Michael Reuter | Alles

Ode an die Natur #1

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Naturfreunde und Wandervögel,

einfach mal in der Natur die Seele baumeln zu lassen, ist ein Wunsch, den sich der gestresste Großstädter gerne im verdienten Jahresurlaub erfüllt. Gemeint ist damit der romantische Blick vom Whirlpool auf majestätische Bergketten oder die fototaugliche Stampede einer Gnu-Herde, beobachtet aus dem gut gefederten Safari-Bus. Keinesfalls ist damit das leibliche Baumeln an einem Ast im Urwald gemeint, mit den Tatzen eines Leoparden im menschlichen Gekröse.

Schon, wer sich nur vor die Wohnungstür traut, rutscht in der Nahrungskette weit hinter übermüdete Lkw-Fahrer und spielfreudige Mastinos zurück. Aber warum ist uns die Natur trotz aller Widrigkeiten immer noch Verheißung absoluten Glücks und höchster Seligkeit?

Im Psalm 23:1-3 heißt es: Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zu stillen Wassern. Die Betonung, liebe LeserInnen, liegt auf grünen Auen! Keinen Menschen bei klarem Verstand, schon gar nicht die alten Israeliten, zog es je in die Natur.

Auch die alten Meister der Malerei zeigen den Menschen gerne flanierend in arkadischen Landschaften zwischen vergnügten Halbgöttern, in sich versunkenen Flötenspielern, pittoresk verfallenen italienischen Gärten, barocken Lustgesellschaften oder impressionistischen Idyllen. Keine Natur weit und breit.

Fehlanzeige auch in der zeitgenössischen Kunst. Im Zentrum steht immer der Mensch oder die vom Menschen geformte Kulturlandschaft. Seit Caspar David Friedrichs Bild Mönch am Meer, einer Meditation über die existenzielle Grundeinsamkeit der Menschen in der Natur, hat die Kunst hier nichts bedeutendes mehr vorzutragen gehabt.

Welcher Sammler will sich auch Bilder einer chaotischen Schrecknis über das Sofa hängen? Es hat sicherlich einen verborgenen Sinn, dass Unrat ein Anagramm von Natur ist: Der Mensch wandelt sich in ihr vom selbstbestimmten Subjekt zum hilflosen Objekt archaischer Gewalten. Kein Durchkommen im Urwald, die Wüste zu heiß, der Polarkreis zu kalt. Tagelang regnet es und die Tiere und Früchte der Erde verweigern sich entschieden ihrer Bestimmung als Nahrungsquelle, indem sie entweder davonlaufen oder unkalkulierbare Auswirkungen auf die Darmzotten des unglücklichen Testessers haben.

Glücklicherweise, liebe LeserInnen, macht die Fläche aller Naturparks in Deutschland nur 2,6 % des Bundesgebietes aus. Die Wahrscheinlichkeit, versehentlich im Moor zu versinken oder einem Wolf zu begegnen, ist zu vernachlässigen. In Bayern existieren rudimentäre Urwaldflecken, die als Borkenkäfer-Schutzgebiete fungieren und stellenweise durch Holzbohlenwege erschlossen sind, um auch dem Nachwuchs die Freuden des Landlebens zu verdeutlichen. Der Wohntrend führt dennoch zurück in die Stadt. Gepriesen sei der HERR.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 68, März 2009.

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Michael Reuter, 11.03.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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