Michael Reuter | Interview

Neues Leben aus alten Pelzmänteln


© NEOZOON 2009

Die animalischen Cut-Outs der Künstlergruppe NEOZOON können in Berlin und Paris hinter jeder Straßenecke lauern. Einzelne Tiere oder ganze Herden von Schafen, Rehen, Hasen und Bären, dazu in den Bäumen hängende faultierartige Wesen. Sie alle haben eine gemeinsame Herkunft: Es sind alte Pelzmäntel, die von NEOZOON künstlerisch bearbeitet und im Großstadtdschungel aussetzt werden. Michael Reuter führte ein Mailinterview mit den anonymen „Rekreationisten“.

Wer versteckt sich hinter NEOZOON?

NEOZOON ist eine offene Künstlergruppe aus Berlin und Paris, deren Mitglieder es momentan noch vorziehen, anonym zu bleiben. ;-)

Ihr tretet also auch zu Vernissagen, wie bei der Installation Bestia Recreata in der Berliner nogallery, nicht persönlich in Erscheinung?

Natürlich treten wir persönlich in Erscheinung, aber selbstverständlich nur maskiert. Dann sehen wir so aus:



Eure Arbeitsgrundlage sind alte Pelzmäntel, die ihr entweder zu Silhouetten von Wildtieren zerschneidet und als Street Art an Häuserwände klebt, oder die ihr gewissermaßen in lebende Tiere zurück verwandelt und in den Großstadtdschungel aussetzt. Laut Wikipedia wird als Neozoon eine Tierart bezeichnet, die direkt oder indirekt durch die Wirkung des Menschen in andere Gebiete eingeführt worden ist und sich dort fest etabliert hat. Was bedeutet der Begriff für eure Arbeit?

Der Begriff ist Programm. Arbeitsgrundlage von NEOZOON ist das Verhältnis von Mensch und Tier in urbanen Lebensräumen. Wir begeben uns auf ein Art Spurensuche, um den Umgang einer modernen und großstädtischen Zivilisationsgesellschaft mit dem Tier zu erforschen. Dabei fällt vor allem die Abwesenheit ganzer Tiere auf, die meisten begegnen uns ja nur noch in Teilen! Der biologische Begriff Neozoon unterstreicht deswegen einen Fokus unserer Arbeit, nämlich diese Teile wieder zurückzuführen und sie anschließend "auszusetzen" in der Hoffnung, dass sie sich dort etablieren.

Also eine romantische Wiederverzauberung der seelenlosen Großstadt?

Letztlich geht es um einen schlichten Rückführungsprozess. Grundlage unserer Arbeit sind weggeworfene Pelzmäntel, die aufgrund ihrer Geschichte und Herkunft aufgeladener kaum sein könnten. Sie stehen am Ende einer langen Sortierungskette und werden zum Schluss vernichtet, sofern wir das nicht verhindern. Uns interessiert hier vor allem, die im Material enthaltenen Informationen auf einfache und klare Weise wieder sichtbar zu machen.

Aus welchem künstlerischen Umfeld kommt ihr?

Unsere Lebensläufe sind sehr verschieden, aber alle NEOZOON-Mitglieder arbeiten im kulturellen Bereich, einige von uns haben auch Kunst studiert.

Wie kommt die Paris-Connection zustande?

Paris bietet als Mode-Metropole natürlich einen idealen Nährboden für Arbeiten aus Pelz. Unsere Recycling-Aktionen provozieren dort vielleicht auch aus diesem Grund viel Aufmerksamkeit. Und es leben auch NEOZOON-Mitglieder in Paris.


breathing furcoat creatures before their recovery, nogallery berlin © NEOZOON 2009

Arbeitet ihr auch mit anderen Street-Art-Techniken wie Schablonen, Stickern oder Graffiti?

Nein, bisher nicht. Mit den Streetartisten teilen wir vor allem unser Interesse am urbanen Raum – für unsere Cut-Outs gibt es einfach keinen anderen Ort.

Signiert ihr die Arbeiten durch Tags?

Die Felle werden auf der Rückseite gestempelt und signiert.

Habt ihr Vorbilder?

Wir haben uns viel mit Künstlern aus der Streetartszene beschäftigt. Da gibt es natürlich Leute, die wir sehr schätzen. Wir recherchieren gleichzeitig in viele Richtungen zum Tier-Mensch-Thema und stoßen dabei immer wieder auf eine Menge interessanter Quellen, Beiträge und Projekte. Zum Beispiel auf „Le Sang des bêtes“ von Georges Franju – ein heftiger und surrealistischer Kurzfilm über einen Pariser Schlachthof mit ungestellten Dokumentaraufnahmen von 1949.

Wie geht ihr bei Klebeaktionen vor?

Die Ortswahl unserer Klebeaktionen hängt von der Tierart ab, die wir aussetzen. Es kommt vor, das wir die Nähe historisch aufgeladener Plätze wählen, wie im Fall der Schafsherde. Sie klebte auf dem Weg ins ehemalige Schlachthof-Viertel La Villette in Paris. Die Bären unserer aktuellen Berlin-Aktion tauchen in unmittelbarer Nähe zu den lebenden Wappentieren auf, die dort seit Generationen in einem Zwinger leben – ein Beispiel für das schizophrene Verhältnis des Menschen zum Tier.


© NEOZOON 2009

Ich kann mir vorstellen, dass die Pelze gerne geklaut werden. Nehmt ihr die Arbeiten rechtzeitig wieder ab? Wie lange verbleiben sie vor Ort?

In dem Moment, wo wir die Tiere in der Straße aussetzen, bleiben sie sich selbst überlassen. Alles andere wäre inkonsequent. Manchmal verschwinden sie noch in derselben Nacht, in anderen Fällen bleiben sie etwas länger. Wer sie mitnimmt, wissen wir nicht, wir verfolgen aber mit Spannung ihr Zweitleben im Internet. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei ein bis zwei Wochen.

Arbeiten des bekannten Graffiti-Künstlers Banksy wurden schon von Berliner Hauswänden abgeschlagen und geklaut. Kann ich eure Arbeiten auch legal erwerben?

Ja, das ist möglich, wir kommen dann persönlich und inkognito vorbei. Der Besitzer verpflichtet sich jedoch, die Fellhäuter liebevoll zu pflegen.

Arbeitet ihr auch an anderen Themen?

NEOZOON hat sich ganz der Tier-Mensch-Thematik verschrieben. Das beschränkt sich aber nicht nur auf das Furcoat-Recycling. Welches Medium das Richtige ist, hängt vom jeweiligen Arbeitszusammenhang ab, zum Beispiel von der Tatsache, ob wir etwas für den Innen– oder Außenraum realisieren. Wir sehen da für die Zukunft ein sehr breit gefächertes Bearbeitungsfeld und freuen uns schon darauf!

Michael Reuter, 11.05.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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