Charlotte Lindenberg | Essay
Auf der Suche nach der Evolutionsbremse
Frieze 09
Der angeblich “nach den Messen in Basel und Miami wichtigste Termin im Kunstkalender” fand bereits vor einer Woche statt und wurde seither ausreichend in Print- und Online-Medien doku- und kommentiert. Diese Tatsache beschert mir die Gnade des späten Report, will sagen: Wenn ich heute noch eine persönliche Bilanz der Londoner Frieze Art Fair ziehe, brauche ich niemanden mit Beschreibungen von Arbeiten zu belasten, denen ich letztlich durch Wort und Foto doch nicht gerecht werde. Stattdessen nehme ich die Tour de Force durch die überwiegend aktuelle Kunst zum Anlass, vor aller Augen über das Phänomen tendenziöser Berichterstattung - kurz: des Abwatschens – zu sinnieren.
Zwicken statt Zwitschern
Mein diesjähriger Besuch der beiden fast gleichzeitig stattfindenden Londoner Messen namens Frieze und Zoo unterscheidet sich von sonstigen Heimsuchungen durch die Tatsache, dass ich mich in den vergangenen Monaten wiederholt für eine wertende Form der Kunstbetrachtung ausgesprochen hatte. (Näheres dazu im Beitrag "What Crisis?" weit unten auf dieser Seite).
Obwohl mir die Vorteile einer unvoreingenommen und nicht-urteilenden Berichterstattung geläufig sind, halte ich offensive Kritik aus verschiedenen Gründen für zeitgemäß und notwendig, auf die Gefahr hin, später Abbitte zu leisten und voreilige Schlüsse zu relativieren. Denn rückblickend erkennen wir immer wieder die Wandlungsfähigkeit einstiger Zu- und Abneigungen. So kann die spontane Ablehnung einzelner Arbeiten oder ganzer Œuvres zuweilen der Beginn der sprichwörtlich “wunderbaren Freundschaft” sein. Langfristig schätzen wir nämlich nur die Kunst, die unseren Horizont erweitert, und dies ist grundsätzlich mit anfänglichem Widerstand verbunden.
Und dennoch: Es gibt zu viel Gutes, als dass ich Allem die gleichen Vorschusslorbeeren zollen mag. Schon klar, dass Abgelehntes nicht an sich ablehnenswert ist, sondern mir lediglich die Grenzen meines eigenen Erfahrungshorizonts vor Augen führt. Das Problem mit dem vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Noch-nicht-Integrierten aber ist, dass die tolerante Wertschätzung, die ich etwaigen Beecrofts, Peytons und ähnlichen Erscheinungen entgegenbringen “sollte”, diejenige relativiert, die ich gegenüber zurechnungsfähigen Werken verspüre, also solchen, die ich schon jetzt, im Rahmen meines real existierenden Urteilsvermögens, bevorzuge. Und gerade von letzteren gab es auf den beiden Messen viel zu bestaunen.
Bodensatzfahndung
Nachdem ich mich also bei jeder sich bietenden Gelegenheit für polarisierte und daher polarisierende Formen der Kunstkritik ausgesprochen hatte, verordnete ich mir eine Keif- und Zeterprozession. Entschlossen, meine allgemeinen Behauptungen hinsichtlich überflüssiger Kunst mit Anschauungsmaterial zu füttern, begebe ich mich auf die Suche nach dem Unterirdischen. Man sollte meinen, dass beklagenswerte Exemplare auch ohne persönlichen Einsatz aus jeder zweiten Messekoje kriechen. Falsch. Tun sie nicht. Und hier liegt der Grund für den Entschluss, systematisch das Nichtswürdige zu suchen. Die Anzahl angemessener Hassobjekte scheint abzunehmen, seit ich ihre Existenz verkündet habe.
Wo sind sie alle hin, die soundsovielten Reminiszenzen an Altvordere, die nicht endenden wollenden “Befragungen” popkultureller Mythen, die dreidimensionalen Autobiografien von Kunstschaffenden im reifen Alter von dreißig Jahren?
