Gastbeitrag | Kritik

Der russische Linienrichter in London

von Martina Schmücker

Marc Wallinger kuratiert
The Russian Linesman*
Frontiers, Borders and Thresholds
The Hayward Gallery, London
18. Februar - 4 Mai

*Tofiq Bəhrəmov (alternative aserbaidschanische Schreibweise Tofiq Bährämov; russisch Тофик Бахрамов/Tofik Bachramow; * 1926 in Baku; † 12. Oktober 1993 in Baku) war ein Fußballschiedsrichter aus Aserbaidschan und wurde (aufgrund der damaligen Zugehörigkeit Aserbaidschans zur Sowjetunion) bekannt als der russische Linienrichter. (Quelle: Wikipedia)

Die Treppe hoch, der schrecklichen Ausstellung von Anette Messager entkommen, wird man freundlich begruesst: Joseph Beuys am Anfang, die Twin Towers als heilige Männer Cosmas und Damian in einem kleinen goldgelben Druck. Wie schön, wenn man an der Tür von einem alten Freund begrüsst wird. Die Erwartung steigt.

Beim nächsten Schritt wird das schon anders, es folgt eine schnelle Orientierung im 20ten Jahrhundert:
Hier baut Sturtevant eine Tür in die Galerie, Duchamp 11 Rue Larrey. Duchamp revisited in der Ecke zum Ausgang aufs Dach der Hayward. Gegenueber ist Giuseppe Pennone wieder jung und arbeitet im Wald, hier hängen schöne schwarz/weiss Fotos von kleinen Arbeiten die er als zweiundzwanzigjähriger an Bäumen gemacht hat und die jetzt wahrscheinlich schon lange mit den Bäumen verwachsen sind. Weiter im ersten Raum, im nächsten Jahrhundert, gibt es Berliner Filme in der dunklen Box. In Berlin Remake zeigt Amie Siegel was einmal war und was grade ist nebeneinander: DDR Filme nachgefilmt in der Gegenwart. Hier die Faszination der Zeit fuer die Künstlerin und für den Kurator die Faszination der lange schon nicht mehr geheimen Verbindung:
Der Krieg, die Zeit, die interessante Stadt. Im Titel ist die Verbindung über den Kanal auch schon enthalten, der Russian Linesman als vielleicht antideutscher kriegsgeschichts-beeinflusster Entscheider der englischen Fussballgeschichte.

Hier muss ich einen kurzen Ausflug machen in eins meiner Lieblingsthemen:
Der Engländer an sich und im Besonderen und im ganz Besonderen der in Berlin: ein wenig Forscher im Niemandsland ist da immer noch zu spüren; und wenn ich an den dummen Bären denke der mich vor der Nationalgalerie ein paar Jahre früher so gelangweilt hat, dann wird wieder klar, in welcher Ecke ich gelandet bin. Der Engländer schaut auf die Welt. Hier wird wieder eine Version von der ach-so-seltsamen-wundersamen-Welt, die ihm so gefällt praesentiert. Wobei das Präsentieren dieser Welt fast immer ins Übernehmen derselben übergeht. Mit nur vordergründig naivem Eifer werden die Verbindungen geknüpft und dann wird die gefundene Welt stolz als eigene Entdeckung im Niemandsland präsentiert.

Go for it, Marc, it’s all yours ...

Weiter im Beton-Bauch der Hayward folgen eine Reihe kleinerer Kommentare, kleinerer Grenzbereiche, das Sichtbarmachen von Grenz-Mechanismen, Übergaengen in Fotographie: Animal Locomotion von Eadweard Muybridge und dann in Film im Foley Artist, eine Arbeit in der Sound Effekte für Film sichtbar gemacht werden. Alle nöigen Geraeusche sind minutiös aufgeschlüsselt, erklärt auf dem grossen Spreadsheet an der Wand: Tacita Dean in einem eigenen kleinen Soundraum.
In der Ecke zum Notausgang gibt es eine wunderschöne Videoarbeit von Jerome Bel über eine Tänzerin, die am Ende ihre Karriere Revue passieren lässt und ihr tänzerisches Leben erzählt und tanzt . Eine Reflektion über das, was Wunsch war, das was hätte sein können, und das, was wahr geworden ist in Wort und Bewegung.

