Charlotte Lindenberg | Alles

Ente an Kontext

Irgendwann im Verlaufe einer Ausstellungseröffnung finde ich mich backstage wieder, inmitten der Kleinode, wie sie sich im Laufe der Jahre im Bürobereich jeder Galerie sammeln. Als Relikte diverser künstlerischer Ansätze sind die zwei- und dreidimensionalen Vergissmeinnichts so mannigfaltig wie ihre Herkunft und erschließen sich nicht immer spontan. Bei voreiligen Kategorisierungen ist daher Vorsicht geboten. Dass ein technisch sorgfältig – bis zwanghaft - gearbeiteter Gipstorso mit Metall und Stein kombiniert ist, überrascht mich weniger als das Geschenkband, das an dem klassisch weißen Leib – jawohl: Leib – baumelt. Ob das ernst gemeint sei, frage ich, in der Annahme, bei dem geradezu schmerzhaften Stilbruch handele es ich um den Rest einer Weihnachtsfeier. Mein vermeintlich nur gedachtes „nee, oder?“ muss irgendwie unüberhörbar gewesen sein, denn nur mühsam zügelt die Inhaberin ihr Verlangen, mich kurzerhand raus zu werfen. Und anstatt „Wache!“ zurufen, begnügt sich mit dem Hinweis, das Lametta sei integraler Teil der Arbeit. Bitte vielmals um Verzeihung.

Dergestalt für unkonventionelle Materialsynthesen sensibilisiert, lasse ich meinen nun geschulten Blick weiter durch diese Raum gewordene Schnittmenge aus Produktions- und Reproduktionsstätte wandern und entdecke allerlei Flachware, deren gemeinsames Merkmal darin besteht, dass sie sich – um den geläufigen Pressetextsprech zu bemühen - „herkömmlichen Sehgewohnheiten verweigern.“ Genau dies tut auch die bunte – äh, polychrome – Ente, die an exponierter Stelle auf einem Papierstapel thront – mithin auf einem Sockel, der sich ebenfalls „hehrkömmlichen Sehgewohnheiten“ usw.

Von wem denn die sei, erkundige ich mich, und fokussiere meine Ohren zielgenau in Richtung Galeristin, um den mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mal wieder vollkommen unbekannten Namen des oder der emerging artist wenigstens akustisch aufzunehmen und meiner intrazerebralen Datei namens „Keine_Ahnung_aber_schonma_gehört.doc“ hinzu zu fügen.

„Von meiner Nichte.“

An dieser Stelle setzt nun der Vorgang ein, der das Thema dieser Anekdote darstellt. Gerade eben noch hatte ich – in der Erwartung eines kunstkontextkompatiblen Wissensbausteins – das „Objekt“ als Kulturgut wahrgenommen. Der durch die Nennung seines Ursprungs verursachte Kippeffekt jedoch transformiert diese sinnliche Demonstration archaischen Ausdrucksverlangens in – eine Ente.

Wie das? Oder umständlicher: Wie hatte die Erwartung von Kunst meine Wahrnehmung präformiert?

Spätestens seit Duchamp hat sich die Bedeutung des Kontextes bei der Erzeugung des Werks herumgesprochen. Meinungsverschiedenheiten bestehen nur noch hinsichtlich der Frage, ob die Institution das Werk begünstigt oder gleich ganz schafft.

Worum es mir aber geht, ist die Frage, wie die Bereitschaft, Kunst zu erkennen und zu schätzen, mein Hirnauge steuert. Welche Eigenschaften des farbigen Körpers nahm ich eben noch zur Kenntnis, bevor die Kategorie „von Kind gemacht“ sie verschluckte?

Statt die traditionsreiche Grundsatzdebatte über die Beziehung professioneller und Laienkunst zu exhumieren, möchte ich kaum merklichen Bewusstseinsänderungen nachspüren, mit dem Ziel, die in Erwartung von Kunst geschärfte Aufmerksamkeit auch auf die Wahrnehmung von Nicht-Kunst übertragen zu können.

Grundbedingung ästhetischer Erkenntnis ist Kants viel zitiertes und selten erreichtes interesseloses Wohlgefallen. Anstelle der Überlegung „was sucht das Viech auf den Flyern? Ist nicht die Zugangsvoraussetzung eines jeden Briefbeschwerers das Vorhandensein von Schneeflocken oder eingelegten Blumen?“ entbindet mein „Kunstwollen“1 das nunmehr ULO (unidentified lying object) von jeglicher Funktion und nimmt eine ästhetische Sicht ein.

