Michael Reuter | Region Stuttgart
Neuer Wein in alten Schläuchen?
Die neue Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart stellt sich der Presse

Here She Comes: Miss Schnellfeuer Dr. Ulrike Groos, neue Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Der Griffel fliegt über das Papier, um wenigstens einige ihrer Ziele und Anmerkungen festzuhalten, während die Beisitzer der Inthronisation, auf der rechten Seite OB Wolle Schuster und Susanne Eisenmann als Stiftungsratsvorsitzende, im Quartalsprogramm blättern. Links sekundieren schweigend die Hauskuratoren Simone Schimpf und Daniel Spanke – es hätte schlimmer kommen können.
Eine lange Liste von Mitgliedschaften in diversen künstlerischen Gremien ziert die Vita der 1963 geborenen Groos, die sieben Jahre als Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf agierte. Im fliegenden Wechsel mit ihrer allseits beliebten Vorgängerin Marion Ackermann, die nun an der Kunstsammlung NRW ihr Auskommen findet, tauscht Groos die Königsallee gegen die Königstraße.
15.000 Werke gilt es zu verwalten und angemessen zu präsentieren. Also erstmal die Depots sichten und sich an Staub gewöhnen, denn die Kunsthalle in Düsseldorf ist ein reines Ausstellungshaus mit Wechselausstellungen. Kiste rein, Kiste raus, Wände streichen, fertig.
Groos möchte in Stuttgart „die eigenen Stärken stärken“ und spricht etwas diffus von „Kontinuität und Wandel“. Sie würde gerne die wissenschaftliche Forschung im Hause forcieren und regelmäßig die Ergebnisse publizieren. Den lokalen Bezug des Kunstmuseums und seiner Sammlung sieht Groos durchaus, möchte aber den Blick über den Tellerrand nicht missen. Lokale Künstler mit internationaler Ausstrahlung will sie präsentieren und ihr Blick schweift in weite Ferne, wenn sie 2012 eine Ausstellung über Otto Dix und die Neue Sachlichkeit oder 2013 eine große Schau mit Willi Baumeister, Picasso und Miro skizziert. Doch erstmal gilt es, das Ackermannsche Erbe abzuarbeiten. Am 28. November eröffnet eine Ausstellung mit Fotografien von Elger Esser, im Mai 2010 gibt es die Videosammlung der zurzeit geschlossenen Kunsthalle Bremen zu sehen und im Herbst 2010 folgt „Eat Art. Vom Essen in der Kunst“. So richtig spannend wird es wohl erst in zwei Jahren, wenn eine Schau des früh verstorbenen Michel Majerus ansteht. Wegen der großen Formate will Ulrike Groos erstmals den Kubus verlassen und die Werke im Sammlungsbereich präsentieren.
Auch Kooperationen mit den Partnerstädten oder mit alteingesessenen Stuttgarter Institutionen wie dem Literaturhaus wolle man verwirklichen. Und schließlich habe sie im Nebenfach Musikwissenschaften studiert und über „Ars Musica in Venedig im 16. Jahrhundert“ promoviert, also würde auch die Musik nicht zu kurz kommen: Stuttgart sei doch eine Jazzstadt. Die Jungs vom BIX werden es gerne hören und trotzdem um ihre Zuschüsse bangen. Ein Glück, dass das Kunstmuseum als städtische Einrichtung nicht von den bevorstehenden Etatkürzungen im Kulturbereich betroffen ist.
Einen ordentlichen Packen hat Ulrike Groos geschultert. Bis Ende des Jahres gilt es, ihren alten Job in Düsseldorf abzuwickeln, die Weichen in Stuttgart zu stellen und schließlich kuratiert sie 2010 noch die „Triennale Kleinplastik“ in Fellbach. Auch kein leichter Job: Die „Kleinplastiken“ orientieren sich seit Jahren an den Größenverhältnissen eines Gullivers im Land der Zwerge. Unter zwo Meter fuffzig geht in Fellbach gar nix.
Michael Reuter, 20.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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