Doch dann gibt es in der Mitte des Raumes einen seltsamen Bruch, oder vielleicht ist das nur so weil mir die Ordnung der Ausstellung in die Bereiche Transzendenz und Zeitlichkeit, Illusion und Vision, und schliesslich Tod und Gewalt plötzlich zu bewusst wird, buchstäblich an den Linien auf dem Boden erkennbar: Fred Sandback’s Linien aus Garn am Boden und im Raum teilen die Ausstellung in ihre Bereiche auf.

Diese letzte große Ecke der Ausstellung ist reserviert für den territorialen Konflikt, den Krieg, gewaltsamer Tod, gezeichnetes Leiden in kleinen Augenzeugen Zeichnungen an der Wand, den Körper ohne Haut, den sterbenden Soldaten.
Aernout Miks, Video Raw Footage zusammengestellt aus „weggelassenen“ Reuters-News-Film-Bändern vom Jugoslavien-Krieg bleibt hängen, gemischt mit –MEINEN EIGENEN- Erinnerungen an Kroaten die von München aus übers Wochenende zum Kämpfen fahren. Krieg in seiner ganzen Langweile, Banalitaet und - Männlichkeit. Männer die schlafen, essen, rauchen, wieder essen, und ein bisschen schießen. Und erschossen werden. Oder einen Toten aus dem Kanal ziehen. Alles in langen Minuten, in denen nichts passiert - es bleibt die „Normalität“ des Krieges die am meisten schockt.

S. steht neben mir und erkennt die lebensgrosse Gipsfigur des gehäuteten Schmugglers wieder vor der wir stehen - aus dem „Drawing Room“ der Royal Academy.
Die nächste „Urban Myth“ wird von S. mitgeliefert: In den „alten “ Zeiten der Royal Academy haetten die Studenten die Körper der Hingerichteten zum Zeichnen direkt vom der Exekution bekommen - nur leider war eines Tages einer von denen noch am Leben. Da musste dann der Professor ran und musste das Objekt zwecks Ruhe und Ordnung im Zeichensaal und zwecks zum Zeichnen benötigtem Rigor Mortis gleich noch mal umbringen.

In der Ausstellung funktioniert die abgegipste Figur des toten Schmugglers als Kopie einer anderen Gipskopie, der des sterbenden Galliers, die Figur des heroischen Kriegers an der Grenze zum Tod, die dann auch, wie die Figur des toten Verurteilten, zum Anschauungsobjekt im Kunstunterricht wird. Eine intelligente Verbindung zweier Figuren aus unterschiedlichen Zeiten und Geschichten, die zusammen im Tod das gleiche Schicksal haben.
Hier wird vielleicht am ehesten klar was Marc Wallinger sich von seiner Ausstellung erwartet:

„The unspoken border that keeps rising to the surface as I have gone about compiling this exhibition is death: the undiscovered country“

Nun aber, was macht Marc Wallinger denn mit seiner eigenen Arbeit in dieser Ausstellung? Let’s see ...

Bevor ich in die Ausstellung gehe lasse ich mir ein paar Kommentare geben, und dadurch wird das Gesamtbild, natuerlich so sehr subjektiv.

N. sagt: Oh, it’s just about kudos. The association with the other work. Well, of course, he’s a grammar school boy.“ Mir ist noch nicht klar was das heisst. Den Unterschied zwischen public und state education hab ich inzwischen begriffen, aber weiter bin ich noch nicht hier auf der Insel ...
M.’s Kommentar ist mehr in Richtung von Marc Wallinger’s eigener Arbeit: „ I can’t see why this is supposed to be so interesting. Und dann etwas in der Richtung von silly, english-polite and superficial.

Der Untertitel Frontiers, Borders, Thresholds beschreibt den intellektuellen Boden der Ausstellung: Grenzen und Grenzbereiche, handfeste reale Konflikte - Krieg, Gewalt - dann die nachdenkliche Rückschau in Grenzbereiche des menschlichen Lebens, soziale Grenzbereiche, und die Grenzen der Wahrnehmung. Alles schön und gut, und wie ich sehen kann, in der Arbeit als Kurator fremder Arbeiten gut erfüllt.

