Constanze Musterer | Kritik

Kunst schaut Stadt

BERLIN 89/09 - KUNST ZWISCHEN SPURENSUCHE UND UTOPIE
Berlinische Galerie

Weiter, weiter, ... ! so schreit Ulf Aminde in seinem Video „Weiter“ (2004), in dem er als Regisseur Punks animiert, das mittlerweile auf jedem Kindergeburtstag verpönte Spiel „Reise nach Jerusalem“ zu spielen. Wo die Kleinen Konkurrenzgebaren und Ausgrenzungstaktiken für spätere Managerposten lernen können, durchbrechen die Punks die Spielregeln auf kreative Weise bis das Spiel letztlich in reiner Anarchie endet. Platziert unter der Kategorie „Alternative Konzepte“ im letzten Teil der Ausstellung BERLIN 89/09 - KUNST ZWISCHEN SPURENSUCHE UND UTOPIE präsentiert das Video von Aminde ein Beispiel autonomer Lebenskonzepte in der Metropole und fragt gleichzeitig nach deren Plätzen in der Stadt bei einer stetig wachsenden Subkultur, die sich gegenseitig verdrängen droht.

Tobias Hauser: Walden am Leipziger Platz, 2002
Dia-Leuchtkasten, Holzrahmen

„Weiter“ sagt auch Heinz Stahlhut, zusammen mit Guido Fassbender Kurator der Ausstellung in der Berlinischen Galerie, zu den Besuchern der Ausstellung und meint damit die Bitte, weiter zu schauen, weiter zu visionieren und insbesondere weiter zu denken, mit der Kunst und für die Stadt Berlin. Dieser Appell an das Publikum wird von der Auswahl der Kunstwerke durch die beiden Kuratoren durchaus getragen. Unterteilt in die drei Abschnitte „Spurensuche“, „Dokumentation des Wandels“ und „Alternative Konzepte“ werden die letzten 20 Jahre Berlin via Kunst kaleidoskopartig verhandelt. Städtebau und Brachflächen, Architekturen und Räume, festgehalten im Wandel, als Relikte oder Visionen sind wesentliche Inhalte der Ausstellung und fungieren in vielen Werke als Reflexionsfläche für gesellschaftliche Konsequenzen politischer oder wirtschaftlicher Interessen, persönliche Erinnerungen und temporäre Selbstbestimmtheit. Die Wechselwirkung vom Umgang mit Stadt und sozial-gesellschaftlichen Leben wird einmal mehr und hier fokussiert deutlich. Migration im weitesten Sinne ist ein weiterer, folgerichtiger Schwerpunkt der Ausstellung, ob Clubszene, Künstler oder Bevölkerungsgruppen, die Gentrifizierung ist aus den USA nach 1989 auch in Berlin angekommen und wird künstlerisch von verschiedenen Seiten beleuchtet.

Frank Thiel: Stadt 2/05 (Berlin), 1996
© VG Bild-Kunst

Auch wenn die Überzahl an Fotografien zum Thema Städtebau und Brachflächen durchaus hätte reduziert werden können, kann man der Berlinischen Galerie mit diesem Auftakt der neuen künstlerischen Leitung auf jeden Fall „weiter so“ sagen - dies insbesondere nach der unrühmlichen Ausstellung AS TIME GOES BY mit Werken der Sammlung zum Thema Zeit, die von Volontären kuratiert viel zu lange das Haus okkupierte. Dabei hätte sich die BG hier als ein Vorzeigemodell in Sachen Weiterbildung verdient machen können, denn es gibt wohl keine Institution, die ihren Volontären die Konzeption einer solchen Ausstellung anvertrauen würde. Mehr Transparenz der Verantwortlichkeiten gegenüber den Besuchern hätte hier allen gut getan. Doch so ist das Experiment bedauerlicherweise gescheitert, mit dem immerhin positiven Effekt, dass einmal mehr klar wird: es reicht eben nicht, zur Kunstgeschichte noch ein paar Künstlernamen zu kennen oder eine tolle Sammlung zur Verfügung zu haben, um eine Ausstellung zu kuratieren.

