Michael Reuter | Region Stuttgart

Reiche Stadt. Arme Stadt. Stuttgart muss sparen.
Wer möchte eingespart werden?

Zurzeit kursieren im ehemals wohlhabenden Stuttgart gruselige Streichlisten. Dass die Haushaltskonsolidierung mit bis zu zehnprozentigen Kürzungen der Zuschüsse für städtisch geförderte Kultureinrichtungen einhergeht, stößt auf Protest. (Einige wenige Einrichtungen werden wohl auch mit gänzlich leeren Taschen dastehen und damit am Ende ihres kulturellen Engagements angelangt sein.) Vor allem die Stuttgarter Leuchttürme Künstlerhaus und Württembergischer Kunstverein sehen ihre programmatische Arbeit gefährdet. Man arbeite schon seit Jahren am Limit und eine weitere Kürzung sei nicht zu verkraften. Und schließlich gehe es nicht nur um den Fortbestand einzelner Institutionen, sondern um die „feinen Verästelungen“ innerhalb der kulturellen und subkulturellen Milieus, die eine Stadt erst lebens- und erlebenswert machen würden.
Der folgende Text basiert auf einem Kommentar von Hans D. Christ, einem der Direktoren des Württembergischen Kunstvereins, auf der Internet-Plattform e-stuttgart, die versucht, Fakten, Stimmungen und Meinungen zu den geplanten Kürzungen im Kulturbereich zu bündeln. Ein Besuch lohnt sich.

Der Erfolg von Städten wie Berlin, München, Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf basiert auf der entsprechenden Heterogenität und einer klassischen wie innovativen Ausrichtung. Hier werden Communities gebildet und Interesse geleitet Publika aufgebaut. Junge Kreative gehen nach Berlin wegen einer internationalen, kreativen Milieubildung, die ihre Vernetzung unter anderem auf der Basis der Heterogenität kultureller, öffentlich subventionierter Angebote organisiert. Ihr Geld verdienen sie aber nicht in Berlin, sondern im Rest der Republik, warum ist bekannt: arm aber sexy.

Natürlich ist die Vernetzung im Kulturbereich in Stuttgart bisher mehr eine informelle, sehr pragmatische Unterstützung auch von jungen Kreativen als die Ausbildung eines diskursiven Felds. Dieses herzustellen wäre das eigentliche Ziel und die Behauptung einer Qualität, die Profil gebend wäre. Allerdings wird diese Debatte jetzt erst angezettelt. Es geht um die Bestimmung einer programmatischen Struktur zwischen den in Stuttgart vorhandenen, kulturell aktiven Institutionen und Personen, die nun einmal hier sind, hier ihren Aktionsradius haben und diesen von hier aus lokal, regional und international verknüpfen. Es geht um eine abstrakte Größe, die Gemeinschaft, Urbanität und Interpretation von lokalen Infrastrukturen heißt, die in Hinblick auf die Zukunftsentwürfe einer Stadt entwickelt werden müssen.

Der WKV wirbt erhebliche Projektmittel ein, die nur im Kontext dieser Projekte ausgeschüttet werden können. Dieses Geld wird hier ausgegeben, und insbesondere verdient, neben dem regionalen Mittelstand, das so genannte „Prekariat der jungen Kreativen“ hieran. Letztere geben ihr Geld wieder in artverwandten Bereichen, für eigene kreative Produktionen und / oder im Rahmen von Projekten wie „White Heat“ aus, die wiederum eine milieubildende Szene entwickeln. Diese hat auf den ersten Blick nichts mit dem Kunstverein zu tun, speist sich aber unter anderem aus dessen Ressourcen (neben Diskurs, Verdienstmöglichkeiten und Sachmittel). Der Möglichkeitsraum entsteht folglich auf der Basis der beschriebenen, komplexen Verästelungen.

Wenn der Kunstverein aufgrund der Kürzung sein Programm reduziert, dann verschwindet er nicht, aber die feinen Verästelungen trockenen aus (lokal wie global) und der Effekt schlägt sich dann in beide Richtungen nieder. Der Kunstverein verliert einen wesentlichen Kontext, die neuen Milieus. Die neuen Milieus bilden sich nicht mehr am Standort aus, da die entsprechende Dichte und Dynamik der Rückkoppelung mit den gesetzten Kulturanbietern fehlt. Was dann verschwindet, sind nicht die Kulturanbieter, sondern die informellen Strukturen, die Politik und die etablierten Institutionen gar nicht motivieren müssen, aber durch ihr Handeln am Standort ermöglichen können.

Erst wenn man diese Wechselwirkungen anerkennt, wird verstehbar, was die Rede vom Dominoeffekt meint und welche verheerenden Auswirkungen es hat, wenn diese Dynamiken wegfallen. Gleichzeitig wird in dieser Figur aber auch deutlich, was möglich wäre, wenn diese Verästelungen ausgebaut und potenziert werden. Als “Hub”, als Knotenpunkt bildet der WKV, ähnlich wie das Künstlerhaus und andere Anbieter, effektive Plattformen aus, die direkte Effekte zeitigen, ohne deren Wirkung in klassische Zielmuster zu kanalisieren. Ich glaube, so entwickelt man kreative Milieus, und dies wäre doch in einer Stadt, die eine Merz Akademie, die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, die Kunststiftung BW und die Akademie Schloss Solitude hat, ein zukunftsträchtiges gangbares Modell.

Michael Reuter, 15.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

mann, dauernd diese belanglosen berichte und kritiken miserabler kunst aus stuttgart. das nerft.
kuckscht mal übers tellerrändle??

peter pop | 29.10.09

 

Lieber Peter,

behalte bitte mal die Nerven (mit Vogel-V) und gehe uns mit Deinem unreflektierten Rumgemaule nicht auf eben jene. Niemand zwingt Dich überhaupt Berichte und Kritiken auf Kunst-Blog zu lesen. Und was den Tellerrand angeht so kann ich Deine Aufmerksamkeit getrost auf Kritiken und Berichte anderer Autoren lenken die beispielsweise über Kunst in Shanghai, Frankfurt, Erfurt, Basel, London und sogar Berlin schreiben.

Dein Kommentar lässt ja leider nicht darauf schließen, dass Du selbst des Schreibens von Berichten und Kritiken mächtig bist, sonst würde ich Dir vorgeschlagen haben selbst in die Tastatur zu greifen und uns mal mit einem Text zu beglücken.

Viele Grüße hinters geistige Tellerrändle.

Markus | 01.11.09

 

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Reiche Stadt. Arme Stadt. Stuttgart muss sparen.
Wer möchte eingespart werden?«




Automatisch anmelden?