Charlotte Lindenberg | Kritik
Bewegt euch. Ottmar Hörls Englischer Gruß ans Volk

Ottmar Hörl "Ort der Engel", 2009, Dreieich-Götzenhain, Installationsansicht.
"Jeder Mensch ein Künstler." Dies ist das erste Mal, dass ich dieses gern missverstandene Satzfragment des Heiligen Joseph zitiere, und ich tue es nur, weil Hörl es zu seinen Maximen erhoben hat. Tatsächilch dürfte die Tatsache, dass die Digitalisierung zu einer weiteren Demokratisierung der Fotografie geführt hat, im Interesse des um Volkserziehung bemühten Dienstleisters liegen. Schließlich dient sein plastisches Werk dem Zweck, den kunstfernen Teil der Weltbevölkerung - nach Hörls Schätzungen 98 % - mit genau dem bekannt zu machen, was ihnen sowas von egal ist.
Bewegt euch!
Ottmar Hörls Englischer Gruß ans Volk
In einer hessischen Ortschaft wird ein Weihnachtsmarkt eröffnet. Übliche Verdächtige treten an Mikrofone, sagen, was gesagt werden muss, und äußern ihre Freude über die Teilnahme eines international renommierten Künstlers an der adventlichen Gestaltung des Ortskerns. Da dem Versuch, gegen einen wortgewaltigen Gegner wie die Geräuschkulisse eines Volksfestes anzusprechen, die Halbwertszeit der Inkorporierung einer Bratwurst beschieden ist, flüchten die Honoratioren alsbald von der Bühne, um die undankbare Aufgabe der gemeinwohlwollenden Rede im öffentlichen Raum einer ortsansässigen Künstlerin zu überlassen. It´s a dirty job, but someone´s got to do it. Aus akademischer Verbundenheit – wie sie diskret einfließen lässt, hatte sie einst unter seiner Obhut studiert - bemüht sich die Kollegin um die Vermittlung der ortsspezifischen Tat des besagten Künstlers. Obwohl sie sämtliche ikonologische Register zieht, um die Intervention der Koriphäe in kulturhistorischen Zusammenhang zu stellen, hängt die Besatzung des Weihnachtsmarktes nicht direkt an ihren Lippen - um es milde auszudrücken. Anders formuliert scheinen drei Generationen in einer konzertierten Aktion ihre Stimmen zu erheben, um den Vortrag zu verkürzen.
Diese Schilderung des Verlaufs einer Veranstaltung auf einem handelsüblichen Weihnachtsmarkt beschreibt keine Atmosphäre, sondern das zentrale Problem der Arbeit des bereits erwähnten aber noch nicht erwähnten Künstlers Ottmar Hörl: Der öffentliche Raum und seine Schrecken – zu Deutsch: Herausforderungen.
Um dies zu erläutern, möchte ich auf einen weiteren Kristallisationkern von Hörls Arbeit hinweisen, und dazu den weiteren Verlauf des adventlichen Treibens beschreiben. Die unerschrockene Kunstvermittlerin hat ihre schwere Pflicht getan, ein Chor gibt popmusikalische Weihnachtsgesänge des vergangenen Jahrhunderts zum Besten, und schließlich nimmt eine Formation kerzenschwingender Kinder Aufstellung am Tatort des international renommierten Künstlers: einem mit Engeln gespickten Baum.

Ottmar Hörl "Ort der Engel", 2009, Dreieich-Götzenhain, Installationsansicht.
Im einsetzenden Blitzlichtgeflacker fühle ich mich wie im Kugelhagel einer Schießerei in einem Western: Wo immer ich mich ducke, stehe ich dennoch irgendwem im Bild. Einst – in analogen Zeiten – ward es Brauch, dass Eltern ihre Nachfahren fotografierten, sobald Letztere besonders pittoresk anmuteten. Heute hält jedEr auf jedEn. Vier- fotografieren Fünfjährige, und 83-jährige digitalisieren ihre geringfügig älteren NachbarInnen am Glühweinstand ("so jung kommen wir nicht mehr zusammen"). Kurz: Jeder Mensch ein Künstler.
Dies ist das erste Mal, dass ich dieses gern missverstandene Satzfragment des Heiligen Joseph zitiere, und ich tue es nur, weil der herbeizitierte Künstler es zu seinen Maximen erhoben hat. Tatsächilch dürfte die Tatsache, dass die Digitalisierung zu einer weiteren Demokratisierung der Fotografie geführt hat, im Interesse des um Volkserziehung bemühten Dienstleisters (O-Ton Hörl) liegen. Schließlich dient sein plastisches Werk dem Zweck, den kunstfernen Teil der Weltbevölkerung - nach Hörls Schätzungen 98 % - mit genau dem bekannt zu machen, was ihnen sowas von egal ist.
Die Bezeichnung "plastisches Werk" betrifft natürlich eher das Material von Hörls Multiples als ihre Einordnung in kunsttheoretische Termini, denn Hörl legt Wert auf die Feststellung, dass er kein Bildhauer, sondern Konzeptkünstler ist. Jedenfalls verfolgen alle Arbeiten das gleiche Ziel: Bewegung. Die Menschheit (sic) möge sich bewegen, und Kunst hilft ihr dabei. Vorausgesetzt, sie wird wahrgenommen. Zu diesem Zweck aber muss sie ins Sichtfeld besagter 98 % geraten, die bestenfalls in ihrer Kindheit per Schulbuss und Anwesenheitspflicht durch Ausstellungen gescheucht wurden. Aus diesem Hochsicherheitstrakt, in dem - laut Hörl - die Eingeweihten unter sich bleiben wollen, will er die multiplen Hingucker – farbige Kunststoffobjekte mit Wiedererkennungswert – an seinen Arbeitsplatz auslagern: In den öffentlichen Raum. Nur dort hat Kunst etwas verloren, weil sie nur dort ihre Zielgruppe erreicht: Die Massen.
Hörl formuliert sein Denken und Handeln in pointierten Onelinern, die dazu verleiten, ihn pausenlos zu zitieren (was ich an anderer Stelle auch tue, siehe Zitat von Hörl. Hier aber geht es weniger um Hörls erweiterten Kunstbegriff als vielmehr um die aktuelle Installation einer 2007 für Paderborn konzipierten Figurenserie. Damals waren unter dem Titel "Irdische Macht, himmlische Mächte" zehn KünstlerInnen aufgerufen, in "der heiligsten Stadt Deutschlands" zu wirken, und Hörl damit zu einem von mehreren christlichen Sujets motiviert. Die damals flächendeckend in Paderborn verteilten "geflügelten Jahresendfiguren"1 sind nun nach Götzenhain umgesiedelt, wo sie einen Baum besetzen.

