Gastbeitrag | Kritik

Am hellichten Tag

Silva Agostinis Ausstellung in der Galerie Isabella Czarnowska, Berlin
noch bis 25. April

Zwei Fotos eines Bauprojekts hängen nebeneinander. Sie zeigen zwei Stadien der Fertigstellung, sie sehen aus wie Orte in denen etwas passieren soll, eine Theateraufführung vielleicht; doch hier sind keine Freilichtbühnen abgebildet, sondern Wohnhäuser. Ohne dass sich dieser Inhalt aufdrängt wird deutlich, dass es sich hier um Orte im Osten Europas handelt. Was stattfinden soll ist Alltagleben; Inszenierung des neuen Wohlstands. Die beiden Fotos sind menschenleer, wer hier einziehen soll ist noch nicht angekommen und ist vielleicht als Element dieses Projektes letztendlich nicht vorgesehen. Eine grüne Bauplane erscheint als farbspektral verschobener Theatervorhang, im anderen Bild ist fast fertig gebaut und das Meer blitzt durch zwei Aussparungen im Hintergrund. Tatort: am Menschen vorbei gebaut.

Gegenüber liegt farbgewaltig ein Pool vor dem Meer, ohne Wasser, ohne Besucher, ohne Badende; ein hingeworfenes Stück Rollrasen verspricht vergeblich ein angenehmes Klima, der sturmumwölkte Himmel dramatisiert die Verwahrlosung. Der Pool und das Arrangement wollen Urlaubsträume wecken, doch Silva Agostinis Blick ist erbarmungslos. Ohne Beiwerk und Protagonisten erzählen ihre Arbeiten vom übrig Gebliebenen und verweisen über den fotografischen Ausschnitt hinaus auf die Politik der Nutzung. Vom Menschen erschaffene doch jetzt vergessene und unzugängliche Orte. Obwohl menschenleer deuten ihre Fotografien ganz deutlich auf das Machwerk der Menschen hin. Beseelt und eindringlich geben Agostinis Bilder ein Interview über ihre Erlebnisse.

Begibt man sich weiter in die Galerieräume steht man vor der Arbeit “That Year, That Month, That Day“, einer 24-teiligen Fotoarbeit, jedes etwa in DinA3 Größe, alle über die Ecke in einer Reihe an die Wand gepinnt. Abgebildet sind kreisrunde Ausschnitte aus Hintergründen alter Familienfotos. Agostini schafft mit dieser Arbeit den Verständnissrahmen für ihre Ausstellung: Wann schlägt die Zeit der Dinge? Was bleibt von einem Moment der einmal ein „Jetzt“ war? Dieser schon zur fotoimmanenten Floskel verkommenen Frage gibt Silva Agostini frischen Atem. In den Farben changierend zwischen vergilbt, sepia und neutral schwarz weiß, setzt „That Year...“ einen fotohistorischen Akzent in die Ausstellung und weist den kaschierten und gerahmten Farbgroßformaten den Platz des heutigen „Jetzt“ zu. Die runden Ausschnitte lassen Menschen fast ebenso außer Acht wie Agostinis großformatige Arbeiten und schicken diese doch ohne Zögern in den Ring. Fast abstarkte Anschnitte von Personen sind erst spät zu erkennen, denn Agostini stellt Hintergründe in den Vordergrund; diese sind reich an Atem, sie bleiben, als Ort des Geschehens und werden letzten Endes zu überwucherten, verlassenen und umzäunten Überresten.

„Vertical Rotation“ ist ein 16mm Filmloop der eine um 90 Grad gekippte Kamerafahrt zeigt. Verlangsamt stürtzen Häuser, Autos und Passanten die Projektion hinunter: eine Straße in der albanischen Hauptstadt Tirana. „Vertical Rotation“ bedient sich bei der Filmsprache des amerikanischen Autorenkinos; bei Filmen wie „down by law“, in denen der Filmbeginn eine simple, aus dem fahrenden Auto geschossene Kamerafahrt ist. Agostinis Bauten, die Ladenfassaden, die Passanten und die parkenden Mercedeswagen werden zu Bildern eines Zoetrops, die Kamerabewegung spielt uns lediglich einen Handlungsanfang vor: ein Vorspann zur permanenten Wiederholung.

Die Doppelprojektion mit dem Titel „Obstacle“ ist die kritischste Beobachtung der Künstlerin und ein explizites Statement über ihr Heimatland Albanien. Agostinis Fotografien funktionieren als Zeugnisse des Übersehenen, wohingegen „Obstacle“ ein scharfer Kommentar auf die Sichtbarkeit der Dinge ist. Ebenfalls gefilmt in Tirana, sieht man in der linken Projektion einen Mann rückwärts die Straße entlang gehen. In der sengenden Hitze schiebt oder zieht er mühselig eine schwer beladene Handkarre. Die rechte Projektion zeigt eine Kamerafahrt entlang der besagten Straße, zu sehen sind Mauern, Tore, Steinwände; kein einziger Durchblick in den Lebensraum der Menschen ist zu erkennen. Albanien, vormals eisern von der Welt abgeschnitten unter Diktator Enver Hoxha, liefert hier ein neues Bild selbst gewählter Abschirmung am hellichten Tag.

Silva Agostinis Identität als albanische, in Berlin lebende Künstlerin ist der allen Arbeiten zu Grunde liegende Tenor, die Klangfarbe mit der uns ihre Botschaften entgegenschallen. „Am hellichten Tag“ ist, neben einer Filmreferenz, eine Untertitelung der Nüchternheit Ihrer Arbeiten. Agostini zeigt uns die Tatorte Albaniens im Sonnenlicht, ohne Nostalgie.

Silva Agostinis Ausstellung ist noch bis zum 25. April in der Isabella Czarnowska Galerie in Berlin zu sehen.

Gastbeitrag, 05.03.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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