Kommen Letztere ins Spiel, treten die Kunstbegriffe fächerförmig auseinander und jeder von ihnen zückt die ihm gemäßen Urteilskriterien. Oh ja: Sogar heute – wenn auch heimlich.

Früher hingegen tat man das ja noch mit Getöse, beseelt vom Glauben an die gute Sache. Mit beneidenswerter Selbstgerechtigkeit wurden bis Ende der 1960er Jahre Merkmalskataloge erlassen, um den Rang einer Arbeit zu skalieren. So listetet etwa Harold Rosenberg unter der Überschrift „Quality Judgement Today“ unbefangen Eigenschaften auf, die das Machwerk zum Werk machen: „Einfallsreichtum, Originalität, Wirtschaftlichkeit der Gestaltung, Feingefühl, Klarheit, Einheitlichkeit, Trennschärfe, Lebendigkeit, Vielfalt von Akzenten und formalen Beziügen, Intensität, Flexibilität, Ausdruckskraft, Ausgewogenheit und einen Sinn für das Material2 .

Erfüllt die Ente, bzw. - um dem Objekt nicht von vornherein mimetische Anwandlungen zu unterstellen – die ortspezifisch relational-ästhetische Mixed Media-Inszenierung – durchaus einige der o.g. Kriterien, so bleiben mir Intensität und Nuancenreichtum eher verborgen. Also doch Ente?

Weh mir – habe ich jetzt gerade mittels eines kulturimperialistischen Ausschließungsverfahrens die Peripherie zugunsten des Zentrums diskriminiert? Der Umstand, dass sie die Statuten eines Modernen Old-School-Kulturkommissars verfehlt, macht die ortspezifisch relational-ästhetische Mixed Media-Inszenierung doch nicht gleich zur Ente.

Die seit Harry und seinen Brüdern im Geiste haben uns vergangene Jahrzehnte nahezu sämtlicher normativer Ansprüche enthoben und in einer Urteilsfreiheit zurück gelassen, die zuweilen knapp an Ratlosigkeit vorbei schrammt. Nachdem also die rein visuellen Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst bis zur Unsichtbarkeit hin gedehnt worden waren, hielten sich inhaltliche Ansprüche wie etwa Mehrdeutigkeit, Komplexität des Konzepts oder Vorhandensein historischer Beziehungen. Allerdings werden solche - noch oder wieder - normativen Ansprüche weniger für die Zukunft proklamiert, als vielmehr rückblickend diagnostiziert, nach dem Prinzip: „Das sind zumindest ein paar Kriterien, die sich gehäuft bei guter und seltener bei schlechter Kunst finden.3

Was nun die ortspezifisch relational-ästhetische Mixed Media-Inszenierung angeht, greifen die letztgenannten Kriterien ganz oder gar nicht – abhängig davon, ob ich dem fraglichen Gegenstand seinen Kunststatus verleihen oder entziehen will. Um mit der letzteren Option zu beginnen: Fühle ich mich zur Disziplinierung einer wasserköpfigen Kunstlandschaft berufen, kann ich einem dubiosen Wasauchimmer die o.g. Merkmale absprechen und mich so in der Rolle des inzwischen zum Star avancierten Märchenkindes sonnen, das einst feststellte, der Kaiser sei nackig. Bin ich aber der Überzeugung „dies ist keine Ente“, kann ich dem wehrlosen Tier – ich meine: der IntervENTion – unwidersprochen bescheinigen, was die Tastatur hergibt. Wer könnte schon ernsthaft ihre Mehrdeutigkeit, Komplexität des Konzepts und historischen Beziehungsreichtum bestreiten? Derartige Projektionen semantischer Höhen- (oder Kamikaze-)flüge auf beliebige Gegenstände sind dankbarer Stoff für Parodien.

Doch statt weiterer Bespaßung einer ohnehin ausreichend lustigen Kunstlandschaft hege ich nach wie vor den Wunsch, den Scheitelpunkt zwischen Sehen und Wiedererkennen zu beleuchten, um festzustellen, wie Kunst entsteht – genauer: Wie wir Kunst herstellen. Auf das Kunst werde, wo keine war.

Ich komme immer wieder auf das Anliegen dieses Textes zurück, um dem Eindruck vorzubeugen, es ginge um Objekt oder Federvieh. Vielmehr ist der Aufhänger austauschbar. Was ich will, ist MEHR Kunst. Und das nicht durch einen höheren Ausstoß an Produkten, sondern durch flächendeckende künstlerische Wahrnehmung.

