Gastbeitrag | Rückschau

The Russian Club Gallery

von Martina Schmuecker

Eine Gallerie kuratiert von Künstlern
interessant oder zuviel Selbstreflexion?

Fassade

„The Russian Club Gallery“ befindet sich in der Kingsland Road in Dalston, in einem großen Backsteinhaus aus der viktorianischen Zeit, in dem sie sich über das Untergeschoss und die dahinter liegenden flachen Anbauten erstreckt. Es ist ein Ort der etwas zwischen den Welten liegt. Man hat die City und das trendy Shoreditch schon hinter sich, ist auf der großen geraden Ausfallstrasse nach Norden, aber noch nicht im nächsten Stadtteilzentrum, dem an Erwartungen an die Olympiade vollgepackten Dalston, angekommen. Also ein Ort an dem man eher vorbeifährt auf dem Weg zu oder von irgendetwas interessanterem.

Die Galerie ist für Londoner Verhältnisse ziemlich groß. Ganz besonders für eine Galerie deren Programm auf den ersten Blick sehr konzeptuell und akademisch daherkommt und somit nicht sehr ‚kauf und handelbar’ erscheint. Solche Unabhängigkeit von kommerziell erfolgreichen Produkten lässt sich normalerweise nur durch, entweder extreme Raumbeschränkung und somit wenig laufende Kosten, oder durch die Vorfinanzierung durch Mäzene verwirklichen. Ich tippe beim Russian Club auf letzteres, wobei man hier nicht gleich vom Namen auf den Sponsor schließen sollte - die Russen sind es diesmal nicht.

Die Galerie bekommt ihren Namen von einer „urban myth“. Die Räumlichkeiten der Galerie wurden davor als privater Club genutzt, aber es war kein russischer sondern ein türkischer mit allem drum und dran , Massage und Prostitution eingeschlossen - angeblich. Und alle dachten es wären die Russen, warum ist nicht mehr ganz nachvollziehbar.
Somit ist die Namensgebung eine nachträgliche Hommage an den Mythos und reiht sich ein in die lange Liste der Geschichten die, wenn man sie nur oft genug wiederholt oder aussen ans Haus schreibt, dann doch in der Erinnerung wahr werden.

Raum

Jetzt ist es eine Galerie mit angeschlossenem Fotostudio. Die Raume sind hoch und haben sehr gutes Licht durch Oberlichter in der Decke. Der Boden ist grau und die Wände sind glatt- ein schöner, unaufdringlich eleganter und mit viel Liebe gebauter grosszügiger White Cube.

Ausgestellt wird hier übers Jahr mit fast monatlich wechselndem Programm. Die momentane Ausstellung ist eine von Soizic Oger gastkuratierte Ausstellung von Nicolas Baeumelle und Clement Laigle , zweier junger französischer Künstler, die sich beide sehr intensiv mit Architektur beschäftigen. Clement Laigle ist mehr an formalen Strukturen von gebauter Architektur interessiert. Er hat an einer Seite des Raums eine große Wandzeichnung mit gerahmten Drucken kombiniert. Dabei übersetzt Laigle die Struktur des Fachwerkhauses in formale Figuren, wobei die Holzkonstruktion als Lücken in einem schwarzen Blatt gezeigt wird - die Abwesenheit der tragenden Struktur, Architektur aus Lücken, sehr klare Idee und schön ausgeführt. Eine andere Arbeit am Boden, die Installation 'Between Furniture and the Building', ein uebergrosser Zylinder aus Wellblech, ist nicht ganz so entschieden, und die gewollte Verbindung zwischen "Corporate Architecture" und Baustelle kommt nicht wirklich an, das ganze sieht einfach zu neu und zu sehr nach Designobjekt aus.

Nicolas Baeumelle beschäftigt sich mehr mit architektonischen Objekten, Elemente die im Baumarkt erwerblich sind und die er dann weiter be- und verarbeitet. Eine seiner Arbeiten ist eine aus Gips gegossenen Kopie des vorgefertigten 'Pissoir Trennelements' das, im Baumarkt gekauft und dann kopiert, in der Galerie als Teil der Raumarchitektur funktioniert. Ein, ein wenig komisches Objekt ohne Funktion, nutzlos, wie ein schickes Designer Objekt mit Multi-Funktion - die Bedeutung ist weggenommen und somit frei für jede Definition.

Eine sehr reduzierte, vielleicht etwas sehr gewollt minimalistische Ausstellung mit vielen Referenzen an die Architektur, die aber in ihr relevante künstlerische Positionen, historisch oder gegenwärtig (mögliche Namen bitte selbst einsetzen) zu sehr vergisst- und so zu etwas wird, was auf den ersten Blick vielleicht zu einfach übersetzt und kopiert aussieht - und was man vielleicht schon in zu vielen College-Abschluss-Ausstellungen gesehen hat.

Durch die grosszuegige Raumaufteilung der Galerie ist es möglich, mehrere Ausstellungen zur gleichen Zeit laufen zu lassen und auch noch genug Raum für interessante kleinere Projekte zu haben.

In hinteren Raum der Galerie lauft zur Zeit eine Ausstellung des „Members Club“. Dieser setzt sich in der Tradition eines Künstlervereins, aus der Galerie nahe stehenden Künstlern zusammen. Hier werden hauptsächlich skulpturale Arbeiten gezeigt. Der bisherigen Tradition der Galerie folgend, minimalistische und sehr konzeptuell interessante Positionen, wenn auch vielleicht etwas sehr akademisch und der eigene Selbstreflexion im Kunstkontext zu sehr verhaftet. Das macht aber im Moment einen sehr interessanten Kontrast zu der Ausstellung der Franzosen im anderen Raum aus.

