Markus Wirthmann | Kritik

Protectionismus

Die Weingüter Retzer Land, ein Qualitätsverbund von Top-Winzern im westlichen Weinviertel Österreichs, lud gestern Abend zur Weinprobe in den Dachboden der Botschaft. Der windschiefe Dachverhau wird aus unerfindlichen Gründen auch gern euphemistisch als Österreichisches Kulturforum Berlin bezeichnet und hin und wieder als Ausstellungsfläche zweckentfremdet.

Anlässlich des zwanzigjährigen Jahrestages des Mauerfalls hatten die o.g. Weingüter etliche Flaschen jenes Getränks spendiert, das sich der neulich verschiedene österreichische Politiker Jörg Haider angeblich auch schon mal anal verabreicht haben soll.

Der österreichische Künstler Jochen Traar schichtete die spendierten und nach Künstlermotto umetikettierten Alkoholika zur Mauer, die dann von der geladenen Besucherschar entweder weggesoffen oder flaschenweise mitgenommen werden sollte.

Der kabarettistische Eingriff Traars ging allerdings ins Leere. Was als künstlerischer Angriff auf bundesdeutsche Mauerfall-Pathetik gedacht und ohnehin schon gedanklich flach war, zerbröselte vollends an den schnöden Begeitumständen. Das hässlich postmoderne Interieur des Ausstellungsraums mit seiner gewölbten Sichtbetondecke und himmelwärts gerichteten Bullaugen eignet sich einfach zu wenig als Projektionsfläche für die Kritik am Pathos. Die ungelenke Architektur taugt vielleicht zur Abstellkammer, macht aber jede ernsthafte künstlerische Äußerung zum Witz in Tüten. Wo Hängeleisten und Nylonschnüre die Bilder an der Wand halten, braucht´s keine Ironie mehr.

Da hilft auch verschwiemelte Artistenlyrik nicht weiter:

"... Gemeinsam mit dem Kulturwissenschafter und Kurator Jakob Racek entwickelt Jochen Traar einen Parcours materialer Kostbarkeiten, die der kulinarischen Aneignung durch den Ausstellungsbesucher ausgesetzt sind. Diese werden somit zu Komplizen im Abbaugeschäft der skulpturalen Offerte. Zwischen Betrachter und privatisiertem Segment eines ursprünglich Ganzen entfaltet sich eine Intimität, wie sie vom ritualisierten Handel mit Souvenirs und Reliquien bekannt ist. Zugleich löst das Moment der Aneignung eine Ereigniskaskade aus, deren Ausgang sich der Kontrolle des Künstlers letztendlich entzieht ..."

Habe die Ehre ...

Markus Wirthmann, 21.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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