Michael Reuter | Essay

Früchte der Krise
Was haben Benzingestank und Revolte miteinander zu tun und warum es manchmal schlecht ist, keine Feinde zu haben.

Gastautor Hansjörg Fröhlich zur aktuellen Ausstellung des Künstlerduos Flammen Commando (FLCO) im Bahnwärterhaus in Esslingen bei Stuttgart


© FLCO 2009

Im 70er Jahre Roadmovie Vanishing Point (dt.: Fluchtpunkt San Francisco) (kursiv) wettet ein weißer Amerikaner namens Kowalski, einen weißen Dodge Challenger R/T unter Zuhilfenahme von rauen Mengen Speed, innerhalb von 15 Stunden von Denver nach San Francisco (ca. 1300 Landmeilen) zu überführen. Trotz Unterstützung des schwarzen Radio-DJs Super Soul, einiger Hippies und anderer Vertreter der damaligen amerikanischen Gegenkultur, erreicht der von Redneck-Bullen verfolgte Kowalski sein Ziel nicht, sondern fährt volle Kanne in eine Straßensperre. Sein Dodge explodiert und Kowalski geht in die Ikonengalerie der Protestbewegung ein. Nach Easy Rider (kursiv) war Vanishing Point (kursiv), von Regisseur Richard C. Sarafian im Jahr 1971 mit knapper Kasse gedreht, der zweite bedeutende amerikanische Roadmovie. In beiden Filmen waren die Helden stark motorisiert und lebten so den alten amerikanischen Traum von Freiheit, dem Drang nach Westen und Selbstverwirklichung am Lenkrad; gleich dem Trapper auf einem Gaul des Pionier-Zeitalters, nur eben mit deutlich anderen Zielen. Der Versuch ein neues Wertesystem zu etablieren, gegen die Normen einer Konsum- und Kirche-Gesellschaft zu rebellieren, fand stets auf 2 oder 4 Rädern statt. Diese merkwürdige Verbindung von Benzinverbrauch und banaler Kritik an einer Gesellschaft, deren wirtschaftliche Schwungräder gerade die Öl- und Autoindustrie sind, fällt im Jahr 2009 auf noch fruchtbaren Boden:

