Gastbeitrag | Kritik

Netzwerke der Überwachung

Gastbeitrag von Constanze Musterer

Die Ausstellung State of Control von Thomas Kilpper im Ministerium für Staatssicherheit
in Berlin

Nichts erinnert mehr an eine Kantine in dem Raum, den Thomas Kilpper im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit seiner Kunst okkupiert. Ein paar Stützpfeiler durchbrechen die riesige Leere, der man anmerkt, dass sie schon lange existiert. Um die Kunst in diesem merkwürdigen Ambiente der ehemaligen Speisung der Obersten der DDR zu entdecken muss man den Blick auf den Boden richten. Nicht ehrfurchtsvoll vor der Kunst und nicht deprimiert im Angesicht der hier vollzogenen Geschichte, sondern als Spurenleser von in das Linoleum geschnitzten Bildern, die Fakten und Hintergründe staatlicher Überwachung und Repression offen legen wollen.

Thomas Kilpper (geboren 1956 in Stuttgart, lebt in Berlin) begann im Jahre 2006 mit der Recherche rund um die strategischen Observation die vom Ministerium für Staatssicherheit ausgingen und arbeitet seit Februar 2009 an der Realisierung seines Konzepts im MfS. Er sammelte Fotos aus Archiven, Zeitungen und Gedenkstätten, die jedoch nicht nur die Stasi Machenschaften, sondern verschiedene Konzepte staatlicher Überwachung und Repression vom Nationalsozialismus bis zur Gegenwart veranschaulichen. Seine persönliche Auswahl an Bildern schnitzte er mit vier Helfern in die 1600 qm große Bodenfläche der ehemaligen Kantine des MfS.

Es gibt viel zu gucken, 90 Abbildungen sind in den Boden geschnitzt, in der Manier eines Holzschnitzers mit ganzer physischer Kraft. Konsequent lehnt Thomas Kilpper digitale Techniken für seine künstlerische Arbeit ab mit der Begründung, dass sie der Ursprung jeglicher möglicher Überwachung sind. Die Techniken der Schnitzereien variieren, was zunächst irritiert, sich aber wohl lediglich in der Gemeinschaftsarbeit begründet. Über die Länge des Raumes sind auf dem Boden Porträts, Gruppenporträts, Szenen und Architekturen angeordnet. Die Spannbreite der Dargestellten reicht von Tätern und Opfer zu Verbündeten und Widerständlern repressiver Gewalt und zieht sich durch das 20. Und 21. Jahrhundert. So sind beispielsweise Che Guevara und Lumumba, Rosa Luxemburg und die Antifaschistin Olga Benario, der Hitler Attentäter Georg Elser, die RAF Mitglieder Ulrike Meinhoff und Wolfgang Grams, Rudi Dutschke, dann Erich Mielke, Erich Honnecker beim Tanz, BKA-Präsident Horst Herold, Willi Brandt mit seinem Vertrauten Günter Guillaume, Soldaten im Stechschritt, Tornado-Kampfflieger der Bundeswehr, DDR-Picknickidylle und viele mehr als eine scheinbar bunte Mischung der Geschichte auf der großen Bodenfläche versammelt und sind subtil zu thematischen Bild-Gruppen angeordnet. Die Flächen zwischen ihnen sind durch ein Wabennetz verbunden, das typische Gestaltungselement im DDR-Design. Die Fülle der Bilder mit Porträts und Szenen bestätigt schnell den ersten Eindruck: Diese Kunst macht arbeit und ein Geschichtswissen weit über das der Schulbildung ist notwendig, um die Bildauswahl von Thomas Kilpper nachvollziehen und die Zusammenhänge verstehen zu können. Eine Legende hilft hier die Namen den Bildern zuzuordnen. So wird die Spurenlese zum Detektivspiel nach den „Wanzen“ im Wabennetz.

