Gastbeitrag | Kritik
Mandy 2009
Ein Gespräch zwischen Susanne Bürner und Heidi Specker über Andreas Slominski bei Neu und Jablonka
Heidi Specker: Susanne, bei Neu steht nur eine Badewanne in der Galerie – ganz minimal, sonst nichts.
Susanne Bürner: Wie nur eine Badewanne, das ist alles?
Specker: Nein, natürlich nicht, kennst ja den Slominski.
Bürner: Das heißt, es gibt sonst noch einiges an technischem Gerät?
Specker: Nicht wirklich, außer ein paar Schläuchen, die an der Wanne hängen und kleinen Böcken auf denen sie steht. Und einem Zettel an der Wand im Eingangsbereich auf dem sich Mandy, Timmi Dee, Destiny, Scott der Sechste oder Sechsscott, Robbee, Porn Fighter longjohn.com, Wixitrixi oder Jerry Steel handschriftlich verewigt haben.
Bürner: Hört sich ja aufregend an.
Specker: Im Büro hängt noch ein kleiner Abzug auf dem man sehen kann, was passiert ist. Vier Frauen hocken nackt auf dem Rand der Badewanne und beugen sich über vier Männer.

Andreas Slominki „Mandy“ (Detail), 2009, Courtesy Galerie Neu, Foto: Gunter Lepkowski
Bürner: Und weiter?
Specker: Ehrlich gesagt, hab ich mir das Bild nicht länger angesehen, war mir unangenehm. Blaue Flecken und so.
Bürner: Der Slominski hat also eine Badewanne bei Neu stehen, in der Gruppensex betrieben wurde. Passt gar nicht zu ihm – obwohl – das würde zur Ästhetik des Grill Royals passen.
Specker: Wie meinst Du das?
Bürner: Naja, im hinteren Clubraum, in dem geraucht wird, hängen doch diese 70er Pin-Ups von Uschi Obermaier, Jane Birkin und Jane Fonda.
Specker: Stimmt, die kenne ich, sind so im Hamilton-Weichzeichner-Stil. Aber viel viel softer als die Fotografie in der Galerie und viel viel größer, Plakate halt. Eher Stimmungsmacher und Sex-Deko-Elemente und dann doch im Backstage-Bereich angesiedelt, genauso wie das Bild im Büro bei Neu. Ich kann mir vorstellen, dass die kleine Fotografie nach Ende der Ausstellung im Büro hängen bleiben könnte.
Bürner: In der Ausstellung bei Jablonka – Neue Arbeiten – gestaltet Slominski den Bezug zur Gastronomie ganz offensichtlich und zwar über die Einladungskarte. Er nimmt dafür das bereits appropriierte Erscheinungsbild vom Sale e Tabacchi, das italienische Lizenzschild, erneut auf.
Specker: Und was zeigt er?
Bürner: Garagentore.
Specker: Wie nur Garagentore, das ist alles?
Bürner: Nein, natürlich nicht, kennst ja den Slominski.
Specker: Das heißt, es gibt noch einiges an technischem Gerät.
Bürner: Ja, stimmt. Die Fertiggaragentore hängen in verschiedenen gedeckten Farben an den Wänden verteilt mit der Innenseite zum Betrachter, darauf hat Slominski verschiedene Schilder und Utensilien arrangiert. KFZ-Schilder mit Namen wie Asshole’s Garage, Catwalk, Africa... Hinweisschilder, Warnschilder und Utensilien wie Schlüssel, Benzinkanister und Schläuche. Der Kleinbürger, der in seiner Garage festsitzt und den Wald vor Schildern nicht sieht.

Andreas Slominski „Asshole’s Garage“, 2009, Courtesy Jablonka Galerie, Köln/Berlin
Specker: Slominski kommt ja aus Meppen, tiefste Provinz also, an der man wahrscheinlich sein Leben lang zu knabbern hat. Der gecastete Gruppensex alias Swingerclub bei Neu spiegelt die gleiche Kleinbürgerlichkeit wider.
Bürner: Verstehe. Das Garagentor gehört zum Einfamilienhaus von dem Paar das in den Swingerclub geht. Außerdem geben die Garagentore vor, Tafelbilder zu sein, aber Fallen sind. Genauso wie die Styroporböcke, die vorgeben etwas tragen zu können, aber nicht wirklich dazu taugen. Schilder, die vorgeben etwas zu sagen, aber unverständlich bleiben.
Specker: Badewannen die Sauberkeit vermitteln, aber Dreck beinhalten. Kleinbürgerlichkeit hin oder her, warum komme ich mir bei Neu blöd vor, wenn ich auf einem 9 × 12 Abzug acht Leute um eine Badewanne herum swingen sehe? Weil das Bild so klein ist, dass ich sehr nah rangehen muss, um etwas zu erkennen und dabei ohne Absicht zum Voyeur werde und etwas betrachte, das ich eigentlich gar nicht sehen wollte.
Bürner: Dabei kann man sich nicht mal sicher sein, ob sich alles überhaupt so zugetragen hat. Slominski gibt vor, dass die Fotografie nicht nur ein Sex-Deko-Element ist, sondern auch die Aufzeichnung eines Geschehens, der Beweis sozusagen und die Ausstellungsobjekte Relikte davon. Das ist eine Strategie von ihm, die wir schon kennen. Neu ist aber, dass er das Thema Sex pornografisch in sein Repertoire aufnimmt.
Specker: Um ehrlich zu sein, finde ich das Thema Sex ist in dieser Form und vor allem in dieser Präsentationsform irgendwie überholt, postmodern.

Édouard Manet „Olympia“, 1863, Musée d’Orsay, Paris
Bürner: Postmodern? Die Heimerotik wurde zum Beispiel schon bei Manet 1863 mit der Olympia thematisiert. Sie ist sich bewusst, dass sie nackt abgebildet wird und ist dabei doch die Frau von nebenan und keine Göttin.
Specker: Meinst Du Slominiskis Mandy ist die Olympia 2009?
Bürner: Könnte sein. Mandy ist ja auch unsere Nachbarin.
Andreas Slominski, Jablonka Galerie,
Rudi-Dutschke-Straße 26, 10969 Berlin,
18.09.–14.11.09
Andreas Slominski, Galerie Neu,
Philippstraße 13, 10115 Berlin
18.09.–07.11.09
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Gastbeitrag, 06.11.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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