Nun da die Krise da ist, eine 2/3-Gesellschaft, süchtig nach schnellem Geld und fossilen Brennstoffen, ihr Junkieantlitz entdeckt hat und ab sofort auf staatlich subventionierte Reha geht, scheint der Moment, der goldene Zeitpunkt gekommen, diese Trivialkultur, mit samt ihrer banalen und kraftlosen Kulturkritik endlich ernst zu nehmen und zu Grabe zu tragen. Das Künstlerduo Flammen Commando (FLCO), Jörg Globas und Bernhard Frey, verbinden seit etlichen Jahren in Ihren Arbeiten Automobilfetischismus und Kritik an der Banal-Anal-Trivial-Kultur zu einer grundtrivialen, mit allen Mitteln des Absurden ausgestatteten und die kommunizierenden Oberflächen der Wirtschaftsimperien, Unterhaltungskonzerne und Politikerdarsteller karikierenden Bildsprache. „Wir machen das, was andere für falsch halten“, sagt das FLCO und macht damit genau das Richtige, indem sie zum Beispiel winzige Ausschnitte aus bekannten Actionfilmen zusammenmontieren und die Aussage somit extrem auf die nun ins Leere laufende Effekte reduzieren; Oder gleich nur die jedem Film vorangestellten Logos der jeweiligen Produktionsfirma hintereinander schneiden und mit, auf die gierige Ölindustrie verweisenden Effekten, verfremden. FLCO fasst in diesen Kurztrailern zusammen wozu Mainstream-Filmproduktionen eigentlich da sind: Um Besucher aufgrund bombastischer Effektdichte, oder immer gleicher Starfressen zum Kauf einer Eintrittskarte, einer DVD zu bewegen, und damit den Wert der Produktionsfirma zu steigern. Sinn der Kulturprodukte einer kapitalistischen Massenkultur, seien es Songs, Filme, Musicals ect. ist natürlich nicht die Vermittlung eines wie auch immer gearteten Inhalts, sondern die Steigerung des Shareholder Values des jeweiligen Unterhaltungsindustriekonzerns. Die beim Betrachten der FLCO-Clips entstehende Leere, ist genau jene Freizeitkonsumkultur-Leere, die jedem Blockbuster-Kinobesuch, Disney-Land –Ausflug oder Mayday-Wochenende innewohnt, aber als Inhaltslosigkeit vom Konsummensch meist nicht erkannt wird, da die Teilnahme am jeweiligen Trash-Banal-Freizeitprogramm ja Geld kostet. 90% der Massenkulturangebote der westlichen Welt, machen nur Sinn, weil Eintritt bezahlt werden muss. Wären sie umsonst, würde selbst der größte Depp die Inhaltslosigkeit erkennen. Der kulturelle Wert einer Veranstaltung bemisst sich am Preis der Eintrittskarte. FLCOs Auseinandersetzung mit Actionfilmen, Superhelden, PS-Orgien und sonstigen Erscheinungen der Massenkultur ist stets distanzlos, humoristisch und frech, da sie aus einer Fan-Haltung heraus stattfindet. Breite Reifen, verchromte Felgen, aufgeblasene Dekolletés, wild um sich ballernde Muskelprotze, rauchende Maschinenpistolen, Sylvester Stallone, Arne Schwarzenegger, ect. sind liebgewonnene Ikonen der FLCO-Welt, die die beiden Künstler in ihren Arbeiten zugleich feiern und verspotten. Diese Ambivalenz gibt FLCO-Ausstellungen einen irrsinnigen Reiz. Der innere Konflikt von Verehrung und sich Lächerlich machen füllt die Exponate mit einer Energie die … Das ist jetzt Geschwafel, lasst uns lieber über Opel sprechen.

In den letzten Märztagen prangten unsägliche Fotos von den Titelblättern vieler Zeitungen, die verschüchterte, kurz vor der Entlassung stehende Automobilbauer mit der Aufschrift „Wir sind Opel“ auf dem T-Shirt zeigen. Daneben steht unsere Bundeskanzlerin, wie immer im einfarbigen Kostüm und mit dekonstruiertem Gesichtsausdruck. Die ganze Szenerie hat die Beschwingtheit einer beginnenden Psychoanalyse. Wie kann es sein, dass eine schwerst angezählte Arbeitnehmerschaft in der Stunde des Verrats durch die Köpfe des globalen Kapitals, nichts anderes auf die Reihe kriegt als nach Mama Merkel zu rufen, „Wir sind Opel“ zu skandieren und das Opel-Lied zu singen? Wie fertig, wie erbärmlich harmlos und wie krank muss unsere Protestkultur sein, damit sie solche hirnerweichenden Formen annimmt? Genauso fertig wie unsere sonstige Trivialkultur eben auch. Protest ist längst ein von der Popkultur ritualisiertes, als vermarktbares Image vereinnahmtes und jeglichem Inhalt beraubtes Event, dass nur noch zur Steigerung des Umsatzes von Klamotten, Zigaretten und Musik-Downloads abgerufen wird. Der Rebell ist ein umsatzsteigernder Mythos, ein Kaufentscheidungen unterstützender medialer Schlüsselreiz. In Fällen wie Opel ist ein Abrufen dieses Schlüsselreizes von der Unterhaltungsindustrie nicht vorgesehen. Nicht nur das gemeinschaftliche Aufbegehren oder das kollektive Erleben von glücklichen Momenten, alle möglichen sozialen Äußerungsformen sind mittlerweile von der Popkultur entkernt, entfremdet und zu einem reinen Marketingtool überführt worden. Es sieht schlecht aus für Friedensbewegte, NATO-Gegner, Globalisierungsgegner. Sie können auf die Straße gehen so oft sie wollen, einzig ihr Anliegen wird nicht wahrgenommen. Von den Medien werden sie als reine Attraktion, als Event verkauft, etwa wie die Meldung über einen Nacktjogger in einer Großstadt. Aber zu was auch protestieren? Alle traditionellen Konfliktthemen sind mittlerweile von Leuten besetzt, die nie in Polizeigewahrsam gesessen sind. Obama will eine Welt ohne Atomwaffen schaffen, der Papst gebärdet sich als Antikapitalist und Osama bin Laden hat den Antikolonialismus zu seiner Chefsache gemacht. Grün und ressourcenschonend sind heute sowieso alle, quer durch die Parteien. Was soll man da machen? Ideologien, die ein Konzept für eine zu schaffende Realität vorgeben würden, sind seit den lächerlichen Erfahrungen aus den 60er und 70er Jahren (zum Glück) passé. Es gibt nur noch ein Haufen Probleme, tausend Fragen und keine Antworten. Es gibt keinen gemeinsamen Feind mehr, nur noch ein komplexes System einander verstärkender Probleme.

