Markus Wirthmann | Alles
Worpswede geht den Bach runter ...
... und niemanden scheint´s zu interessieren.
Anscheindend sind die Würfel schon lange gefallen. Worpswede, die Mutter aller Wald-und-Wiesen-Stipendien, wird zum Jahresende abgewickelt. Die Fördergelder und Stipendienplätze werden nach Lüneburg an die Leuphana-Universität verlagert. Merkwürdig nur, dass ich das alles so nebenbei und lapidar auf ´ner Ausstellungseröffnung in der Niedersächsichen Landesvertretung bei üppigem Buffet und freier Getränkezufuhr erfahre. Merkwürdig auch, dass mich niemand zu Protest oder Spenden oder sonstwas aufgerufen hat, um irgendein Ruder doch noch rumzuwerfen. Die Kunst-Gemeinde ist doch normalerweise ziemlich wertkonservativ und reagiert auf jede Verwerfung der Strukturen mit vorauseilender Empörung.
Die Künstlerstätte Schloss Bleckede erwischt´s übrigens noch ein paar Monate früher. Da wird der Geldhahn schon im Herbst abgedreht.
Hier die Stellungnahme von Bernd Milla, dem warscheinlich letzten Künstlerischen Leiter der Künstlerhäuser Worpswede.
Stellungnahme zu der geplanten Neustrukturierung der Künstlerförderung in Niedersachsen.Die Künstlerhäuser Worpswede haben eine lange und erfolgreiche Tradition innerhalb der Künstlerförderung Niedersachsens. In den letzten drei Jahren haben sie im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten eine erfolgreiche Neuausrichtung erfahren, die sich nicht zuletzt in einer erfreulich hohen Bewerberzahl widergespiegelt hat. Diese Neuausrichtung der Künstlerhäuser zielte vor allem auf Ausstellungstätigkeiten der Stipendiaten in Worpswede, auf Publikationen und Kataloge, auf Aktivitäten, mit denen sich die Stipendiaten auch außerhalb von Worpswede vernetzen können und auf den Diskurs der zeitgenössischen künstlerischen Praxis in Veranstaltungen mit externen Fachleuten.
Mein ständiger unmittelbarer Kontakt zu Künstlerinnen und Künstler im Feld der zeitgenössischen Kunst zeigt, dass diese Neustrukturierung positiv aufgenommen wurde, aber strukturell und standortbedingt immer wieder an ihre Grenzen stieß. Künstlerförderung in Form von Artist-in- Residence ist sinnvoll und nötig. Wichtig dabei ist aber, dass die Künstlerinnen und Künstler auch vor Ort Anknüpfungspunkte finden. Diese können jedoch nicht ausschließlich in der Tradition liegen. Das große Interesse, welches den Künstlerhäusern Worpswede nun seit wenigen Tagen in der Öffentlichkeit und auch in der Presse entgegengebracht wird, ist sehr erfreulich. Erfreulicher wäre es allerdings gewesen, dieses Interesse wäre bereits der alltäglichen Arbeit der Stipendiatenstätte und ganz besonders auch den Künstlerinnen und Künstlern während ihres Aufenthaltes, beispielsweise durch den Besuch ihrer Veranstaltungen, entgegengebracht worden. Der kontinuierlichen Unterstützung und dem dauerhaften Engagement einiger weniger soll hier allerdings mein ganz herzlicher Dank gelten, insbesondere dem Verein Atelierhaus Worpswede e.V.
Mein besonderes Interesse liegt darin, diejenigen Projekte zu unterstützen, die zu allererst den Künstlerinnen und Künstlern und der Kunst dienen. Den Stellungnahmen des Landes zufolge soll zwar in naher Zukunft eine Verlagerung, nicht aber die Streichung der Stipendien erfolgen. Ein Vorzug des neuen Konzeptes läge in dem umfassenden Diskurs, den eine Hochschule wie gerade die Leuphana Universität Lüneburg mit ihrer Infrastruktur und ihrem jungen Publikum den Künstlerinnen und Künstlern bieten kann. Die Diskussion um die Künstlerförderung in Worpswede und in Niedersachsen sollte daher bei allen berechtigten Eigeninteressen dritter Beteiligter die eigentliche Aufgabe nicht außer Acht lassen: die Förderung der Künstlerinnen und Künstler. Bei allem Bedauern kann eine Verlagerung der Künstlerförderung auch Chancen bieten.
Bernd Milla
Worpswede, 14.03.2009
Markus Wirthmann, 15.03.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
lieber herr milla,
das klingt gerade so, als hätten sie ihr pöstchen in lüneburg schon sicher...
uk
uwe kern | 18.03.09
Na offenbar interessiert es ja doch jemanden.
