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Ode an die Natur #2

Hallo. Mein Name ist Alba. Ich bin ein Albinokaninchen. Ich mag Gras, Gemüse und Salat. Wenn ich mit Schwarzlicht angeleuchtet werde, leuchte ich hellgrün zurück. Krass, nicht? Es ist keine Krankheit und es liegt auch nicht am vielen Grünzeug: Ich bin das GFP Bunny! Ich bin das erste transgene Kunstwerk der Welt.
Sie wundern sich? Nun, die Schöpfung ist eine drollige Mischung aus Fehlerhaftem und Unvollkommenem. Es ist nur verständlich, dass der Mensch zu seinen Gunsten an der einen oder anderen Stellschraube im Getriebe der Natur dreht. Und auch für ein Kaninchen muss es doch mehr geben, als abends auf der Wiese … Sie wissen schon.

Dieses „mehr“ bin ich und mein Schöpfer ist der brasilianische Künstler Eduardo Kac. Eduardo behauptet, er hätte mich Anfang 2000 beim französischen Forschungsinstitut für Landwirtschaft bei Paris in Auftrag gegeben. Der Leiter des Instituts, Lois-Marie Houdebine sagt dagegen, Eduardo habe mich aus einer bereits existierenden Gruppe von GFP-Hasen ausgewählt, weil ich ihm besonders friedvoll vorkam. Friedvoll stimmt auf alle Fälle.
Jedenfalls wurde mir die genetische Bauanleitung für das „grün fluoreszierende Protein" eingepflanzt, eine freundliche Spende der Qualle „Aequorea victoria".
Ich sollte der Star bei einem französischen Medienkunstfestival werden, doch das Genlabor bekam es mit der Angst und verweigerte die Übergabe. So blieb ich im Labor, umgeben von Kollegen mit Krebs, Herzbeschwerden und Aids, deren künstlich eingepflanzte Krankheitsgene ebenfalls mit dem Leuchtgen gekoppelt waren. Eigentlich genial: Sag mir, ob du leuchtest und ich sage dir, ob du stirbst.

Im Unterschied zu meinen Mithäftlingen wurde ich also angeblich nicht zu Forschungszwecken gezüchtet, sondern als Kunstwerk – und an diesem Punkt entzündete sich auch das große Medieninteresse: Sollte es erlaubt sein, transgene Tiere aus rein ästhetischen Gründen zu züchten? Eduardo meinte dazu, wichtiger als das Kunstgen sei die öffentliche Diskussion und die Integration des Tieres in einen „sozialen und interaktiven Kontext“. Soll heißen, er hätte mich am liebsten zu sich genommen und den lieben langen Tag geknuddelt und verwöhnt. *seufz*

Sie wissen, seitdem ist eine Menge passiert. 2001 wurde die vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms verkündet. Auf den siebenseitigen Abdruck der Buchstabenfolge in der FAZ habe ich eine ganze Woche gekötelt. Der amerikanische Biotechniker Craig Venter und seine Firma Celera Genomics hatten damals Tausende von Patenten auf einzelne Gensequenzen angemeldet. Anfang 2008 haben Forscher erstmals ein komplettes Genom aus einzelnen, synthetisch produzierten DNS-Abschnitten zusammengesetzt. Ist nur eine Bakterium, aber immerhin. Vielleicht gelingt es bald, Organismen zu züchten, die CO2 aufnehmen und in Sauerstoff umwandeln. Oder es wird möglich sein, Stammzellen zu züchten, ohne Embryonen zu töten.

Schöne, neue Welt. Doch was nutzt es einem armen Kaninchen. Ich bin eh schon tot, behauptet Lois-Marie Houdebine. Im August 2002 verschieden, im zarten Alter von fünf Jahren. Er glaubt nicht, dass die genetischen Manipulationen etwas mit meinem vorzeitigen Ableben zu tun hätten. Normalerweise können Kaninchen zwischen sieben und zwölf Jahre alt werden. Eduardo glaubt, der Institutsleiter habe mich einfach für tot erklärt, um die Medien loszuwerden. Das glaube ich auch. Das hoffe ich.


Neonkaninchen von Anke Hoffmann © 2009

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 68, März 2009.

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Michael Reuter, 18.03.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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