Michael Reuter | Region Stuttgart

Die Antipoden

Oliver Ross und Hendrik Lörper zeigen die Extrempunkte
zeitgenössischer Skulptur


Hendrik Lörper: Zelle mit Organ (Projekt 3), 2007, Folie, PC-Lüfter, Kabel, Klebeband, Zeitschaltuhren, Installationsansicht Stadtgalerie Kiel

In der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen lief bis Mitte April die Ausstellung „Sculpt-O-Mania“ mit zwölf jungen bildhauerischen Positionen. Im obersten Stockwerk des Erweiterungsbaus trafen zwei Künstler aufeinander, die als Antipoden funktionieren. Hendrik Lörper (*1977) zeigt eine Kojen füllende Plastikfolie, die sich mithilfe einiger PC-Lüfter langsam aufplustert, um dann wieder in sich zusammen zu sinken. Oliver Ross (*1967) präsentiert einige seiner psychedelischen Material-Module, deren Farbigkeit und reichlicher Besatz mit trashigen Fundstücken wie Erdnüssen, Schwämmen, Pflasterstreifen, Rinde oder Schrott das genaue Gegenteil der kontemplativen Arbeit Lörpers sind.

Dabei nimmt Ross sich schon zurück. Er kann auch anders. Traktiert Ausstellungswände mit farbgetränkten Wischmopps und verwandelt Galerieräume in grelle Materialcollagen. „Innenwelthypothese“ im Lehmbruck Museum in Duisburg, „Hard Egde Hippy Brain“ in seiner Heimatgalerie White Trash Contemporary in Hamburg oder „Wo ist mein Gehirn?“ in Zürich – Bietigheim hat noch Glück gehabt. Dabei verzweifelt der verdrossen blickende Ross eher am metalastigen Inhalt seiner Gehirnwindungen als an deren örtlichem Verbleib. Sein Zerebrum liefert in Text und Bild ein wüstes Recycling theoretischer und konsumistischer Überproduktionen. „Koffein-Ponalisation, biomorphe Aquarealistik, implantierende Objektverflachung, prosubjektiver Verhaufungsmanierismus, psychochemische Libido-Fluidation, psychophysikalische Burn-Out-Syndromisierung, post-informelle Krustung“ schrieb er zu seiner Ausstellung „Onto-Locher“ auf der ArtFair in Köln.


Oliver Ross

Die Material-Module sind für Ross der Versuch, das Environment transportabel zu machen. Bratpfannen, Teller und Schuhsohlen versteht er als Bezug auf das riesige Musterangebot der Gegenwart, seine Rauminstallationen als Abstich aus dem Hochofen der Kunstgeschichte. Aus der Nähe betrachtet findet sich in einer schwarzen Fläche aus Kaffeesatz der Minimalismus wieder. Die quadratische, goldene Hülle einer Hanuta-Waffel lässt sich als Suprematismus oder als Goldgrund von Ikonen lesen. Die Waffel als Oblate verweist ins Religiöse. Alles ist mit Allem verbunden und wuchert ins Extreme.

Der in Kiel lebenden Hendrik Lörper setzt dagegen auf meditative Ruhe und versucht, mit einfachen Mitteln zum Ziel zu kommen. Seine Lösung, die „Zelle mit Organ“, reiht sich in den bildhauerischen Trend zum „Gebastelten“ ein, ist dabei aber konzentriert und introvertiert. Durch das „Atmen“ der knisternden Folie und das Pfeifen und Sirren der Lüfter wirkt die Arbeit trotz technischer Künstlichkeit wie ein Lebewesen, das sich selbst genügt. Als Bildhauer interessieren Lörper die verschiedenen Erscheinungsformen des Raums und die Erfahrungen, die darin gemacht werden können. „Ich versuche, möglichst unbefangen zu bleiben und stelle das Kunstwollen soweit irgend möglich in den Hintergrund.“ Nur so würden seine Arbeiten zu der Unmittelbarkeit kommen, die sie dem Betrachter anbieten. Die ausufernden Remix-, Sampling- oder Recyclingtechniken der Kollegen betrachtet er interessiert, aber distanziert. Auch der Zynismus vieler Künstler ist ihm fremd. Ausgangspunkt ist für Lörper immer „die Faszination und Begeisterung für ganz unscheinbare Dinge, die bei genauer Betrachtung unerwartete Aspekte freigeben“. Ein Stück weit verweigert er sich so einer vordergründigen, gesellschaftlichen Relevanz und forscht lieber im Subtilen und Verborgenen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 69, April 2009.

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Michael Reuter, 28.04.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Hendrik Lörper: Zelle mit Organ 1A*****

el | 10.05.09

 

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