Hier zeigen Rupert Ackroyd, Juan Carlode, Cutup, Jess Flodd-Paddock, Lee Grandjean, William Horner, Natsue Ikeda und Cameron Irving kleinere Arbeiten die jede für sich einen sehr intimen Einblick in die Arbeit des jeweiligen Künstlers geben. Eine Sammlung von Kleinoden die in spannender Kombination zu längerer Betrachtung einladen. Besonders positiv fällt die Arbeit von Rupert Ackroyd auf, ein ca. 1,50m hohes Regal aus hässlichem MDF mit einem altertuemlichen Wagenrad in die Struktur eingebaut. Es sind Arbeiten, die in ihren sicheren Platzierung und eigenen Persönlichkeit überzeugen und damit mühelos in einem grösseren Raum gezeigt werden könnten. So kann man hoffen, dass aus der Vielfalt der Positionen in dieser Kombination vielleicht später einmal eine grössere Show entsteht.

Struktur

Der Russian Clubs organisiert außerdem in loser Abfolge die Salons des Cabinet Particular die als eine informelle Plattform für Vorträge, Diskussionen und künstlerischen Austausch dienen. Ausgehend von dem real vorhandenen Cabinet Particular, einer Museums-Vitrine die in der Galerie als autonom kuratierter Mini-Galerieraum funktioniert, findet der Salon in unregelmässigen Zeitabständen statt und hat jeweils ein spezielles Thema zu dem geladene Künstler, Architekten, oder interessante Vertreter anderer Berufe Vorträge halten. Der Salon wird in den Räumen der Galerie abgehalten und der Abend endet nach angeregter Diskussion mit grosszügiger Verköstigung für alle geladenen Gäste.

Der letzte Salon hatte den Titel „Stuff“ was in etwa übersetzt mit Material, Sachen, physisch präsente Dinge bedeuten kann, aber auch im übertragenen Sinne die Bedeutung von Idee und Gedanken hat. Aufhänger des Salons war eine Arbeit des Künstlers John Frankland, der zwei tonnenschwere Granitblöcke in einen Park in East London aufgestellt hat um sie dort den Kletterern zu überlassen. Dort steht sie als soziale und formal funktionierende Skulptur seit Sommer 2008.

Hierzu gab es Vorträge von John Frankland über Skulptur als abstrakte Idee und reales Objekt im künstlerischen Arbeitsprozess, dem Hebe- und Transport-Spezialisten Bob MacCrain von der Firma Ainscough Crane Hire, der einen ziemlich technischen Vortrag über den logistischen Aufwand und die Komplikationen eines Transports der tonnenschweren „Boulder“ interessant machte, und einen Vortrag von Lee Grandjean über die „Idee“ in der Kunst an sich. Letzterer war mehr Performance als Vortrag.
Ein interessanter, informeller Abend - erfüllender als jede langweilige Ausstellungseröffnung oder frontal Unterrichtsvortrag im Hörsaal - mit dem Bonus eines freien Essens noch dazu. Was will man mehr an einem Montagabend?

Idee

Die Direktoren der Galerie, Nat Breitenstein und Matt Golden sind beide Künstler in eigener Mission. Das merkt man der Galerie an, da die Ausstellungen mehr von der künstlerischen oder sogar akademischen Idee geprägt sind als von der für Galeristen typischen monotonen Variation in der Sicherheit des eigenen Geschmacks. Hier ist die Idee die treibende Kraft, die Form dazu findet ihren Weg durch die Hintertür in die Ausstellungen.
Eine klare und im Moment sehr enge Verbindung zu akademischen Diskursen in der Kunst ist erkennbar, und auch eine Verbindung zu Institutionen, was aber hier für ein interessantes Programm macht, da die Positionen die gezeigt werden zwar in der Lehre der Kunst sehr präsent sind so aber selten in öffentlichen Ausstellungen zu sehen sind. Der Russian Club füllt so eine sehr interessante Lücke in der Londoner Szene - wertvolle Raritäten und interessante Einblicke in Beziehungen, die das Lehrer/Schüler Format hinter sich lassen und Generationsverbindend wirken. Wie hier zum Beispiel eine frühere Ausstellung von John Stezaker und William Horner, oder die Kombination von Naum Gabo und Florian Roitmayr, die im November zu sehen sein wird.

Der Anspruch an Autenzität und das Selbstbewusstsein der Macher kommt aus dem eigenen künstlerischen Selbstverständnis und dem Vertrauen in das eigene Urteil. Selbst wenn das hier einen leichten Hang zur Selbstreflexion hat und die gezeigten Positionen aus dem näheren Umfeld der Organisatoren stammen, wird das Nischendasein hier auf hohem Niveau gepflegt. Diese Familie ist groß und interessant genug um noch lange ein sehr interessantes Programm anzubieten und Verbindungen herzustellen.
Ich denke dass hier in kürzester Zeit ein sehr unabhaengiger und professionell organisierter Projektraum auf die Beine gestellt wurde. Etwas was wahrscheinlich in dieser Form in der Stadt schon länger nicht mehr probiert wurde. Somit hat die Rezession, unglaublich aber wahr, in London auch positive Auswirkungen: die Luft ist etwas raus, die Spannung lässt nach - Zeit und Raum für Experimente.
Come and visit.

Martina Schmuecker ist Künstlerin und lebt seit einigen Jahren in London.

http://www.therussianclubgallery.com/

Gastbeitrag, 08.07.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »The Russian Club Gallery«




Automatisch anmelden?