Doch zurück zu BERLIN 89/09: Beim Einchecken in die Gardeobenschränke irritiert ein provisorisch wirkendes Arrangement aus Stühlen, Stangen und einem Tresen - unweigerlich überkommt einen die Panik gerade die Veranstaltung verpasst zu haben, doch welche war es denn? Monitore oben an der Ecke platziert helfen schließlich auf die Sprünge, dass sich hier Kunst in die Sphäre der routinierten Handlungen der Besucher vor und nach dem Ausstellungsbesuch vorwagt. Die „Automatenbar“ (2002) von Fred Rubin erobert sperrig und unsentimental den Durchgangsraum und fordert ruppig das Innehalten ein. Fred Rubin, der eigens für die Ausstellung die weitere Arbeit „Halb-Wert/Zeit“ (2009) konzipierte, installierte in der Münzstraße 2002 die „Automatenbar“ auf 35 qm, bestehend aus Elementen des ehemaligen Außenministeriums der DDR, für ein eingeweihtes Publikum. Zutritt hatte nur, wer eine Magnetkarte für das Lesegerät am Eingang besaß. Intimität war hier jedoch der große Schein, denn durch Monitore wurden sowohl der Innen- als auch der Straßenraum überwacht und gegenseitig offenbart. Die Relikte doppelter Zeitgeschichte, transformiert und ironisch zugespitzt mit erschreckender Aktualität, schreiben hier nun Kunstgeschichte. John M. Armleder ist in der neuen Kunstgeschichte bereits fest verankert, doch seine Arbeit „Lido“ (2008), die sich auf die gleichnamige Bar einst auf dem Kurfürstendamm bezieht, ist dagegen reinste Platitüde. Es ist vollkommen sinnvoll auch die Verlustigkeiten im Westen nach 1989 aufzuzeigen, doch das Ende der kulturellen Vormachtsstellung West-Berlins als „Schaufenster des freien Westens“ hätte sicher gehaltvoller gelöst werde können.

Genauso verhält es sich mit dem Werk „Trauerarbeit 2 (1990) von dem durchaus geschätzten Hans Hemmert. Die glanzlackierten Peitschenlaternen als aerodynamische Form mit in Airbrush-Malerei aufgetragenen Pin-ups in angeblicher Trauerpose, die man vom Titel herleiten soll, funktioniert nicht. Der Bezug Mauerstreifen und Trauer als Kontextverschiebung in die Welt des Hochglanzes, vom Schein und Sein der Schnelligkeit, der Objektivierung des Subjekts, der Klischees von Erotik und Assoziationen an Fahrzeugteile wirkt zu konstruiert, um eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema (ja welches Thema eigentlich?) anzuregen. Anstelle dieses Alibi-Werkes zu, wenn man es so liest, Mauer, Trauer und Kontextübertragung wäre der Mut zur Lücke, die im übrigen keine wäre, ehrlicher gewesen.

Olaf Metzel: Fünfjahrplan, 1985
Foto: Markus Hawlik Berlin 89/09

Schwach ist auch die Arbeit von Ute Mahling „2 Fahnen Ost/West“ (1990/1992), die rußgeschwärzt an der Wand zum ersten Stock hängen. Der Platz dort oben ist zwar bescheiden und wohl ausgehend vom Objekt gewählt, er verweist aber auch auf die Machart durch Künstlerin: Sie hängte die sauberen Fahnen aus Ost- und Westdeutschland in die Schornsteine des jeweils „anderen Systems“. Dieser Arbeit kommt dann aber das kuratorische Geschick zu Gute: sie korrespondiert mit dem „Fünfjahrplan“ (1985) von Olaf Metzel an der gegenüberliegenden Wand, ebenfalls über Menschenhöhe platziert, und wird damit in eine weiterführende Fragestellung vom wirtschaftlich-ökonomischen und sozialen Versprechen und Wirklichkeit integriert. Wie das dritte Auge korrespondiert das marode, mit Symbolen versehene Betonrelief von Olaf Metzel gleichwohl mit dem Video „Jetzt – Now“ (1993) von BjØrn Melhus, das den Besucher in der Ausstellung nach den Fotos von gefundenen und freigestellt fotografierten Sektkorkendrähten von Bettina Sefkow „Loaded by history (1989/2009) begrüßt. Durch das wiederholte Abfilmen des eigenen Filmmaterials von den Feierlichkeiten am 3. Oktober 1990 verwandelt Melhus Bilder der Freude zu Bildern einer scheinbaren Bedrohung. Mit einem verlangsamten Sound aus Deutschlandhymne und dem Geschützfeuer aus dem Film „Im Westen nichts Neues“ offenbart er die Wirkung medial konstruierter Repräsentationen und deren enorme Kraft einer glaubwürdigen Beeinflussung. Und apropos Fünfjahresplan: Ohne inhaltliche Wertung sei hier erinnert, dass die Berlinische Galerie am 25.10.2009 ihren 5. Geburtstag in dem neuen Haus Alte Jakobstraße mit einem tages- und abendfüllendem Programm feiert, da sollte man schon hin und gratulieren!

Doch zurück zu BERLIN 89/90: Solche initiierten Korrespondenzen machen Spaß und die Ausstellung inspiriert hier tatsächlich, nicht nur ausgehend von manchem Werk, sondern auch vom kuratorischen Parcours „weiter zu denken“. Ein Drittel der Werke ist aus der Sammlung der Berlinischen Galerie, doch das macht die Schau keinesfalls langweilig, andere Arbeiten haben in Berlin Premiere und einige wurden eigens für die Ausstellung konzipiert oder waren vorher für bestimmte Orte entstanden. Ergänzend sind die Bezüge der Werke zur Stadt über Google-Map zu verfolgen – eine clevere und nachhaltige Idee, die eigentlich noch in die „Automatenbar“ intergriert werden sollte.