Habe gerade ein Telefonat mit der Journalistin einer Hamburger Tageszeitundg zu dem Thema geführt. Viel Licht ins Dunkel bringen konnte ich allerdings nicht. Mehr als das Statement von Bernd Milla habe ich nicht und auf meine E-Mail hat er auch nicht geantwortet. Bleibt abzuwarten ob die Profis aus Hamburg noch ein paar Fakten zusammenklauben können ...
Markus | 26.03.09
... war der Herr Milla nicht schon mal in Lüneburg ?
Stichwort Halle für Kunst
so ist es halt in Lower Saxony, früher heute und morgen
UD
Ulrich Diezmann | 26.03.09
ja, so macht man das: da meint man etwas "klingen" zu hören, und jemand anderes erinnert sich daran, wo der "Herr Milla" studiert hat - und ab geht die Diffamierung einer Person, die engagiert in Worpswede gearbeitet hat und dessen beruflich Zukunft völlig unsicher ist.
raimar stange
Stange | 02.04.09
Aktuelle Diskussion um Worpswede als Kulturstätte
zur Nachbetrachtung der gestrigen Sendung ( habe ich mir angeschaut) „Verkommt Worpswede zum Museum“ vom Nordwest-Radio im Worpsweder Bahnhof hier die Artikel zum Anklicken am 22.04. im Nordwest-Radio/Online und heute 23.04. in der Wümme-Zeitung:
http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_unterwegs/kalender102_date-20090422.html
http://www.weserkurier.de/20090423/btag_192.php?MeldungsID=2009042300669&
Insgesamt gesehen kann sich Worpswede eines Verlustes in der öffentlichen Wahrnehmung wohl nicht erwehren, das beklagen zumindest fast alle Gewerbetreibenden im Ort.
Meiner Meinung nach hat die Gemeinde einen nicht unerheblichen Anteil daran, denn wie kann es sein, dass eine Gemeinde, die doch überwiegend vom Tourismus lebt, zudem eine Fremdenverkehrsabgabe ihren Gewerbetreibenden abverlangt, ein wenig auffälliges Marketing betreibt. Die Welt informiert sich heute überwiegend über das Internet, um schnell Besucherinformationen zu erhalten, insbesondere für Gäste von außerhalb und ausländische.
Was hat da Worpswede getan?! Seit drei Wochen gibt es (zumindest und endlich) zur überarbeiteten Gästeinformation ein tool/Werkzeug von google, um die Seiten in Fremdsprachen zu übersetzten. Allerdings führt dies zu nicht fehlerfreien Texten, da es sich um eine Software handelt, die eben von der Einfachheit der Texte lebt. Es kann sinnwidrig sein.
Warum hat man diese Ansprache solange verschlafen. Bremen ist voll von Touristen aus Skandinavien, Spanien, Italien und England usw. seit Ryanair seinen Stützpunkt in Bremen hat. Wo spricht man diese Reisenden an? Diese verbleiben doch in Bremen, buchen doch aber die Reisen/Flüge online – anders geht es ja nicht. Wo ist die Werbung im Internet?
Der Bürgermeister spricht über Worpswede von einer Internationalen Marke. Jeder Marketingprofi weiß, dass so eine Marke entsprechend präsentiert und beworben werden will, sonst kann sie keinen Glanz verbreiten. Eine Marke ist kein Selbstläufer.
Eine Gemeinde wie Worpswede muß sich präsentieren, sich verkaufen, denn alle Gemeinden und Städte buhlen um die Touristen, aber Vertrieb und Marketing scheinen unterbewertet. Besucherpotential liegt schon lange nicht mehr nur vor der Haustür, die Welt migriert von Ost nach West und von Nord nach Süd.
Neue Generationen, die Worpswede dringend braucht – auch Künstlernachwuchs, wollen ständig und anders angesprochen werden, aber zeitgemäß.
All dies hatte sich wohl bis Hannover und Lüneburg „rumgesprochen“ und möglicherweise hat man sich deshalb die Verlagerung der Stipendiaten überlegt. Ein Blick auf www.lüneburg.de zeigt, dass man hier die Besucher in sechs Sprachen begrüßen will – leider auch hier noch eine Baustelle, nichts ist fertig. Man bewirbt ein unfertiges Projekt. Rührt aber daher Worpswedes Einsicht zur „Internationalisierung“?
Eine Allianz mit Bremen und dessen Universität, wie sie nun gestern von Frauke Migge angesprochen wurde: “....wir haben ja wie Lüneburg eine Uni in der Nähe“, da das Kind in den Brunnen gefallen scheint, wäre längst opportun gewesen über den eigennützigen Förderalismus hinweg, aber dieses obsolete Ländermodell befördert eben noch das Gerangel um Kulturstätten. Bleibt die Hoffnung, ein Teil der avisierten Millionen aus dem Masterplan wird auch in Werbung gesteckt, denn: wer nicht wirbt, der stirbt!
Mit freundlichem Gruß
M. Drese, Bremen ( webmaster www.museum-modersohn.com
Micha Drese | 27.04.09