Gastbeitrag | Kritik

Der Raum ist nicht genug

Gastbeitrag von Stephanie Kloss

Thomas Demand
Nationalgalerie
Neue Nationalgalerie, Berlin
22. September 2009 bis 17. Januar 2010

Vorhang auf für Thomas Demands Schauspiel „Nationalgalerie“
in der Neuen Nationalgalerie zu Berlin.

Donnerstag Abend.
Eine lange Schlange bildet sich vor der Neuen Nationalgalerie.
Über der Menschenmenge steht in erleuchteten Lettern nochmal der Name des Gebäudes, der Ausstellungstitel, damit man weiss wo man ist und was einen erwartet.
Daneben ein großes Festzelt.
Wir wollen nicht Schlange stehen und gehen in das Zelt.
Innen ist es leer und bitterkalt.
Rosafarbenes Licht und paar wenige Stehtischchen bestärken den trostlosen Eindruck. Aus den Lautsprechern schallt deutschsprachige 80er Jahre Musik.
Der ausgelegte Teppichboden spart die festinstallierten Skulpturen vor der Nationalgalerie sorgsam aus.
Weil es doch zu kalt ist, gehen wir wieder ins Freie.
Die Schlange hat sich aufgelöst und wir betreten den großen Raum:
In der „Nationalgalerie“ zeigt uns Thomas Demand, laut Zeit Magazin: „der berühmteste deutsche Künstler des Jahrgangs 1964“, wie er auf sein/ unser Land blickt.
Er hat für die Ausstellung nur Arbeiten ausgewählt, die auf deutsche Orte oder Inhalte anspielen.

Die Bildlegenden hat der Dichter Botho Strauß auf Einladung Demands frei assoziiert. Da liegen die Texte wie Kunstwerke in Vitrinen und erzählen vom „Widerschein“, „dem unerklärlich Schönen“ und der „Eingefassheit aller Bedeutungen“.

Doch erstmal sehen wir nur die schweren, in üppigem Faltenwurf zu Wänden drapierten Vorhänge, auf denen die Bilder direkt montiert sind. Es ist eine Materialschlacht.

Mies van der Rohe hatte geplant, die vorgehängte Glasfassade mit Licht und Sichtschutz zu versehen. Das Team Demand, Kittelmann und das Architekturbüro Caruso St. John haben das Thema Vorhang aufgegriffen, um den großen wandlosen Raum zu unterteilen, ihn mit erdfarbenen, schweren Stoffen klein zu machen.

Sie haben große Kabinette gebaut, die den Schall schlucken, den Bildern aber nicht gut tun. Sie lenken ab, stören durch die dominante Struktur, wirken nicht wie gewünscht beklemmend, sondern seltsam provisorisch.

Es ist sicher extrem schwer, die gläserne wandlose Halle zu bespielen. Wir überlegen, wie man es sonst machen könnte, kommen aber zu keinem überzeugenden Ergebnis. Andere Künstler haben mit simplen Mitteln sich der übermächtigen Architektur nicht unterworfen bzw. sie verhangen, sondern mit ihr gearbeitet. Wie z.B. Jenny Holzer, Ulrich Rückriem oder zuletzt Imi Knöbel, der ein verblüffendes Raumgefühl durch das simple Weissen der Fenster erzeugte. Allerdings bedienen alle auch ein anderes Medium als die zweidimensionale Fotografie. Oder sie haben die Architektur einfach negiert, wie z.B. Immendorf, der ein rotes konstruktivistisches Etwas in die Halle setzte, um seine Bilder darin und darauf zu montieren.

Hier, in der „Nationalgalerie“, scheint alles überdimensioniert, zuviel, zu gross, zu gewollt.
Der Wille zum Gesamtkunstwerk zu deutlich, die mediale Präsenz übermächtig.
Im Rahmenprogramm sollen außerdem noch ca. 25 Größen aus Politik, Kultur und Geisteswissenschaften antreten: vom Philosophen Jacques Rancière über den Regisseur Hans-Jürgen Syberberg bis zum Architekten Rem Koolhaas.
Wäre es nicht besser gewesen, dem Motto Mies van der Rohes zu folgen:
„less is more“?

Es ist auf jeden Fall schade, dass ein so guter Künstler wie Demand, ein Bildhauer, ein Fotograf, der sich an Räumen der Geschichte abarbeitet, diesem klassischen Raum nicht traut. Aber vielleicht soll es ja genauso wirken, wie ein Ausstellungsmodell: eins zu eins.

Gastbeitrag, 21.09.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Mit dieser Ausstellung hat sich der Künstler selbst ausgespielt. Leider ein weiterer Kollege meiner Generation vor dem ich mich an diesem Ort nicht verneigen möchte.

stefan heinrich ebner | 30.09.09

 

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