Michael Reuter | Interview

Trend und Hypes #1
„Junge Künstler sind wieder interessierter an gesellschaftspolitischen Fragen"


Foto: Boris Schmalenberger

meint Petra von Olschowski, Geschäftsführerin der Kunststiftung Baden-Württemberg, im Gespräch mit Michael Reuter.

Für jeden Euro, den die Kunststiftung als Spende sammelt, erhält sie vom Land Baden-Württemberg noch einmal den gleichen Betrag als Komplementärmittel. Spüren Sie bereits Auswirkungen der Rezession auf die Spendenbereitschaft?

Nachdem 2007 und noch Anfang 2008 eine spürbare Aufbruchstimmung herrschte, haben wir im Moment durchaus eine schwierigere Situation. Ob das aber mit der Rezession zusammenhängt, ist schwer zu sagen. Wir können auch nicht absehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Im Unterschied zu anderen Einrichtungen, die ihre Grundfinanzierung aus öffentlicher Hand beziehen und für die das Sponsoring nur eine Zusatzmöglichkeit ist, Geld zu gewinnen, befindet sich die Kunststiftung in einer labileren Situation. Wir konnten im letzten Jahr die Höchstmittel an Komplementärmitteln vom Land abrufen, aber wir merken auch, dass die Haltung der Spender, auch bei kleineren Summen, vorsichtiger geworden ist.

Sehen Sie bei Ihren Stipendiaten deutliche künstlerische Trends?

Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, dass es einen eindeutigen Trend zu den technischen Disziplinen gibt. Kaum eine Präsentation, in der nicht mindestens ein Beamer oder Computer Teil der künstlerischen Arbeit war. Doch bei unseren aktuellen Stipendiaten geht der Einsatz technischer Medien zurück. Für die Veranstalter ist das natürlich eine große Erleichterung. Vielleicht ist es ein Trend zu neuer Bescheidenheit, vielleicht sehen die Künstler auch die große Abhängigkeit vom technischen Equipment zunehmend kritischer. Sie haben immer noch ihre kleinen Kameras dabei, aber die werden eher wie ein Skizzenbuch verwendet. Die Technik ist Teil des Entstehungsprozesses, aber die eigentliche Arbeit ist nicht mehr so stark auf sie angewiesen. Das kann im nächsten Jahr wieder ganz anders sein. Bei der künstlerischen Sprache bleibt die Vielfalt enorm groß und daran ändert sich auch nichts.

Gibt es den viel zitierten Trend zur Skulptur?

Es gibt vielleicht, ausgehend von der Karlsruher Schule, die Tendenz, wieder mit den klassischen Materialien im Bereich der Skulpturen zu arbeiten, aber ich würde es nicht als „Trend“ bezeichnen, auch wenn die Kollegen in den Zeitungen schon 2007 von einer „Rückkehr der Skulptur“ sprachen. Im Gegenteil: Wenn ich mir überlege, welche Bildhauer für Arbeiten im öffentlichen Raum in Frage kommen, fallen mir nur Künstler ein, die seit vielen Jahren etabliert sind.

Fördert ein schwieriges Marktumfeld eine Kunst, die den politischen Diskurs sucht, im Gegensatz zu der „melancholischen Gelassenheit im Status quo“ der Neuen Leipziger Schule?

Ich würde es mir wünschen und ich habe den Eindruck, dass die jungen Künstler in ihrer Grundhaltung wieder interessierter sind an gesellschaftspolitischen Fragen. Das wird sich langfristig auch in den Arbeiten widerspiegeln.

Wie wird sich der internationale Kunstmarkt über die nächsten Jahre entwickeln?

Es wird viel von der Entwicklung in China abhängen. Aber die heftigen Bewegungen des Marktes sind nicht mehr logisch nachvollziehbar und machen eine Prognose sehr schwierig.

In letzter Zeit sind in Stuttgart trotz der beginnenden Rezession und des andauernden künstlerischen Aderlasses Richtung Berlin erstaunlich viele Galerien eröffnet worden. Gibt es einen neuen Trend zum Lokalen?

Die Galerien, die sich im Moment etablieren, sind zum Teil Initiativen, die aus den Künstlerkreisen selber kommen oder Low-Budget-Projekte im Nebenerwerb. Ich sehe hier durchaus eine Rückkopplung zur Situation in Berlin. Die Verbindung Stuttgart – Berlin war immer eng und wird durch die Abwanderung der Künstler jetzt noch verstärkt. Warum also können wir in Stuttgart nicht auch machen, was in der Hauptstadt gut funktioniert? Einfach mal etwas ausprobieren! Ein leerer Laden, ein Abrissgebäude: Fertig ist der Off-Space. Ohne viel über Geld und Reputation nachzudenken. Das ist in Berlin ja auch nicht anders. Man versucht, mit den Möglichkeiten, die sich bieten, kreativ umzugehen.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung Berlins als Kunststadt? Gelegentlich wird Brüssel als neues, frisches Kunstzentrum annonciert.

Die internationale Aufmerksamkeit wird sich von Berlin weg bewegen, egal ob nun Brüssel oder Istanbul oder eine andere Stadt der neue Hype ist. Aus deutscher Sicht wird sich Berlin aber behaupten. Es ist ja auch ein Gewinn, sagen zu können: Wir haben eine Hauptstadt, in der richtig was los ist. Berlin wird für Künstler immer ein interessanter Ort sein. Aber möglicherweise werden die New Yorker und Londoner noch für ein, zwei Jahre dort bleiben und dann weiter ziehen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 69, April 2009.

Alle Texte und Rezensionen von Michael Reuter findet der geneigte Leser auf der Website Staub und Schatten.

Michael Reuter, 23.05.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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