Gastbeitrag | Alles
Der Tag, die Straße, die Bilder, die Träume
Eine Handyfotoreportage von Stephanie Kloss
Nach dem Tunnelausgang wird der Verkehr plötzlich umgeleitet.
Am Kulturforum geht gar nichts mehr.

Von hinten kommend - nichts zu sehen. Doch dann: Massen von bunt kostümierten Männern auf den Stufen der Nationalgalerie. Ohrenbetäubende Musik hämmert von der anderen Strassenseite herüber. Wagen ziehen vorbei, auf denen muskulöse Matrosen eng an eng im Beat der Musik wippen. Auf den Plakaten an den Umzugswagen steht: „Ständer, die Arroganz des guten Geschmacks“, ein neues Getränk. Eine Berliner Krankenhauskette wirbt mit einem Kondom überm Funkturm: „Gesundheit, dafür stehen wir!“ Genauso phantasievoll die Verkleidungen der Teilnehmer: Ärztekittel, Kardinalsroben, Schweinsmasken, Durchsichtiges, Federn, Lack, Leder und Paillettenburkas.



Dazwischen die disparat wirkenden Aufsteller mit den Plakaten zur Ausstellung.
Nicht minder seltsame Geschöpfe sind darauf zu sehen, eine nackte Frau ohne Gesicht, eine mit brennenden Kerzen in den Haaren, eine Figur mit verbrannten Flügeln.
Willkommene Hintergründe für die Erinnerungsfotos der Kostümierten.
Durch die Menge hindurch ruft Imi Knöbel in großen Lettern über dem Eingang:
„Zu Hilfe, zu Hilfe...“ Ein kleiner Infotisch darunter bietet dem Besucher erste Hilfe.
Polizisten rennen durch die Drehtüren.



Drinnen im milchigen Licht, kein Blick nach draussen, nichts buntes, glitzerndes mehr, ein Riesenkokon, aber Bässe dröhnen durch die Scheiben, die die ehrwürdige Halle erzittern lassen.
Zwei dunkel Kostümierte fragen nach der Eintrittskarte.
Im Untergeschoß bildet sich eine lange Schlange vor den Toiletten.
An der Wand zum WC Portraits der Maler. Sie posieren hinter Rädern, unter metallenen Scheiben, mit seltsamen Schnauzern, auch in diversen Verkleidungen.
Die Bunten wippen mit Kopfhörern vor den Aufnahmen.
Wieder werden Fotos vor den Fotos gemacht.

In der Ausstellung dann striktes Handy- und Fotoverbot.
Das Wummern der Bässe ist nur noch ganz dumpf.
Zu sehen sind solide Werte, gut abgehangen in schön kleinen Formaten. Eine tolle Mischung von Max Ernst über René Magritte bis Jackson Pollock und vielen anderen Künstlern. Die Bilder zeigen Wesen und Konstellationen, die rein heterosexuellen Träumen entsprungen scheinen. Heutzutage muten sie ein bisschen naiv an.
Allein die penetrante Raufasertapete stört beim Betrachten.






Ganz am Ende, kurz vor dem Ausgang, hängt das großformatige Bild „Fluchtversuch“ aus dem Jahr 2008. Es bildet den Schlusspunkt der Ausstellung.
Der Kunsthistoriker Werner Spies, ein ausgewiesener Augenzeuge der Bewegung, hat auf die frappierende Formverwandtschaft des Zeitgenossen hingewiesen.
"Neo", fragt Spies den Maler, "Deine Frauen zeigen wenig Haut, sind unzugänglich. Willst Du etwas dazu sagen?" Der Maler: "Werner, was soll ich da sagen?" Spies schweigt. Rauch: "Von bemalten Leinwänden erwarte ich keine Masturbationshilfen". Ist Neo Rauch also ein direkter Nachfahre von Dali oder Duchamp? Doch das Gespräch im Rahmenprogramm der Ausstellung, ein Duett der besonderen Art, offenbart eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Der Surrealismus des 20. Jahrhunderts wollte die Gesellschaft revolutionieren, mit der Mobilisierung des Unbewussten quasi das Innen nach außen kehren: „Die Kräfte des Rausches für die Revolution gewinnen“, schreibt Walter Benjamin 1929 – der Aufstand der Sinne, die Behauptung des Gefühls und das Beharren auf Intuition waren erklärte Ziele. So scheint die Parade draussen fast mehr mit allem gemein zu haben. Doch die ist schon längst weitergezogen. Auf der Strasse nur noch orangefarben kostümierte Männer mit Besen, die Flaschen und Sonstiges in einer schnellen Choreografie wegzaubern.



Gastbeitrag, 01.07.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Das letzte Gemälde sieht wirklich toll aus. Was ist das für ein Künstler? Wäre interessant zu wissen, ob man mehr von ihm im Internet sehen kann. Berlin ist schon toll.
Michael | 04.07.09
Nu, dass is en Saxe: Neo Rauch.
Leider sind in dem Beitrag keine Abbildungen von Max Ernst vorgesehen. Die sind WIRKLICH toll.
Markus | 04.07.09
Mir gefällt das vorletzte Bild am Besten. Gibt es darüber evtl. mehr Informationen?
Klaus | 08.07.09
Ja lieber Klaus,
da siehst Du zwei BSR-Mitarbeiter in orange.
Ich hoffe Du verstehst warum ich die URL Deiner Händy-Website löschen musste, oder?
Spam nervt auch wenn sie nicht maschinell gepostet wird.
Markus | 08.07.09
Das stimmt nicht, dass kein Bild von Max Ernst zu sehen ist: siehe:
Junger Mann mit Basecap vor Bild von Ernst:
Junger Mann, beunruhigt durch den Flug einer nicht-euklidischen Fliege (1947)
Stephanie | 08.07.09
Gelungener Blogpost, der im Geiste Benjamins (Flaneur) vieles miteinander verbindet über den räumlichen Zusammenhang hinaus.
gastkommentator | 12.07.09