Christoph Bannat | Bücher

Kunst und Comic 2


Manu Larcenet, Die wundersamen Abenteuer von van Gogh.

Comics waren immer schon ein Dankbares Medium für Männermythen. Orpheus und Eurydike ist so ein Männer-Mythos.
„Hector Umbra“, von Uli Oesterle (Carlsen-Verlag, 24.90 Euro) und „ An Vorderster Front- Die wundersamen Abenteuer von Van Gogh“ von Manu Larcenet ( Reprodukt-Verlag, 12 Euro) erzählen von solchen Untergrund-Männermythen.

Der Kulturkritiker Klaus Theweleit hat in „Buch der Könige“ diesen Mythos auseinander genommen. Er stellt die Frage, warum Orpheus, nachdem er Eurydike hätte aus der Unterwelt retten können, sich umdrehte und sie so auf ewig in diese verbannt. Orpheus wollte nicht, so Theweleit, dass seine Geliebte wirklicher, also lebendig, wird. So konnte er sie weiter ungestört, verliebt in die eigene Stimme und sein (Musik-) Instrument, besingen.


Manu Larcenet, Die wundersamen Abenteuer von van Gogh.

In beiden Comics sind die Hauptprotagonisten sind visionäre Künstler. Beide Künstler sehen Dinge die andere nicht sehen können. Während Umbra in die Unterwelt von München muss, geht van Gogh in die des ersten Weltkriegs, an die Front.


Uli Oesterle, Hector Umbra.

„Hector Umbra“ spielt in München, Deutschlands Lebenslustigen Sportstadt, in der Kunst Teil der Eventkultur ist. Ein ungewöhnlicher Ort den Uli Oesterle für seinen Kampf von Gut gegen Böse wählt. „Hector Umbra“ ist eine Machonovelle, in der Frauen schmückendes Beiwerk, Bedienstete, Kneipenstaffage, Geliebte, Zuhörer, einfach Verrückte, oder Chauffeurinnen die auf ihre kämpfenden Männer warten, sind. Eurydike wird dann auch gleich von einem männlich, von einem DJ besetzt. Der von der Unterwelt Gekidnappte wird gezwungen eine, die Massen hypnotisierende Hymne für das Reich des Bösen kreieren. Bei Oesterle ist die Kneipe der Einstiegsort zum Untergrund. Und man fragt sich, ob in München „die Kneipe“ als fester sozialer Bestandteil noch ihre Funktion erfüllt. Als Künstlertreff, mit Zugang zum Underground(dt. Untergrund) hat sie schon lange ausgedient. Wir leben in Zeiten des Loops, der ewigen Wiederkehr des immer Neuen. Da trifft man sich ganz Unten, im Plastikballbecken bei IKEA, dem neuen Underground. Der Künstler Hector Umbra malt Visionäres. Unbewusst bringt er das auf die Leinwand was er später erleben wird. Damit verkörpert dieser gleichzeitig das Autorenego. Hektor verkörpert das Bild des fremdbestimmter Künstler ohne sozialen Bindungen, damit ist er lediglich als dramaturgischer Trick erst zu nehmen. Einer, der ein dummes Künstlerklischee reproduziert. Die Möglichkeit Hektors die Geschichte malend selbst in die Hand nehmen wird nicht weiter thematisiert. So bleibt der Comic, wenn auch geschickt mit Parallelmontagen und Rückblenden erzählt, ein Ärgernis. Und wahrscheinlich wird Bayern München wieder Deutscher Meister.


Uli Oesterle, Hector Umbra.

Manu Larcenet hat auch ein Orpheus-Problem. Er schickt van Gogh in die Todeszone des ersten Weltkriegs, an die vorderste Front.
Betrachten wir Orpheus einmal als Avantgardisten. Einen der an einen Ort geht an dem noch nie jemand gewesen ist, in den Underground, den Hardes.


Manu Larcenet, Die wundersamen Abenteuer von van Gogh.

„Die Aufklärung für ein marschierendes Heer übernahm in früheren Zeiten die Vorhut, die Avantgarde“, nach Carl von Clausewitz, 1832. Bei Manu Larcenets Abenteuererzählung vereinen sich beide Begriffe, jener des Aufklärers und der des Avantgardisten in der Person des Künstlers Vincent van Gogh. Der Comic läßt van Gogh seinen Selbstmord nur vorgetäuscht haben.
Da die 1.Weltkriegsfront bröckelt und immer mehr Kämpfer dissertieren, will die französische Kriegsführung Aufklärung über den Gefühlszustand an der Front. Eine Konstruktion die so genial wie einfach ist. Die den Avantgarde Künstler als Modell karikiert und ihn mit dem Krieg, der gewalttätigsten menschlichen Übertreibung, konfrontiert. Wo Kunst selbst doch schon mit Formen der Übertreibung zu kämpfen hat. Manu Larcenet beschreibt van Gogh als Volkshelden und diskeditiert Manet, Toulouse-Lautrec und Bonnard als Bürgersöhne. An vorderster Front, dort wo es darum geht Getötete zu zeigen, zeichnet Manu Larcenet nach Weltkrieg I Fotografien. Tatsächlich ist unser Kriegsbilderbewusstsein eher von Fotografien, denn von Zeichnungen oder Malerei geprägt. Fotografie, das perfekte Kriegsmedium, schreibt der Tot sich doch bereits in jedes Foto ein. Alles was wir auf Fotos sehen ist Vergangen, oder kämpft gegen das Verschwinden, was nicht für Zeichnungen oder Malerei gilt. Und Larcenet stattet Gogh mit einem „fotografischem“ Blick aus, er sieht jene als Vögel die in nächster Zeit sterben werden. Im Auge des Krieges, an vorderster Front, glaubt auch Larcenet nicht mehr an die Darstellbarkeit von Welt und schwenkt ins surreal Märchenhafte. In der Todeszone erzählt er die Geschichte vom Hass unschuldiger Kriegsopfer, der sich als Kriegstreibendes Alien fortsetzt.
Ein Antikriegscomic. Und ein seltenes Beispiel dafür was ein Comic alles leisten kann.

Christoph Bannat, 26.04.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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