Zurück zur Ab- und Zunahme der Qualitätskriterien seit Rosenbergs expliziten Dos nebst ihrer weniger expliziten Don´ts.

Spätestens Anfang der 1990er Jahre waren die dominierenden Kunstbegriffe vor lauter Erweiterung so ausgeleiert, dass die Suche nach verbleibenden Tabus nur noch kurzfristig erfolgreich verlief, weil das eben noch Provozierende auch schon preisgekrönt und ins Museum verklappt wurde.

Dieser berüchtigte Anything-Pluralismus funktionierte und funktioniert allerdings nur theoretisch. Sobald es an die Verteilung knapper Ressourcen geht, wird gesiebt wie zu Zeiten, als Adel und Klerus noch Aufträge verteilten.

Konkreter: Wer sich allzu schrankenlose Aufgeschlossenheit nicht leisten kann, da es beispielsweise über Ankaufsbudgets zu entscheiden gilt, kommt an der Notwendigkeit der Positionierung nicht vorbei.

So antwortet Susanne Gaensheimer, Leiterin des Museums für moderne Kunst in Frankfurt am Main, auf Kunstzeitungs Erkundigung „wie hältst du´s mit der Qualität?“, für sie sei „wesentlich, dass mich eine Arbeit sowohl ästhetisch als auch intellektuell wirklich überrascht und mit Zusammenhängen konfrontiert, die mir neu sind, die eine visuelle, gedankliche oder emotionale Herausforderung darstellen, vielleicht sogar unauflösbar sind.4

Scheint diese Antwort auch vergleichsweise vage und Raum für Auslegungen zu bieten, so enthält sie doch substantiellere Aussagen zu Auswahlkriterien als Jawlenskys nur scheinbar verwandte These „jedes große Kunstwerk sei 'ein großer Schreck'5 .

Die Antworten auf sog. Gretchenfragen – scheinbar schlichte Fragen, die äußerst unschlichte Antworten erfordern – teilen stets das gleiche Schicksal: Knallige Einzeiler eignen sich – einprägsam wie sie sind - zum Aufsagen garantieren Lacher, wann immer die Rede auf Urteilskriterien kommt. Bei der Konfrontation mit unbekannter Gegenwartskunst greifen Aphorismen zu kurz. Wollen wir nämlich inmitten des Reizgewitters der Gegenwart das Geflimmer diffuser Zu- und Abneigungen zu kommunizierbaren Urteilen destillieren, sind gern kolportierte Zitate wie Picassos „das wichtigste ist, dass ICH es gemacht habe“ wenig zielführend. Produktiver sind da schon auf den ersten Blick zynische, bei näherer Betrachtung aber stichhaltige Thesen wie die von General Idea „Solange es sich nicht verkauft, ist es keine Kunst.6

Keine Lachnummer, aber hilfreich bei der Trennung von Spreu und Weizen wären Überlegungen wie: Qualität ist, wenn ein Werk auf formaler, inhaltlicher und verfahrenstechnischer Ebene überzeugt, dass es so und nicht anders sein kann, d.h. dass Formen, Inhalte und Mittel die optimalen zu dieser Zeit an diesem Ort für diese Zielgruppe sind.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Q-Frage jahrzehntelang feurige bis resignierte Wortgefechte gezeitigt hat und sich Scharen kunsttheoretisch Ambitionierter damit disqualifiziert, weil als Kinder ihrer jeweiligen Zeit geoutet haben, ist es etwas verwegen, sie nur wegen der Begegnung mit einer Ente in dieser feuilletonistisch flüchtigen Weise anzutippen. Solange ich aber einen allgegenwärtigen Slalom um eben solche fundamentalen Wespennester beobachte, scheint es mir sinnvoll, bei jeder Gelegenheit dran anzustoßen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sondern aus dem pädagogischen Interesse, Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Zu welchen Ausblühungen deren Mangel geführt hat, haben wir in den Jahren der berüchtigten Blase erlebt.

Die Unsicherheit, eine ortspezifisch relational-ästhetische Mixed-Media-Inszenierung vor mir zu haben oder eine Ente, ließ mich den Vertrauensvorschuss erkennen, mit dem ich Etwas aus Nichts kreiere und damit den Anteil der Betrachtenden am Werk. Von der Ente zum Kunstwerk und zurück zur Ente - wenn das keine schöpferische Leistung ist.

Charlotte Lindenberg, 19.08.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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