Christoph Bannat | Bücher

Kunst und Comic 1

Kunst ist die Ausschöpfung aller Möglichkeiten. Eine Möglichkeit ist die Kunst“, Joseph Beuys.
In unregelmäßigen Abständen möchte ich hier Comics besprechen die das Feld der bildende Kunst berühren: Künstler und Kunstwerke, sowie Orte an denn Kunst produziert- und ausgestellt wird.

Kunst und Comic, bilden zwei miteinander konkurrierende Felder. Das gilt auch für Comic und Karikatur. Es gibt kaum Künstler die in beiden Bereichen gleichzeitig arbeiten und ich kenne keinen der in beiden auch noch erfolgreich ist.
Comic-Zeichner haben zur "freien" Kunst eine objektiv und/oder eine subjektiv unglückliche Beziehung. Umgekehrt gilt das nicht. Für das Feld der legitimen, der sogenannt "freien Kunst" bildet der Comic immer noch ein freies Feld indem es kulturelles Kapital zu verdienen gibt .
Ich möchte beide Genrefelder nicht zusammengeschrieben, denn gerade ihre jeweiligen Eigenarten sind nicht nur ihre jeweiligen Stärken, sondern erzählen auch vom jeweils anderem. Im Beuyschen Sinne könnte das „Je mehr Comic, desto mehr Kunst“ heißen. Das Kunst sich aber auch glänzend zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion, der Legitimation sozialer Unterschiede eignet, soll auch hier nicht unberücksichtigt bleiben.

Das fängt mit zwei Werken aus dem Berliner Avant-Verlag an, der seit Jahren Werke in der Lücke zwischen Trivialmythen und selbstgenügsamen Autorencomic plaziert.
"Blotch" ist eine Neuerscheinung, gezeichnet von Blutch, der eigentlich Christian Hinker heißt. "Pascin" von 2006, ist von Joann Sfar. Beide Comics entwickeln erst beim Lesen, und das versteht sich nicht von selbst, ihre volle Kraft.

"Blotch" von Blutch ist aggressiv, rassistisch, böswillig, intelligent und brillant gezeichnet.

"Pascin" ist sexistisch, voyeuristisch, jüdisch geprägt und genial schlampig gezeichnet.

Blotch bewegt sich im Paris der 30er Jahre. Pascin spielt in der gleichen Stadt, in der jüdischen Künstlerboheme der 20er Jahre. Den Künstler Jules Pascin gab es wirklich, wenn auch im Comic eine fiktive Biografie erzählt wird. Er wurde 1885 als Jude geboren, eigentlich Julius Mordecai Pincas aus Bulgarien. Im Comic trifft er auf Kokoschka, Soutin und Chagall. Die wie Pascin für jüdische Lebens-und Bildentwürfe stehen. Nebenschauplätze sind die Darstellungen der Ärsche bei Rubens, Ingres, sowie der von Männern, die Ideen des Kubismus und die der Zeichnung bewegter Modelle. Der Metadiskus kreist um die Frage nach der wahren Intensität des Lebens, zwischen Vergnügen, Verbrechen einem guten Fick und den Formen deren Ästhetisierung. Und es geht um dem Unterschied zwischen einem künstlerisch- voyeuristischem Begehren und einem allgemeinem, zum Beispiel dem beim Anblick von Akt-und Zeichnungen. Joann Sfar 1971 in Nizza geboren, aufgewachsen in aschkenasisch und sephardischer geprägten Kultur, dürfte mit dieser fiktiven Biografie des Malers Jules Piscin seine künstlerischen useinandersetzungen, sowie sein Judentum thematisiert haben. Sfar schafft es, dass der echte Maler Pascin, der ein Freund Modigliani war, ein Stück weit aus dessen Schatten tritt. Seine Frauenbilder sind, wie die seines berühmten Freundes berauschend, weniger Zeichenhaft als Modiglianis und damit persönlicher. Leider sind seine Werke, wie sein Lebensweg, über Amerika in die Karibik, zu wenig bekannt. Sicherlich auch eine Folge seines früher Selbstmords 1930, der im Comic leider nicht thematisiert wird. Joann Sfar konzentriet sich auf Pascins Zeit in Paris und dessen jüdischen Freunde. Dabei bedient er sich einer genialen zeichnerischen Schlampigkeit deren nervöser Strich die Bilder manchmal kaum zusammenhält, die der Geschichte aber immer zuarbeitet, sodass gerade genug Platz im Kopf für eigene Bilder entsteht.


