Gastbeitrag | Kritik

Schöne Aussicht

Von Silvia Beck

Zwei Ausstellungen von John Baldessari und den Berliner DAAD-Stipendiaten Allora & Calzadilla in den „Krefelder Häusern“

BRICK BLDG, LG WINDOWS W/XLENT VIEWS, PARTIALLY FURNISHED, RENOWNED ARCHITECT
Wie im Immobilienteil der Los-Angeles-Times die mondänen Villen der Hollywoodgrößen feilgeboten werden, annonciert der verschlüsselte Titel die aktuelle Ausstellung in Haus Lange. In einer genialen Kontextverschiebung versetzt – Santa Monica based artist – John Baldessari (*1931) die Krefelder Villa an die kalifornische Pazifikküste. Dort hat der „International Style“ von Bauhaus-Baumeister Ludwig Mies van der Rohe ja auch seine Spuren hinterlassen. In dem Krefelder Zwillingsbau Haus Esters – gleich nebenan – beziehen sich außerdem noch zwei Videoprojektionen von Jennifer Alora (*1974) und Guillermo Calzadilla (*1971) auf die Architektur ...

Irgendetwas stimmt hier nicht, denkt man, sobald man vor Haus Lange steht. Die typisch großzügigen Fensteröffnungen scheinen komplett vermauert. Aber nein – es handelt sich um fotografische Digiprints, die das Backsteinmaterial der Außenmauern täuschend echt 1:1 über die Fenster führen. Derart eingestimmt erkennt man im Inneren schnell das Konzept: Flächendeckend zieht sich das dunkelrote Ziegelmuster über alle Wände, während die Fensterleibungen grandiose Ausblicke auf den Pazifik (Terrassenseite), kalifornische Kiefernwälder (seitwärts) und auf einen geparkten Pickup (Straßenseite) simulieren. Original Freischwinger von Mies laden ein, zwischen den Fototapeten Platz zu nehmen. So richtig stellt sich der Genuss aber nicht ein, denn die derart in einen beklemmenden Bunker verwandelten ehemaligen Wohnräume sind nur noch ein schwacher Abglanz der sonst so Licht durchfluteten, das Außen nach Innen holenden Architektur. Und auch die Landschaftspanoramen wollen nur lapidare Zitate sein, offensichtlich kunstlose Illusionen, die augenzwinkernd auf ein großes Thema der Kunstgeschichte verweisen.

Nebenan in Haus Esters wird der Fensterblick ebenfalls thematisiert. Im Kontrast zu der aufwändigen, gleichwohl mit leichter Hand inszenierten „contra-Mies“ Intervention von Altmeister Baldessari, die in ihrer subversiven Präsenz körperlich erfahrbar wird, bleibt das immatrielle Medium des Künstlerpaares Allora & Calzadilla etwas blass. Zwar beziehen sich die im strengen Wechsel bespielten Projektionsflächen auf die dahinter liegenden Fensterformate. Inhaltlich verweisen die Videos aber auf komplett andere Zusammenhänge, auch wenn Calzadilla seine Doku zum Abriss des Palasts der Republik (während eines DAAD-Aufenthalts in Berlin 2008) angeblich für die Krefelder Ausstellung produziert hat. In „How to appear unvisible“ trabt ein deutscher Schäferhund – mit einem durch eine ausladende Halskrause eingeschränkten Blick – begutachtend über die apokalyptische Abrisslandschaft. Auf der Halstüte transportiert der Wachhund das knallig rote Logo der globalen Marke Kentucky Fried Chicken. Das am anderen Ende der Ausstellung platzierte Video von Allora „A man screaming is not a dancing bear“ wurde 2008 in New Orleans aufgenommen. Ein Afroamerikaner trommelt hinter den Jalousien eines vom Hurrikan Katrina gezeichneten Hauses einen verstörenden Rhythmus. Zwischen beiden Projektionen liegt die Leere der ehemalige Wohnhalle von Haus Esters. Und während man übers Parkett schreitet, kann man den politisch aufgeladenen Bildzeichen nachhängen ...

MUSEUM HAUS LANGE und MUSEUM HAUS ESTERS
Noch bis 1. Juni 2009

Gastbeitrag, 25.03.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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