Karsten Konrad: Lost Island, 2004

Rausgepickt seien noch Arbeiten wie die großformatigen Fotos von Sarah Schönfeld „Mama du Sau“ (2005). Sie besetzen in ihrer brutal gezeigten Zerstörung den Raum vor sich und machen den Schmerz des Verlustes persönlicher Orte der Erinnerung spürbar. Sophie Calle fragt an den jetzigen Leerstellen abmontierter Staatssymbole und Denkmäler der DDR nach den Erinnerungen an das Gewesene. Weg von der Wand führt Karsten Konrad mit seinen Architekturmodellen „Lost Island“ (2004) und „DDR[aussen]“ (2005) spielerisch in die Irre der Erinnerungen. Reale, nicht mehr existierende Gebäude der DDR-Historie standen zwar Pate für seine Modelle, diese sind jedoch individuelle Nachbildungen in eigenen Maßstäben oder Ansichten und mit subtil hinzugefügten Details. Die Titel verweisen in durchdachter Wortspielerei nur für Kenner auf das einstige Gebäude. Karsten Konrad hat passender Weise und in guter Ergänzung noch bis 31.10.2009 eine Ausstellung in der Galerie loop – raum für aktuelle kunst, die mit dieser gelungenen Einzelpräsentation endlich wieder an frühere Konzeptideen, als die Galerie noch Projektraum war, anzuknüpfen scheint. Auch hier kann man „weiter, weiter so...“ sagen.

Michel Majerus: Sozialpalast, 2002
Foto: Wolfgang Guenzel

Eine interessante Korrespondenz ergibt sich auch für die Arbeit von Dellbrügge & de Moll, die in ihrem Video „Artist Migration Berlin“ (2006) Künstler nach ihren Gründen für einen Umzug nach Berlin befragen, und die Arbeit „Placemaking“ (2009) von Stefanie Bürkle. Ihre Videoprojektionen auf vier freihängenden Leinwänden füllen den Raum und zu den Bildern von Berlins Peripherien der Jetztzeit kommen Menschen aus dem Off zu Wort, die lange vor dem Mauerfall nach Berlin-Ost oder -West migrierten. Verfehlte Stadtplanung, soziale Ausgrenzung, Ghettobildung und der Umgang mit diesen Situationen, all das steckt in der Arbeit „Sozialpalast“ (2002) von Michel Majerus. Er verhüllte das Brandenburger Tor mit einer Kunststofffolie, auf dem das Pallasseum abgebildet war. Dieser, auf dem geschichtsträchtigen Gelände des ehemaligen Berliner Sportpalastes errichtete Wohnblock an der Palaststraße in Schöneberg sollte in den 70ern Beispiel für modernes und familiengerechtes Wohnen werden. Das Reisbrett-Unterfangen scheiterte jedoch komplett in der Umsetzung und wurde stattdessen zum sozialen Vorzeige-Problemfall, so dass sogar konservative Stimmen forderten, das Pallasseum abzureißen. Majerus verlegte diesen sozialen Brennpunkt an den repräsentativsten und international meist gesehenen Ort der Stadt, dem Brandenburger Tor. Die Frage nach dem Umgang mit sozialen Problemen stellt sich täglich neu - gut, dass auch die Kunst daran erinnert und sagt: „bitte weiter denken und nicht müde werden zu visionieren für ein Leben in dieser Stadt!


Berlinische Galerie
BERLIN 89/09 - KUNST ZWISCHEN SPURENSUCHE UND UTOPIE
Ausstellung bis 31. Januar 2010

Beteiligte Künstler: Ulf Aminde, John M. Armleder, Max Baumann, Stefanie Bürkle, Sophie Calle, Tacita Dean, Dellbrügge & de Moll, Johanna Domke, Nina Fischer und Maroan el Sani, Rainer-Fetting, Doug Hall, Tobias Hauser, Hans Hemmert, Heike Klussmann, Karsten Konrad, Norbert Kottmann, Susanne Kriemann, Alicja Kwade, David Lamelas, Gerda Leopold, Ute Mahling, Michel Majerus, Björn Melhus, Florian Merkel, Arwed Messmer, Olaf Metzel, Anne Misselwitz, SUSI POP, Reynold Reynolds, Raffael Rheinsberg, Fred Rubin, Salomé, Bettina Sefkow, Sarah Schönfeld, Frank Thiel, Wolfgang Tillmans, Tim Trantenroth, Bernd Trasberger, Vincent Trasov, Lois Weinberger, Michael Wesely

- Filmprogramm in der Ausstellung
- Google-Map zeigt die Orte und Projekte der Künstler im Netz.
- „Montags-Lounge“ in der „Automatenbar“ von Fred Rubin mit Filmen, Diskussionen,Konzerten, Lesungen, Artist-Talks

Berlinische Galerie
Alte Jakobstr. 124-128
10969 Berlin

www.berlinischegalerie.de

Constanze Musterer, 05.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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