Michael Reuter | Region Stuttgart

Meine Musik bleibt


John Cage: HV2
Foto: Kolumba, Köln, Courtesy of the John Cage Trust

Der Zugang zur Ausstellung „Kunst = Leben. John Cage“ in der Stihl Galerie Waiblingen führt durch eine innen verspiegelte Black Box, in der Henning Lohners Film „One11“ zusammen mit dem Orchesterwerk „103“ gezeigt wird. Es ist ein Schwarzweißfilm ohne Thema, der einzige Langfilm von John Cage, gedreht 1992, im Jahr seines Todes. Es gibt keine Personen oder Handlungen, nur wanderndes Licht. Film und Musik bestehen aus siebzehn Teilen und laufen parallel, obwohl sie nicht direkt zusammen gehören. Jeder Teil von „One11“ besteht aus ca. 1.200 Zufallsoperationen eines Computers, der das Licht und den Kamerakran steuert.

Der Zufall spielt auch im grafischen Werk eine große Rolle. Zufall und Schicksal. Cage war ein großer Anhänger des alten Weisheitsbuches „I Ging“, das in China seit Jahrtausenden als Orakel befragt wird. Das Papierformat, die Farbmischung, die Zahl der Striche, die Wahl der Motive und ihre Anordnung – bei allen Entscheidungen ließ sich Cage durch das „Buch der Wandlungen“ leiten und inspirieren.

Das Beeindruckendste der Ausstellung sind nicht die einzelnen Exponate, sondern der universelle Geist, der in ihnen zum Ausdruck kommt. „Ich habe den Wunsch, den Unterschied zwischen Kunst und Leben einfach auszulöschen …“, sagte Cage und nutzte dabei die skurrilsten Wege. Er steckte Schrauben, Radiergummis und Scheren zwischen die Saiten eines Flügels, komprimierte den Text von James Joyes‘ Buch „Finnegan‘s Walk“ mithilfe des „I Ging“, brachte die Kakophonie der uns ständig umgebenden Schwingungen, Töne und Frequenzen zur Aufführung, interessierte sich für japanische Haikus, Literatur, Tanz, eigentlich für alles – und für Pilze. 1958 gewann Cage als Pilzexperte 6.000 Dollar in einer italienischen Quizsendung. Der legendäre Schlussdialog mit Moderator Mike Bongiorno:
„Bravo, Signor Cage, Arrivederci und gute Reise, kehren Sie nach Amerika zurück oder bleiben Sie hier?“
„… Meine Musik bleibt.“
„Ah, Sie gehen weg und Ihre Musik bleibt, aber das Gegenteil wäre besser: wenn Ihre Musik weggehen und Sie bleiben würden.“


John Cage, at the piano composing his Sonatas & Interludes, 1947, Courtesy of the John Cage Trust

Seine Freude am Experimentieren scheint unerschöpflich und so ist die Kunst von John Cage, trotz aller Schwierigkeiten beim Hören seiner Musik und der großen Komplexität seiner Gedankenwelt, sehr dicht am Leben – der Betrachter muss nur den ersten Schritt tun und sich ohne Vorurteile dem Rausch der Welt hingeben.

Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 73, September 2009.

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Michael Reuter, 30.08.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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