Kaum will ich madig machen, sind sie verschwunden. Schon das Fortsetzen der Aufzählung fällt schwer. Was war es doch gleich, was mich in letzter Zeit so erbost hat?
Fürchte ich meine eigene verbale Gewalttätigkeit? Möchte ich mir das Erlebnis ersparen, wie sich meine ach so begründeten, ausgewogenen und unverzichtbaren Einschätzungen grauenhafter Arbeiten in schrille Schimpftiraden transformieren, kaum dass ich sie geäußert habe, und ich mich somit einreihe unter die Kulturkritischen vom Schlage eines … ach, lassen wir das.
Der Watschen-Segen
Eigentlich nicht, schließlich fand ich zeitlebens just diese adrenalinschwanger geifernden Rezension unterhaltsamer als milde Kopftätscheln. Und mit dieser Schadenfreude bin ich nicht allein. Verrisse sind bei den Verrissenen beliebt, weil sie freudiger und daher von mehr Menschen gelesen warden als Ehrbezeugungen. Und die dank der gern gelesenen Bashing-Attacken vermehrte Namensnenung ist es, was Verrissene über das Verrissensein hinweg tröstet.
Ein zweiter Grund der positiven Langstreckenwirkung für kurzfristig Abgewatschte besteht darin, dass Polemik den Widerspruchsgeist weckt und somit die Wahrnehmung schärft.
Offenbar falle ich eben diesem Effekt zum Opfer, während ich das falsche Leben im Wahren, sprich das Grottige in der Gegenwartskunst suche.
Kurz: Es wird Zeit, meinen Pep-Talks (“nennt die Dinge beim Namen”, “schlechte Arbeiten sind keine Heraus- sondern Unterforderungen” usw. usf.) Worte folgen zu lassen, weil Blut predigen und Kamillentee ausschenken ist – naja, gesund halt.
Kaum werde ich dann doch fündig, beschließe ich, meine Beute nicht zu fotografieren. Zwar weiß ich, dass eine bildfreie Buchstaben-Steppe (im Englischen heißen längere Texte “grey matter”) im Rahmen eines Blogs bestenfalls von theoriegestählten Hardlinern gelesen wird. Trotzdem beharre ich auf dem Bilderfasten. Denn Abbildungen des Nicht-Bildwürdigen verschaffen Letzterem nur die Aufmerksamkeit, die man ihm gerade entziehen will. Insofern haben viselle Negativbeispiele die gleiche Wirkung wie die klassische Aufforderung, sich keinen rosa Elefanten vorzustellen.
(Wer partout in die Tischkante beißen will, möge “Frieze” eingeben und sich der darufhin erscheinenden Bildstrecken erfreuen. Insbesondere das erste der folgenden Beispiele wurde gern fotografiert.)
Die auf die Thematisierung von Negativem verwendete Zeit fehlt dem Positiven. In dieser Hinsicht teile ich Boris Groys’ Vorschlag, Kritik nicht länger mittels Plus und Minus (= gut und schlecht) zu üben, als vielmehr mittels des binären Codes von Eins und Null: Gutes wird thematisiert, Schlechtes ignoriert. Mit andern Worten: Keine Namen der Bösewichte.
Auf zur Suche nach Sondermüll
Fünf monumentale Reliefs aus Gebäckförmchen zeigen Tierfiguren im unwiderstehlichen Kindchenschema-Charme, dessen geballte Schlüsselreize bei Kindern und Kind Gebliebenen Beschützerinstinkte auslösen. Mag ja tiefenhermeneutische Untiefen bergen, aber hätte nicht eins gereicht? Kaum will ich Stolz über diesen endlich richtig negativen Gedanken empfinden, schleichen ihm erste Gegendarstellungen hinterher. Ist die Entscheidung der Dubaier Galeristin, die ganze Koje diesem Alles-Ein-Euro-Stil zu widmen, nicht ebenso konsequent wie die der Mailänder Galerie Zero? Dort hat man die drei Wände mit einem einzigen, 20 x 30 cm großen Gemälde von Victor Man “gefüllt”. Dieses Alleinstellungsverfahren entsprch dem ausdrücklichen Wunsch des Künstlers. Die radikale Respektsbezeugung gegenüber dem Willen des Maestros zahlte sich aus. Am ersten Tag ging Aspen für 25.000 € über den Ladentisch und Galerist Paolo Zani bilanzierte: Habe fertig. (“We are sold out.”)