Die eigenen Arbeiten in der Ausstellung haben da mehr Schwierigkeiten: Die Polizeibox Time and relative Dimensions in Space steht vor der Kriegsecke wie ein Waechter, die Plastik Blumen als bunter Akzent (doppelt) in der Mitte - was noch - kann mich nicht mehr erinnern was noch aus eigener Werkstatt stammt. Die Flagge draussen vor der Hayward – Oxymoron - zähle ich jetzt mal nicht mit. Ach ja, die gut getarnten Stereoskopie Fotos der „Green Line“ auf Zypern, gleichgemacht mit den historischen Fotos von „Hitler’s Germany“.
Ah, clever, that one. Ein Kuckucksei.

Ich bin mir hier nicht sicher, was Marc Wallinger’s eigene Arbeiten in der Sammlung sollen. Ich muss mich also an den Russian Linesman halten, um zu verstehen. Und im Zurueckgehen im Raum hakt bei mir das Verständnis für die eigenen Arbeiten die Marc Wallinger in die Ausstellung gepackt hat da schon die räumliche Distanz zu den anderen Arbeiten sich zu sehr aufdrängt. Aus welchem Grund kann ich die Arbeiten nicht wie so viele andere in dieser Ausstellung vernetzen mit dem Rest der Ausstellung? Weiter weg folgt die Frage: Ist es die Zeitlichkeit, die mir fehlt gegenüber einem Beuys oder einem halb nachgemachten Duchamp den man in historischen Kontext sehen kann, und die sich somit in die eigene Vorstellung der Geschichte des Russian Linesman mühelos einpacken lassen?
Aber dann sollte die Corridor Arbeit von Monica Sosnovsca als schneller Kommentar/Witz auf Kosten der körperlichen Grenzen/Fähigkeiten des Besuchers auch rausfallen - tut sie aber nicht.

Vielleicht stört mich die Unzugänglichkeit. Die Polizeibox ganz besonders, die einfach breit und bräsig geschlossen glänzend in der Mitte steht, und im Zusammenhang mit den anderen Arbeiten einfach ein wenig zu gross und penetrant ist. (Das Modell hätte auch gereicht.)
Den Eindruck machen die seidenen Blumen dann auch nicht wieder gut, die wirklich gar nicht wissen was sie da im Raum sollen, ausser dekorativen Akzent zu spielen.
Ist das zuviel von Meine Ausstellung, meine Arbeit in der Mitte, alle Karten auf den Tisch oder bin ich jetzt auch schon zu british höflich geworden, das mich jede Form von stolzer Ego-Praesentation stört ...
Nein, grosses Ego, das wäre ja ok, genauso amuesant wie grosser Schwanz. Aber nichts ist mehr enttäuschend als ein big dick der dann nicht steht. Und das tut die Box trotz aller Politur nicht.
Ich muss schliessen, das ich die Arbeiten einfach nicht so gut finde, und das die Platzierung in dieser Auswahl ihr mehr schadet als nutzt - und somit vielleicht der Russian Linesman eine Entscheidung trifft die nicht unbedingt im Sinne des Kurators war: Exhibition 1 - Marc Wallinger 0.

Lieber Marc, wenn man sich schon die Mühe macht die eigene Intelligenz unter Beweis zu stellen in dem man zeigt, dass man sensibel mit dem eigenen Geschichts- und Lebensbewusstsein umgehen kann, dann sollte die gute Erziehung aber auch soweit reichen das man sich die eigene Platzierung noch mal sehr genau überlegt.
Aber vielleicht ist das ja auch ein Generations-Problem. Und diese nun angrauende Generation britischer Künstler der Neuzeit war ja schon immer gut in der eigenen Nabel- und Nasenschau.

Alles in allem, eine schöne Show mit vielen kleineren Wundern - nur wünschte ich mir der Kurator würde samt eigener Arbeiten in die TARDIS klettern and langsam unsichtbar werden ... fade to black ... (und Thomas Demand hätte da sicher auch noch Platz ...).
Dann hätte ich nämlich Zeit mit Phillippe Petit und Fred Sandback Tee trinken zu gehen.
Und Joseph Beuys einzuladen. Dann könnten Phillippe und Joseph sich über die Twin Towers unterhalten - und ich und Fred ... den Balanceakt auf dem Linien-Geländer der Hayward üben.

Gastbeitrag, 07.04.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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