Ein Rhizom staatlicher Überwachung
Thomas Kilpper macht thematisch viele Felder auf und die Zusammenhänge scheinen auf den ersten Blick zu weit gefasst. Doch die Querverbindungen, auf die Thomas Kilpper durch die Bildbeispiele verweist, münden immer in Überwachungskonzepten verschiedener staatlicher Mächte in Ost und West. Dass Überwachung nur der erste Schritt zu stattlichen Repressionen aller Art gegenüber anders Denkenden und Handelnden in einem System ist, ist historisch leider bewiesen. Die Definition von „anders“ im Sinne von nicht-gewollt obliegt dabei allein den Überwachern. Und so ist es kein zuviel, sondern eine folgerichtige Entscheidung, wenn Thomas Kilpper Bilder Ermordeter durch verschiedene staatliche Systeme in das Linoleum schnitzt. Dieser rhizomatische Ansatz macht die Arbeit von Thomas Kilpper nicht leicht goutierbar, aber sie ist dadurch spannender als jedes Geschichtsbuch mit garantierter Nachhaltigkeit im Denken.

So zeigt der jüngst neu aufgerollte Fall Heinz Kuras um die Ermordung von Rudi Dutschke, wie undurchdringlich diese Konzepte sind und, viel schlimmer, wie lange sie undurchdringlich bleiben. Die Umstände der Ermordung von Patrice Lumumba durch den belgischen Geheimdienst wurden erst 41 Jahre später rekonstruiert. Eine andere Seite ist, dass die Bundesregierung eine stärkere staatliche Überwachung per Gesetz mit dem Terror der RAF rechtfertigte, diese nach deren Ende aber nie revidierte. Gefilmte Briefkästen, die bei Verdacht sofort von der Staatsicherheit geleert wurden, sind ein weiteres Beispiel staatlicher Macht und bürgerlicher Ohnmacht.

Als Pendant hängen in der dritten Etage des MfS, im früheren Tanzsaal, die Drucke der Linoleumschnitte auf diversen Stoffbahnen von der Decke. Der Blick des Betrachters muss hier also nach oben wandern. Eine Assoziation an die Fahnen und Banner als gebräuchliches Dekor zur Stimmungshebung der Massen bleibt nicht aus. Die zum Teil bedruckten, zum Teil mit gestischen Farbstrichen im nach hinein versehenen Stoffe heben formal die Strenge der schwarz-weißen Drucke auf und versinnbildlichen gleichzeitig die Blümchendekor-Mentalität, die nach außen die heile Welt symbolisiert, in der im innen aber Gewalt und Abgrund herrscht. In der Galerie Olaf Stüber hingegen sind die Drucke im klassischen schwarz-weiss auf Papier zu sehen. Das Dokumentarische vereint mit dem künstlerischen Ausschnitt steht hier im Vordergrund und fokussiert den Inhalt und die Frage an das Bild an sich.

Ein wirkliches Zuviel der ganzen Installation im und um das MfS ist die wie ein Werbebanner an der Außenseite des Gebäudes angebrachte Plane, die die Bodeninstallation nach in den Öffentlichkeit trägt. Schon der Folder mit Bildern und Namen macht ersichtlich, dass die Bodenschnitte auf Papier gepresst nicht funktionieren und das ganze zu einem unästhetischen Chaos degradiert. Die gleiche bildliche Zusammenfassung oder Dokumentation vergrößert nach außen transportiert bringt keine Erkenntnis und schreckt eher ab als neugierig zu machen. Dieser Art von Werbung für die eigene Arbeit hat die Arbeit gar nicht nötig. Der Wind hat sie wohl auch schon davon getragen.


Thomas Kilpper „State of Control“

- bis 26. Juli 2009
Ministerium für Staatssicherheit Berlin
Normannenstr. 19, Berlin-Lichtenberg
und
n.b.k.
Chausseestr. 128/129, 10115 Berlin
www.nbk.org


bis 18. Juli 2009
Galerie Olaf Stüber
Max-Beer-Str. 25, 10119 Berlin
www.galerieolafstueber.de

Gastbeitrag, 22.07.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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