Er kann auch anders. 2001 erzeugte Hörl Weihnachtsstimmung vor der EZB-Bank in Frankfurt am Main.
Kaum zu glauben, aber der sinnige Name der Gemeinde ist nicht der Grund für die Wahl der Gemeinde als Englische Hochburg. Anlass ist vielmehr eine einheimische Sammlerfamilie, die den Künstler schon 1999 einlud zu einer Aktion namens Ich sehe was, was du nicht siehst. Damals hatte Hörl an sämtliche Haushalte Kameras verteilt und die Insassen Götzenhains einen für sie wichtigen Gegenstand fotografieren und erläutern lassen. Diese Aufforderung, zumindest kurzfristig die vertraute Umgebung mit interessiertem Wohlgefallen wahrzunehmen, hatte die Bevölkerung damals zu einer "künstlerischen" Betrachtung des biografisch Bedeutsamen veranlasst.
Im vorliegenden Fall aber fällt diese entwöhnte Sicht angesichts eines mit goldenen Engeln übersähten Baumes schwer. Da mag die um Vermittlung bemühte Künstlerin noch so auf die Anwesenheit eines einzelnen dunklen Engels hinweisen – einprägsam ist der visuelle Reiz der Figuren in der Denkerpose von Dürers Melancholia. Mittels dieses sinnlichen Aspekts sollen die vordergründig eingängigen Objekte die Aufmerksamkteit derer erregen, die künstlerisch anerkannte Versionen von Plastik im öffentlichen Raum mental aus eben diesem ausschließen, indem sie sie ignorieren.
Realistisch betrachtet verfügt jede Kleinstadt über Brunnen und Skulpturen, die seit Jahrzehnten bestenfalls zum Besteigen, andernfalls zum Bepinkeln Verwendung finden und nur durch zu hohe Rückbaukosten am Leben gehalten werden. Dabei liegt das öffentliche Desinteresse weniger an den Objekten als vielmehr an mangelnder Vermittlung.
Doch anstelle pädagogischer Übergriffe setzt Hörl auf horizontale Kommunikation. Sein Credo von der gesellschaftlichen "Bewegung", die er anstoßen möchte, heißt zunächst nicht anderes, als dass kunstferne Schichten der Bevölkerung ins Gespräch kommen sollen über die funktionsfreien, rätselhaften und dennoch reizvollen Gegenstände. Gern zitiert er in diesem Zusammenhang Erlebnisse mit der Volksseele, wenn sein Dürerhase (namens Großes Rasenstück) beispielsweise eine Mutter zum Erwerb eines Taschenbuches über Dürer veranlasst, damit ihre Kinder auf diese Weise etwas über einen Künstler erfahren, dessen Namen die Mutter nie gehört hatte. Als die somit kulturell Fortgebildete Hörl bat, den Band über den im 15. Jh. geborenen Künstler zu signieren, tat er auch das mit der ihm eigenen Bescheidenheit unter dem Hinweis: "Aber ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass ich nicht Dürer bin."
In diesem Fall hatte der Anblick des buchstäblichen Kunststoff-Tiers Interesse für dessen kunsthistorische Genealogie geweckt. Und etliche von Hörls Multiples, wie etwa eine Venus oder ein Hermelin (ohne Dame), leben von derartiger Anlehnung an die Tradition. Dennoch will sich mir nicht recht erschließen, wie Eurozeichen, hessische Löwen, Berliner Bären, Gartenzwerge mit ausgeprägter Körpersprache, verschleppte Eulen, Märchenmotive usw. usf. Dialoge auslösen können, die in Kontaktaufnahme mit bildender Kunst enden. Zwar hat die Populärkultur wie Comics und Filme schon immer KünstlerInnen zu eigener Arbeit angeregt, doch auf der Rezeptionsebene scheint mir die Entfernung zwischen Plastik und Plastik, sprich zwischen glasfaserigem Spielzeug und Kunstwerk unüberw- äh, ich wollte sagen: Eine Herausforderung.
Was auch immer Sie hier vermissen - Informationen zum Künstler und Abbildungen seiner Arbeiten - finden Sie auf http://www.ottmarhoerl.de/
Charlotte Lindenberg, 29.11.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Die Installation erweckt bei mir gewisse Erinnerungen an Hitchcocks "Die Vögel" ..
Axel | 30.11.09
Wie im Isenheimer Altar ist auch in diesem Baum ein Finsterling, der scheinbar nicht dazu gehört. Denn in jede "heile Welt" ist das Dunkle vorhanden. Dagegen ist nichts zu machen.
Hildegard Klepper | 30.11.09
Herr Hörl kann seine Engel gern im Sommer verkaufen, aber ein Weihnachtsbaum muss GRÜN sein, um dem Symbolgehalt gerecht zu werden.
Hildegard Klepper | 07.12.09