Markus Wirthmann | Kritik
Zwei nicht mehr ganz so junge ...
... britische Artisten in Berlin:
Barocke Handwerkskunst vs. postmoderne Appropriation
Mat Collishaw bei Haunch of Venison
und Gavin Turk bei ScheiblerMitte

Dreidimensionales Zoetrop von Mat Collishaw
Mat Collishaw und Gavin Turk sind YBAs (für alle Nachgeborenen: Young British Artists) der ersten Stunde. Sie waren bei Damien Hirsts Ausstellung freeze und Charles Saatchis Sensation dabei. Jetzt sind neue Arbeiten in Berlin zu sehen.

Turk als Schachtürke von 1769
Neue Arbeiten - aber nichts wirklich neues von Gavin Turk. Irgendwie scheint er mir in der Pose der legendären, und schon lange toten, Punk-Ikone Sid Vicious verharren zu wollen. Als dieser hatte sich Turk 1997 für die Show Sensation in Wachs portraitieren lassen - seine warscheinlich bekannteste Arbeit. Bei Ihr geht es, wie bei eigentlich allen Turk-Werken, um das Einschreiben der eigenen Biografie in die (Kunst)-Geschichte.

Turk als traditionelles britisches Ladenschild
Dies veranstaltet der Künstler in unterschiedlicher Qualität: Manchmal visuell punkmäßig und scheinbar gewaltätig - manchmal leise und schlitzohrig. So stellte er, neben dem schon erwähnten Punk-Selbstportrait, in den 80er/90er Jahren offiziell aussehende Denkmal-Plaketten her, die ihn als bemerkenswerten Londoner Einwohner und die plakettierte Immobilie als historische auswiesen.

Dazu braucht es wohl keine Erklärung ...
Nun, irgendwie passt es ja dann auch, dass sein späteres Werk mit dem frühen identisch ist. Schließlich wurde der Begriff branding auch mit und von den YBAs und deren Förderer Charles Saatchi, dem ehemaligen Werbe-Tycoon, in die bildende Kunst eingeführt - aber ist das wirklich noch spannend?

Turk als extrabreite Truthahn-Backfolie (vgl. Thanksgiving-Brauchtum in den USA)
Mat Collishaw öffnet in der Heidestraße eine barocke Wunderkammer voll optischer Sensationen und Sensatiönchen, allem voran das aufwändig mit Hilfe von Rapid Prototyping gefertigte und stroboskopisch beleuchtete Zoetrop. Auf einer kreisförmigen Bahn rasen kleine puttenhafte Kinderfiguren, Vögel und bunte Schmetterlinge am Betrachter vorbei. Durch das aufblitzen des Stroboskops, das mit der Geschwindigkeit der Kreisbahn synchronisiert ist, fließt alles in eine Bewegung zusammen. Es ergibt sich ein kurzer animierter Loop: die kleinen Kinder schlagen mit Knüppeln auf etwas - oder etwas tot, Vogel fliegt und Schmetterling flattert.

Im parallelen Universum von Science-Fiction-Literatur und Comic-Kultur heisst die Verquickung von vormoderner Ästhetik mit postmoderner Technik Steampunk. Auch wenn dem Begriff der Ruch von Camp und Subkultur anhängt finde ich ihn hier nicht unpassend.

Die zentrale Video-Installation zweigt Bacons/Velasquez´ Papst Innozenz X. wie er sich im Datenregen á la Matrix auflöst. Der Film Matrix ist sicherlich, nach Blade Runner, das populärste Beispiel für das Sci-Fi-Genre Cyberpunk das in gewisser Weise der Gegenpol zu Steampunk ist aber ungleich apokalyptischer und schwärzer daherkommt.
Steampunk eröffnet seinen Helden, genauso wie der Gegenpol Cyperpunk, eine Art Überzeitlichkeit und ein freies Schweben über den Genres. Sozusagen freie Wahl der Waffen im Kampf um ... na ja, meist um die Welt oder die Herrschaft über sie. Jedenfalls um Grundsätzliches.

Wie zum Beispiel den Tod, den Mat Collishaw auch noch in einem anamorphotischen Video-Stierkampf sowie in Form von schwülstig schönen, aber offensichtlich gewaltsam getöteten, Schmetterlingen zelebriert.

Markus Wirthmann, 18.09.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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