konnte, gewinnt schon dadurch immer mehr dazu und wirkt so automatisch interessant. Wer immer leer ausgeht, wird mit derselben Zwangsläufigkeit unattraktiv und deshalb in Zukunft weiter leer ausgehen.“

Pierre Bourdieu beschreibt in seinen Büchern Herkunft und Sozialisation als mitentscheidend für den Lebenslauf. Der „richtige Stallgeruch“ oder der kulturelle Vorsprung eines Upper-Class-Kindes sind für Nicht-Priviligierte, wenn überhaupt, nur unter erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwendungen zu erreichen. Und schließlich: Wer es bis vor die Tür der Disco geschafft hat, ist noch längst nicht drin. Was Bourdieu mit Blick auf die Kunst als gesellschaftliches „Feld“ definiert, ein „Glaubensuniversum, das mit dem Glauben an die schöpferische Macht des Künstlers den Wert des Kunstwerks als Fetisch schafft“, präsentiert sich dem erschöpften Jungkünstler als diffuses Schlachtfeld um die Definitionsmacht, um Regeln und Zugangscodes, die von den Etablierten am liebsten für alle Zeiten festzementiert, und von den Newcomern am liebsten gesprengt werden. Dabei geht es nicht um das Gute, das Wahre und das Schöne, sondern einzig um die Durchsetzung eigener Interessen.

Das Wichtigste im Kunstbetrieb ist also nicht der Künstler, sondern der Systemerhalt und das Eigeninteresse. Diesen Zielen haben sich nicht nur die Künstler unterzuordnen, sondern auch die Galeristen, Kuratoren, Kritiker, Sammler, Jurymitglieder, Professoren, Museumsdirektoren, Kunstwissenschafter und die Boxenluder des globalisierten Messezirkus.

Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich schreibt, dass es für einen Künstler „künftig immer wichtiger und entsprechend immer mehr ein Privileg sein wird, Zugang zu Infrastrukturen, technischem Know-how oder auch zu Netzwerken und Kontaktzirkeln zu haben“. Das Perfide an dem System ist, dass es sich nicht durch die gegenläufigen, egoistischen Interessen im Laufe der Zeit selber zersetzt, sondern sogar noch verfestigt, da, so Arbus, „ein gemeinsamer Glaube an den Wert dessen besteht, worum gekämpft wird: all das, was man stillschweigend akzeptiert, wenn man sich auf das Spiel einlässt, und das einen dazu bringt, in das Spiel zu investieren. (…) Die Spielregeln können sich also ändern, aber die Basis, der grundsätzliche Glaube an das Spiel, bleibt unberührt. Denn wer den ernsthaft hinterfragt, stellt damit ja die Existenz des gesamten Felds in Frage. (…) Gerade die große Menge an Zeit und Energie, die in das Erlernen der Regeln fließt, deren Kenntnis auch dann nötig ist, wenn man sie zerstören will, schützt das Spiel am besten vor wirklich gefährlichen Umstürzen.“

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 67, Februar 2009.

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Michael Reuter, 27.02.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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