Blutch, Jahrgang 1967, in Strassburg geboren, studierte zunächst Kunst und lebt heute in Paris und Toulouse. Seine ersten Comics veröffentlichte er 1988 im Comicmagazin Fluide Glacial. Seine Einzelarbeiten werden unter anderem über das Internet-Portal Artnet gehandelt. Bekannt aber wurde er in der Comicszene. Informationen die zunächst unwichtig, doch beim Lesen von "Blotch-Der König von Paris" als autobiografischer Subtext mitgelesen werden können. Blotch, die Hauptfigur des Comics, ist ein größenwahnsinniger, selbstherrlicher, rassistischer, egomaner und opportunistischer Karikaturist. Vergeblich wartet der Leser auf eine Wendung dieses Charakters, hin zum einsichtigem Menschenfreund, oder dessen Eliminierung. Aber gerade die beharrliche Dummheit dieses Unsypaths erhöht ihn und macht ihn zum Phänotyp, im soziologischer Sicht. Dabei widersteht Blutch der Versuchung den Widerling Blotch zu psychologisieren. Er zeigt ihn konsequent von Außen, als Zerstörer. Blotch genoss zunächste, wie Blutch, eine Ausbildung an einer freien Kunsthochschule an der er auch seinen Gegenspieler den Karikaturisten Jean Bonnot traf. Man kennt das, dass der Lebenslauf von Mitstudenten oft ein Leben lang einen Maßstab für die eigene Entwicklung bilden. Blotch und Bonnot gehören in die Kategorie erfolgreich gescheiterter Künstler, die im Berufsleben zwischen den Polen zweier konkurrierenden Satire- Zeitschriften kämpfen.
Für Blotch und Bonnot zählt nur die Trefferquote. Was sonst könnte im Feld der Karikatur zählen und wie lautet der Gegenbegriff ? Blotch sehnt sich nach Anerkennung als bildender Künstler, der heute noch, in der kulturellen Werteskala über den Karikaturisten steht, ist aber zu schwach seinem Leben eine andere Richtung zu geben. Gleichzeitig gerät er zwischen die Pariser Fronten der Mit30er; der Bourgoisie und der Proletarier, vor deren Körperlichkeit es ihn eckelt. Blutch verbindet die konkurrierenden Gesellschaftsschichten und Genrefelder so geschickt miteinander, dass nicht nur Blotchs Charakter, sondern auch die Atmosphäre jener Pariser Jahre, wie kristallisiert vor einem erscheinen. Er zeigt die konkurrierenden Felder von Kunst und Karrikatur, während sich das Comic-Genre selbst im Spannungsfeld der konkurrierenden Feldern Karikatur und bildendender Kunst bewegt. Eine Spannung die Blutch vermutlich selbst in seiner Studienzeit erfahren hat. Darauf deutet unter anderem der Tausch eines einzigen Buchstabens, wie ein einziges Gene, von Blutch zu Blotch hin,nicht ohne Selbstironie.
Zwischen beiden Comics gibt es noch eine Querverbindug, der wahre Jules Pascin hat, wie der erfundene Blotch, in den 20er Jahren für die deutsche Satirezeitschrift Simpliccisimus eine Zeichnung geliefert.
Beide Comics finden ihren Wege, zwischen dem rein autobiografischen Autorencomis wie er die 90er prägte und der historisierenden Comicnovelle wie sie zur Zeit angesagt ist. Das erstaunliche, bei "Blotch" und "Pascin" gewinnen beide dieser Erzählformen. Und dann bleibt für "Blotch" zu hoffen, dass der Avant-Verlag sich auch die Film-Noire Rechte gesichert hat.


Christoph Bannat, 21.04.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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