Jedenfalls sind beide Kojen – die mit und die ohne bunte Tierchen - gleich kompromisslos, wenn auch auf entgegengesetzte Weise.
Elementarteilchen
Duck Rabbit von Gavin Turk, ein in schwarzes Kaninchenfell gehülltes Ei auf einem Sockel schwarzer Holzklötze, trägt den Titel des 1899 erfundenen und gestaltpsychologisch gern verwendeten Kippbildes, das schon Wittgenstein zu der Überlegung veranlasste, ob er Formen tatsächlich unterschiedlich wahrnehme, oder vielmehr stets das Gleiche sehe und unterschiedlich interpretiere.2
Die Verwendung elementarer Grundformen erinnert an eine 1777 von Goethe entworfene Plastik, deren Abstraktionsgrad für die damalige Zeit unerhört war: Die auf einem Würfel (Inbegriff des Stabilen) ruhende Kugel (nbegriff des Labilen) hatte Goethe Altar des Guten Glückes genannt, um die prekäre Natur des unbeständig glücklichen Zustandes zu veranschaulichen. Während Goethe aber die richtungslose, da völlig gleichgewichtete Form der Kugel wählte, formt Turk das Absolute bipolar, nämlich als Ei.
Flächendeckende Bespaßung
Vieles ist originell und lustig. Somit gehören beträchtliche Teile der Messe zur Gruppe der Hingucker, eine qualitativ durchschnittliche Kategorie, die jedoch über die dankenswerte Eigenschaft verfügen, das Interesse selbst der reizüberflutetsten Hirne auf sich zu ziehen. Nach John Lennons Motto “Whatever get´s you thru the night, is allright” bin ich dieser Spezies von Blickfängern mit der Halbwertszeit eines Knallfrosches für ihren Treibstoffcharakter dankbar.
Das Nebeneinander von subtil (man höre und staune: auch Agnes Martin war vertreten) und Holzhammer, von qualitativ Hoch- und nicht ganz so Hochwertigem macht die Wirksamkeit der messetypischen Mischkalkulation aus. Mögen Gags auch selten die Aufmerksamkeitsspanne des sprichwörtlichen Goldfischs überschreiten, so tricksen sie den erlahmenden Besucher doch durch die Täler körperlich-geistiger Leistungskurven hindurch. Aus purer Neugier gegenüber dem Skurrilen am anderen Ende des Ganges chlappt man sich über die Langsam-reichts-Grenze hinweg.
Womit ich schon wieder von meinem Entschluss, Schlechtes schlecht zu machen, abgewichen wäre. Egal, Kalauerkunst wäre ohnehin das falsche Opfer, weil ich Lustiges fast grundsätzlich sinnvoll finde, angesichts der gravitätischen Feierlichkeit, die Unwichtiges zuweilen genießt.
So, aber jetzt: Schwachsinn in Sicht. Endlich. Das hier ist nun aber wirklich grottig. In anmutig gebogenen Neonröhren steht “I love you” auf der Wand. Die Farbe changiert – ein Effekt, der überall angewendet wird, wo das Interesse der Goldfische ausreichend lang gefesselt werden muss, um Werbebotschaften aufzunehmen. Wusst ich´s doch: Pure Effektseligkeit. Und kaum will ich mich, zufrieden mit meiner vernichtenden Diagnose, abwenden, tut sich auch schon der symbolische Charakter der Schaufenster-Strategie auf. Schließlich veranschaulicht die sich wandelnde Farbe doch nur die sich gleichfalls wandelnde Bedeutung des nur scheinbar ein-deutigen Satzes.
Wieder nichts. Aber nicht aufgeben. Irgendwann werde ich sie finden, die richtig miese Kunst.
Charlotte Lindenberg, 22.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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