Michael Reuter | Interview
Wer fürchtet sich vor der schwarzen Frau?

Heike Ruschmeyer: Monolog XXVIII, 1988, Kunstharz, Eitempera, Ölfarbe auf Nessel, 240 x 190 cm
Leichen, tote und missbrauchte Frauen und Kinder, gewaltsam Verstorbene: Die Bilder von Heike Ruschmeyer (*1956) sind nichts für zartbesaitete Gemüter. Dabei zelebriert die Künstlerin weder satanischen Messen noch bevölkert sie ihre Bilderwelt mit erdachten Horrorszenarien. Ihre Inspiration entzündet sich vielmehr an Tatortfotos aus der gerichtsmedizinischen Literatur – vorgefundene Wirklichkeiten, die sie in eine bedrückende Malerei übersetzt.
„In den Fotos finde ich etwas, das mich reizt, mit dem ich mich identifizieren kann“, versucht Ruschmeyer ihre Arbeitsweise zu verdeutlichen. „Es handelt sich häufig um Tote, weil deren Darstellung mir einen Freiraum bietet, in eine Geschichte einzutreten, die ich nicht kenne, aber die meine eigene sein könnte.“ Würde stattdessen ein Modell im Atelier sitzen, das seine eigene Geschichte erzählt, wäre der Widerstand viel größer, den die Malerin überwinden müsste, um an ihr Bild zu kommen.
Heike Ruschmeyer geht es nicht um den vordergründigen Schock. Vielmehr möchte sie ihre Bilder als ambivalente Darstellungen eines Zwischenzustands, einer besonderen Existenzform zum Betrachter bringen. Deshalb gibt es auch keine Verstümmelungen oder explizite Gewaltdarstellungen. Trotzdem haben ihre Arbeiten immer etwas mit Gewalt zu tun. Gewalt, die in der Luft liegt. „Die Generation meiner Eltern, die Ende der 20er Jahre geboren wurde, waren zerbrechliche Menschen. Sie haben ein Gefühl weitergetragen von Bedrohtheit, von Verletzung. Es geht mir nicht darum, dass der Betrachter sieht: Der Dargestellte ist ein Toter. Das Bild soll eine Aussage sein, offen für eigene Interpretationen bleiben. Es gibt bei den Kinderbildern auch einige, bei denen ich als Vorlage Fotos von schlafenden Kindern genommen habe. Man könnte aber denken, dass sie tot sind.“
Manchmal ist die Künstlerin erstaunt über die extremen Reaktionen des Publikums. Es gäbe in der Kunstgeschichte viele Darstellungen, die weit mehr Angst und Betroffenheit auslösen müssten, gibt Ruschmeyer zu bedenken. Sie vermutet, dass der große zeitliche Abstand den brutalen Kreuzigungen, Kriegspanoramen und Höllenvisionen den Schrecken nimmt.
Es sei schon vorgekommen, dass Betrachter vor ihren Bildern in Tränen ausgebrochen sind. Sie erzählen dann ihre Geschichte, berichten über vergangene Verluste und hervorbrechende Gefühle. Ruschmeyer hört zu, nimmt Anteil und bleibt distanziert, denn persönliches Leid, auch wenn es anders scheint, ist nicht ihr Thema.

Heike Ruschmeyer: Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein (1), 2004, Ölfarbe auf Nessel, 210 x 138 cm
„Ich bin eine dokumentarische Malerin. Ich bin nicht melancholisch und nicht sentimental. Und um es mit Heiner Müller zu sagen, gehört es auch zu einem Demokratieverständnis, sich Gedanken über die Toten zu machen, denn die Toten sind absolut in der Mehrheit“, distanziert sich die Malerin vor allzu hastigen Versuchen, die Künstlerin und ihr Sujet miteinander zu verschmelzen. Tatsächlich gibt es in ihrer Biografie Hinweise auf Krankheit, Tod und düstere Stimmungen: die Pressefotos ohne Lächeln, die schwarze Kleidung, die schwere Magersuchterkrankung in der Pubertät. Aber ein Lebenspuzzle hat viele Lösungen und die Person, die wir durch biografische Stichworte versuchen zu konstruieren, bleibt ein unfertiges Zerrbild. „Ich empfinde mich als Anwalt der Menschen, die ich male“, sagt Ruschmeyer. „Ich hole sie zurück in diese Gesellschaft. Denn ihr Bild ist noch da.“
Der Beitrag erschien zuerst in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 71, Juni 2009.
Michael Reuter, 11.08.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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