Neben den Rebellen haben auch die Superhelden gelitten. Laut Jörg Globas vom FLCO, „hat es mit dem Verbot der anabolen Steroiden angefangen. Das war der Anfang vom Ende. So eine Art Zeitenwende. Wir wollen niemanden mehr wirklich gewinnen sehen. Da leiden auch die Superhelden drunter. Die gewinnen ja auch immer. Benzin geht alle, Actionfilmen sind wir überdrüssig. Wenn man ein Auto fährt, das mehr als 10 Liter verbraucht, muss man Angst haben, dass es angezündet wird. (…) Das sind einfach schwierige Zeiten für Superhelden. Das sind jetzt eher so a la amerikanische Präsidenten die die Welt umarmen und mit allen über alles sprechen wollen. Gegen wen sollen die denn dann noch kämpfen? Banker?““Wenn Bruce Willis zum vierten Mal langsam stirbt, zieht selbst er mit den Skrupeln der Frankfurter Schule in den Kampf: Ein geschiedener Polizist dem die eigene Tochter nicht traut, ist kein Held sondern der gesellschaftliche Normalfall“, meinte Willi Winkler vor kurzem zur Krise des Helden. Wenn dann mal einer dieser inzwischen raren Spezies auftaucht, wie kürzlich Rambo, gibt es ein heftiges Gemetzel. Globas: „Da war stellenweise noch mal was zu spüren. Schweiß, Blut, Muskeln, na ja Muskeln geht so, aber Blut gab‘s viel. Triviales halt. Aber der Typ ist steinalt! Mickey Rourke? Steinalt. Wo bleibt der Nachwuchs?? Keine Ahnung.“ Doch wenn selbst Rambo zurückkommt dann wird es auch Zeit für FLCO was auszuhecken.

Infos zur Ausstellung finden sich hier und hier.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 70, Mai 2009.

Michael Reuter, 08.05.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Arme Protestkultur, wo doch alles im Marketingtool endet, und wie der Kommentator weiter meint, alle "traditionellen Konfliktthemen" mittlerweile von Leuten ohne Knasterfahrung besetzt sind. Antiatomprotest, Antikolonialismus, Antikapitalismus, Antiglobalisierung - schon vermarktet, völlig legal, nichts mehr zu machen. Bin ich aber froh, dass der Kommentator sich ganz mit diesen seinen "traditionellen" Themen begnügt. Was sollte ihm auch sonst noch einfallen? Rebellen als Traditionsverein, generationsvertraglich geregelte Äußerungsformen, Überlieferung altbewährter Feindbilder: soviel deutsch und Kuscheldecke muss sein, selbst für einen FLCO-Fan.

Gerhard Monsees

monsees | 31.05.09

 

Preserve 'em auf dem Weg ... man kann viele eine extrem gute Arbeit bei dieser Art von Grundlagen liegt ... nicht in der Lage, Ihnen, wie viel ich JUST, z. B. Freude an alles, was Sie könnten vollständig zu informieren!

buy winstrol | 05.05.11

 

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