Michael Reuter | Region Stuttgart
Zuviel Friedfertigkeit ist auch nix.
Die afrikanische Biennale DAK’ART zu Gast in Stuttgart

Ausstellungsansicht
Im August berichtete Lutz Mükke in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über die „Dramatisierungsfalle“, in der die deutsche Berichterstattung über den afrikanischen Kontinent stecken würde.
Die „K-Berichterstattung“, also Kriege, Krisen, Katastrophen und Krankheiten, nehme zwischen 40 und 50 Prozent der analysierenden Berichte ein. „Schwer absetzbar sind hingegen Themen wie Innen- und Außenpolitik afrikanischer Staaten, Alltag, Kultur, Literatur oder lokale Wirtschaftsthemen.“
So ist es schon erstaunlich, dass auch die aktuelle Ausstellung in der ifa-Galerie Stuttgart sich in der künstlerischen Berichterstattung nicht dem vielleicht gar nicht so grauenvollen Alltag der Bevölkerung widmet, sondern ebenfalls auf Bedrückendes setzt.
Alle zwei Jahre findet in der senegalesischen Hauptstadt Dakar die Ausstellung DAK’ART statt, eine Biennale für afrikanische Kunst. Die für Stuttgart ausgewählten Arbeiten der DAK’ART 2008 bieten neben einigen Designobjekten einen Querschnitt afrikanischer Kunst, der sich vor allem mit Selbstreflexion und Standortbestimmung beschäftigt. Und dabei spielen Flüchtlingsbewegungen, Rassismus und Krieg wieder eine großen Rolle.

El Hadji Mansour "Kanakassy" Ciss: Neue Bantus, 2008/2009, Fotografie, 75x50cm
Akinbode Akinbiyi, Künstler und Kurator, der die Auswahl der Werke für Stuttgart verantwortet, spricht vom „Wissen um die Leiden und die Sorgen, die den gesamten Kontinent betreffen, eine äußerst schwere Last, die von uns allen zu tragen ist. (…) In der künstlerischen Auseinandersetzung wird jedoch versucht, dieser tiefen, entsetzlichen Narbe eine Form zu geben, diesem unhörbaren Schrei des Leids und des unbeschreiblichen Schmerzes“.
Mal abgesehen vom Pathos belegen seine Aussagen eben doch alle westlichen Vorurteile, die die afrikanische Kunst bemüht sein sollte, zu widerlegen. Nur Mord und Totschlag in Afrika? Ein verlorener Kontinent?
Pélagie Gbaguidi aus Benin lässt Hunderte von kleinen Faltschiffchen aus Papier über den Boden der ifa-Galerie segeln und spielt damit auf die vielen, kaum seetauglichen Flüchtlingsboote an, die auf ihrem Weg nach Europa untergehen. Die Fotografin Judith Quax fotografierte im Senegal die leeren Räume, in denen junge Männer lebten, bevor sie zum gelobten Kontinent aufbrachen. Manche haben es geschafft, manche sind tot, von manchen haben die Angehörigen nie wieder gehört.
Es gibt auch Kunst, die sich ironisch mit dem Leben zwischen zwei Kulturen beschäftigt. So zeigt El Hadji Mansour „Kanakassy“ Ciss in der Fotoserie „Neue Bantus“ traditionell geschminkte Afrikaner in europäischer Kleidung oder Johann van der Schijff präsentiert einige Boxsäcke, die auf der einen Seite ein weißes, auf der anderen Seite ein schwarzes Gesicht haben. Welches man prügelt, ist dem Betrachter überlassen.

Judith Quax: Bassirous Zimmer, 2007, Fotografie, 125x125cm
So sympathisch ein Engagement für die künstlerische Produktion aus Afrika auch sein mag, es scheint noch ein weiter Weg vor den afrikanischen Künstlern zu liegen, bevor sie zum Westen aufschließen oder ihren eigenen Stil entwickeln, der vielleicht ganz andere Techniken, Ideen und Diskurse entwickelt und nutzt. Auch durch die unselige Kombination von Kunst und Design werden die Arbeiten wieder in eine kunsthandwerkliche Ecke gerückt. Maguèye Kassé, Hauptkurator der DAK’ART 2008, schreibt im Katalog, dass die afrikanischen Künste „zum Nachdenken über unseren Zustand“ aufforderten, „zur Innenschau und zum zivilisatorischen Dialog für einen gerechteren Handel, entspanntere Beziehungen, gegenseitiges Zuhören, auf Konsens beruhende Lösungen für die Bewältigung der gemeinsamen Probleme“.
Vielleicht sollten die Afrikaner statt diesem friedfertigem Backe-Backe-Kuchen-Spiel lieber lautstark, aggressiv und selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen und dem vorherrschenden westlichen Kunstdiskurs ordentlich eins auf die Nase geben.
Michael Reuter, 26.10.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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