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Kunstmarkt am Boden

von Raymond Unger

Der Gedanke war ernst gemeint, eine Kunstmesse im Miniformat! Alle Kojen sind im Maßstab 1:10 verkleinert. So braucht man für eine ganze Messe keine Fabrikhalle - sie passt leicht in einen Souterrainkeller. Eine Kojenwand von 7 Metern hat in der Verkleinerung demnach 70 cm. Und eine Wandhöhe von 3 Meter entspricht 30 cm im Modell. Und wer die Ausschreibung eines realen Messezitates ernst nahm - und dies waren durchaus viele Aussteller - musste ein Bild von 1,60 Meter Breite auf 16 cm verkleinern - dies entspricht einem normalen Fotoabzug. Hieraus ergibt sich allerdings eine simple physikalische Realität: Ein Senkrecht auf dem Boden aufgestelltes kleines Foto ist aus der Perspektive eines normal großen Erwachsenen in stehender Position nicht zu erkennen, denn: Alle Boxen, Kojen oder Logen waren direkt auf dem Boden montiert - und nicht in Augenhöhe. Ergo: Für alle aufgehängten Bilder im Hasenstall musste man sich schon flach auf den Bauch legen - mindestens aber so tief wie möglich hinhocken und den Kopf zur Seite neigen, kein leichtes Unterfangen, zumindest am Vernissageabend.

Wohl dem Aussteller, der die Idee eines Messezitates von vornherein ignorierte. Boxen mit dreidimensionalem Inhalt, auch aus der Vogelperspektive gut erkennbar, wurden so die Lieblinge des Abends. Denn für eine Ritterburg aus Playmobil, etliche Bierflaschen oder eine Plüschbox mir goldener Hundescheiße, musste man sich nicht unbedingt flach auf den Kellerboden legen. Selbstverständlich verlassen derartige Konzepte die Idee eines ernsthaften Messezitates, denn in der Realität hätte die Ritterburg natürlich utopische Ausmaße gehabt. Und so gab es grundsätzlich zwei Fraktionen unter den Ausstellern, die „Modellbauer“ und die „Spielkinder“. Die Spielkinder erkannten die Situation und verzichteten schlichtweg auf den Puppenstubencharakter, sie machten lieber die ganze Box zu einem eigenständigen Kunstwerk. (das ohnehin niemals den Anspruch erhob sich in die Realität übertragen zu lassen) Im Gegensatz dazu die Modelbauer: Sie nahmen das Konzept des Zitates ernst - bis hin zu Minischreibtischen auf denen sogar Kataloge im Mäuseformat lagen... Viel Mühe wie ich finde - mit allerdings fraglichem Erfolg gegenüber den bunten Spielboxen. 

Dennoch - insgesamt war die Ausstellung von Edmund Piper ein super Erfolg und zweifelsohne hat der Künstler und Kurator auch seine Gründe für die Montage in Bodenhöhe gehabt. Denn aus der Perspektive des Gesamtkunstwerkes aller Boxen zusammen, hatte der Blick von Oben durchaus seine Berechtigung; Zitat Edmund Piper: „Ob Besucherinnen und Besucher dies als allgemein augenzwinkernden Kommentar zum aktuell implodierenden Marktgeschehen verstehen wollen oder sich bei Betreten des Kunstraums gar in die Rolle einer jener sagenumwobenen Sammler hineinversetzt fühlen, dem der Markt - hier im wahrsten Sinne des Wortes - zu Füßen liegt, kann nur gemutmaßt werden.“

Gastbeitrag, 07.04.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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