Gastbeitrag | Kritik

53. Esposizione Internazionale ...

... d’Arte, La Biennale di Venezia 2009

Subjektive Streifzüge am Eröffnungswochenende.
Von Marc Wellmann

Gleich vorweg: Der von Nicolaus Schafhausen kuratierte und vom britischen Künstler Liam Gillick bespielte Deutsche Pavillon ist ein enttäuschendes Ärgernis. Das betrifft weniger Schafhausens kühl kalkulierte Entscheidung, einen Künstler ohne deutschen Pass einzuladen (das hat Klaus Bußmann 1993 schon mit Nam Jun Paik gemacht, der damals zusammen mit Hans Haacke den Goldenen Löwen für den besten Pavillon erhielt), sondern das absurde Dokument künstlerischen Scheiterns in Form einer ziemlich langen Küchenzeile aus Fichtenholz (Vorbild: die von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 für Arbeiterwohnungen entworfene «Frankfurter Küche»), auf der eine ausgestopfte Katze thront. Aus dem Off hört man ihren englisch gesprochenen Monolog, der sich um verschiedene Missverständnisse und perspektivbedingte Fehldarstellungen dreht.

Die mäandernde Küchenzeile könnte noch als ganz gute Skulptur durchgehen, wenn man den Pressetext nicht gelesen hätte, der den Besuchern von aufmerksamen MitarbeiterInnen des Pavillons als Broschüre ausgehändigt wird (nachzulesen auf http://www.deutscher-pavillon.org):

„Über ein Jahr lang hat Liam Gillick sein Projekt für den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig entwickelt. Er unternahm Reisen und recherchierte, stets im Dialog mit Nicolaus Schafhausen dem Kurator der Ausstellung. […] Einige ausschlaggebende Komponenten der Ausstellung legte der Künstler erst in den letzten Tagen des Ausstellungsaufbaus fest. […] Liam Gillick hat sein tägliches Arbeitsumfeld – seine Küche, die er als improvisiertes Studio nutzt – in den Deutschen Pavillon übertragen. Nach monatelangem Arbeiten in seiner eigenen Küche, umschlichen von der Katze seines Sohnes, beschäftigte er sich mit den Fragen ‚Wer spricht? Wer spricht mit wem und mit welcher Berechtigung?’, während die Katze stets versuchte, seine Arbeit zu unterbrechen.“

Das monatelange, eifrige Grübeln und das satte Reisebudget haben am Ende nichts geholfen. Zwischen den Zeilen des Presstextes manifestiert sich eine klägliche, vom Ego des Kurators notdürftig umfangene Ideenlosigkeit, die für die eigene Misere auch noch ein unschuldiges Tier verantwortlich machen will.

Schon vor zwei Jahren hat Schafhausen mit Isa Genzken eine Künstlerin eingeladen, die wenig mit dem architektonischen und geschichtlichen Kontextes des deutschen Biennale-Pavillons anzufangen wusste. Daraus leitete er möglicherweise das aktuelle transnationale Ausstellungskonzept ab, doch Liam Gillick, den Schafhausen 2007 mit einer Einzelausstellung im Witte de With, Center for Contemporary Art in Rotterdam ehrte, war von der Aufgabe scheinbar restlos überfordert. Ziel von Gillicks künstlerischer Praxis ist es offenbar, jegliche an ihn gerichtete Erwartung zu unterlaufen und als Individuum möglichst umfassend zu verschwinden. Monumente des Zweifelns können auch spannend sein, wie Lars Rambergs Installation auf dem mittlerweile abgerissenen Palast der Republik bewiesen hat.

Die Diskussion über die in Zeiten globaler Migration fragwürdig gewordene nationale Bindung der Länderpavillons anzuregen, ist wichtig und löblich. Viel besser umgesetzt haben es haben Dänemark und Norwegen mit ihrer Einladung an Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Das in Berlin lebende dänisch-norwegische Künstlerpaar hat die beiden benachbarten Pavillons in den Giardini als Villen eingerichtet und mit einer an Möbel und Kunstgegenstände gebundene Narration versehen, die außerordentlich intelligent, geschmackvoll, humorvoll und vielschichtig ist. Eines der beiden Häuser ist angeblich zu verkaufen und zu jeder vollen Stunde führt eine Maklerin die Besucher durch den (dänischen) Pavillon. Alles ist inszeniert, nur die ausgestellte (gesammelte) Kunst ist echt. Elmgreen & Dragsets Doppelpavillon hätte meiner Meinung nach den Goldenen Löwen verdient, doch der ging im Obama-Jahr an die Bruce Nauman-Retrospektive im amerikanischen Pavillon. Eine mutlose, politisch gefärbte Entscheidung.

Daniel Birnbaums mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Sonderausstellung der Biennale „ Fare Mondi // Making Worlds“ hat leider auch nicht die Erwartungen einlösen können. So war zum Beispiel nichts von dem angekündigten prozesshaften Werkstattcharakter in der uninspirierten Aneinanderreihung von Positionen im Arsenal zu spüren. Als bester Künstler wurde Tobias Rehberger für seine Gestaltung der Cafeteria mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Auch hier hat sich die Jury in merkwürdiger Weise nett verhalten, denn Rehberger ist Professor an der von Birnbaum geleiteten Städel Schule.

Die spannenden, konzentriert-energiegeladenen Projekte sind in den (kleineren) nationalen Pavillons zu finden, die in der ganzen Stadt verstreut sind und beweisen, dass das Konzept der Länderpavillons nach wie vor tragfähig ist. Hervorzuheben sind vor allem die Beiträge von Mexiko (Teresa Margolles), Singapur (Ming Wong) und Litauen (Zilvinas Kempinas).

Ein Großprojekt der besonderen Art ist im neu erschlossenen Teil des Arsenals mit der hypertrophen Riesen-Installationen "From the Cellar to the Attic - From the Feet to the Brain" von Jan Fabre zu bestaunen. Kuratiert von Eckhard Schneider wurden die insgesamt fünf raumgreifenden skulpturalen Tableaus bereits 2008 im Kunsthaus Bregenz gezeigt. Fabre entfaltet in ihnen eine surreale, mythische Welt, die zwischen Schrecken, Ekel und berückender Schönheit wechselt.

Ein paar Schritte weiter im Arsenal Novissimo (also am anderen Ufer des Dársena Grande) ist auch eine aufwändig in Szene gesetzte Bernar Venet-Ausstellung zu sehen.

Einschiffung uniformierter Honoratioren im Vorfeld der Preisverleihung.

Daniel Birnbaum im Gespräch mit dem Leiter des Festivals, Paolo Baratta, Präsident der Fondazione la Biennale di Venezia.

Die Schuhe des Chef-Kurators (die weißen sind es nicht) ...

Das Warten auf den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, der die Preisverleihung wichtig machte.

John Baldessari nach der Verleihung des Goldenen Löwens für seine „lifetime achievements“ (zusammen mit Yoko Ono).

Die französische Künstlerin Orlan wirft sich in Pose.

Sammlerjachten in der Nähe der Giardini an der Riva die Sette Martiri.

Ambivalentes Marketing der Freunde der Nationalgalerie.

Was wir von Berlin kennen, setzt sich leider nun auch in Venedig an renovierungsbedürftigen Gebäuden durch: Großwerbung an der Seufzerbrücke.

Werbung für Ming Wongs großartigen Singapur-Pavillon im Stadtbild.

Hochwasser am Samstag Abend.

Sekt oder Selters? Dieses Jahr gab es zuviel vom Letzteren: Vor der Sicherheitsschleuse am Flughafen von Venedig.

Gastbeitrag, 09.06.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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