Gastbeitrag | Kritik

The Wolfsburg Journey (James Turrell)

Gastbeitrag von Marc Wellmann

James Turrell. The Wolfsburg Project
Kunstmuseum Wolfsburg
24.10.2009 - 05.04.2010

Die meisten Berliner waren noch nie in Wolfsburg, abgesehen von einigen Minuten beim Halt des ICE am Bahnhof, von wo man einen guten Blick auf die „Kilometerarchitektur“ des Volkswagenwerkes hat. Was soll man auch, fragt sich der gemeine Hauptstädter, in einer früheren Arbeitersiedlung am Mittellandkanal, die 1938 unter dem Namen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet wurde? Nach schwerer Kriegszerstörung erfolgte 1945 die Umbenennung in Wolfsburg – so heißt ein nahe gelegenes Schloss, hat also nichts mit NS-Wortprägungen wie „Wolfsschanze“ zu tun. Architektonisches Flagschiff der Aufbaujahre ist das 1962 eingeweihte Kulturzentrum von Alvar Aalto. 1973 hat Hans Scharoun in Wolfsburg ein Theater gebaut. Mehr gab es lange Zeit nicht, außer der Fußgängerzone („Porschestraße“) im Herzen der Stadt mit authentischem Charme der 1950er Jahre.

Doch seit Mitte der 1990er Jahre hat Wolfsburg bzw. die Volkswagen AG aufgerüstet. 1994 wurde das vom Hamburger Architekt Peter P. Schweger erbaute Kunstmuseum eröffnet (finanziert von der „Kunststiftung Volkswagen“). Seit 1997 spielt der VFL Wolfsburg in der Bundesliga (Volkswagen ist Hauptsponsor und Mehrheitseigner des Clubs) und bekam dafür 2002 ein neues Stadion, die „Volkswagen-Arena“. Als Satellitenprojekt der Expo 2000 wurde 1998-2000 die sogenannte „Autostadt“ direkt neben dem Volkswagenwerk gebaut – eine Mischung aus Themenpark, Automesse, Kinderbespielung und Volkswagen-Museum. Und dann kam jüngst das Science-Center „phæno“ hinzu in einem spektakulären Bau von Zaha Hadid (ausnahmsweise ist hier die VW-AG nicht alleiniger Sponsor).

Anlass zur Besichtigung des Neuen Wolfsburgs bot am 23. Oktober 2009 die Eröffnung der Ausstellung des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell im Kunstmuseum, das seit drei Jahren vom Schweizer Markus Brüderlin als Nachfolger des Gründungsdirektors Gijs van Tuyl geleitet wird. Gemäß der Vorberichte versprach das „Wolfsburg Project“ ein Kunstereignis mit Weltgeltung: „Einer der bedeutendste Künstlern der Gegenwart“, „Bislang größte begehbare Lichtinstallation“, „30.000 Leuchtdioden, 65.000 Helligkeitsdifferenzierungen, Millionen von Farbdifferenzierungen“.

James Turrell (*1943) entstammt einer streng religiösen Quäkerfamilie und hat Kunst erst nach einem Collegeabschluss in Psychologie und Mathematik studiert. Vielfach kolportiert sind seine ästhetischen Erlebnisse des Himmellichts, die er als Pilot beim Fliegen machte. Bekannt geworden ist er mit Räumen, in denen das Licht zu einer eigenständigen, scheinbar greifbaren Entität wird und den Betrachtern visuelle Grenzerfahrungen ermöglichen. „Mit den Augen fühlen“, lautet ein Motto Turrells, der in den späten 1960er Jahren seine ersten Lichtinstallationen entwarf. Turrells Werke basieren auf sensorischen Deprivationstechniken in einem möglichst homogenen Raum, durch die das Auge seine herkömmlichen perspektivischen Orientierungsmöglichkeiten verliert (relative Größe, Textur und Detailliertheit der Objekte sowie räumliche Überschneidungen).

Turrells strenge ästhetische Reduktion auf das Licht als Material lässt sich im Umfeld der amerikanischen Minimal Art verorten. Umweglos erkennt man in seinem Werk eine Fortsetzung der Farbfeldmalerei von Mark Rothko und Barnett Newman und darüber hinaus Verweise auf den zentralen romantischen Begriff des Erhabenen (Stichwort: „Mönch am Meer“). Auch religiöse oder zumindest ganzheitliche Konnotationen sind Turrells Werk kaum abzusprechen – bei der Eröffnung wetterte er gegen den „Wahnsinn“ Deutschlands, die Glühbirne abzuschaffen und mit den Stromsparlampen das Gift Quecksilber in die Umwelt zu leiten. Überhaupt weist Turrells Ethik und Philosophie diverse Parallelen zum Piloten-Kollegen Antoine de Saint-Exupéry (Stichwort: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“). Der Himmel bringt den Menschen näher zu sich selber.

Das Hauptwerk in Wolfsburg ist ein zweigliedriger Hohlraum vom Typ der sogenannten „Whole field Pieces“ mit dem Titel „Bridget‘s Bardo“ (ein merkwürdiger Titel, der sich als Wortspiel auf eine französische Tierschützerin deuten lässt): Ein acht Meter hoher und an einer Seite vollständig offener Kubus („sensing space“), um den herum ein weiterer Kubus gebaut wurde, der sich an der einen Seite mit indirektem Licht füllt („viewing space“). Die Installation ist von oben über eine Rampe begehbar, die auf die Öffnung des inneren Kubus zuläuft und deren acrylglasverkleidete Seiten als Lichtquelle für den „sensing space“ fungieren. Man verlässt die Installation durch eine Treppe unterhalb der Rampe. Die Lichtfarbe und -intensität im „sensing space“ als auch im „viewing space“ changieren in kaum merklichen Abstufungen. Mal kontrastieren die Räume farblich, mal sind beide in dasselbe Licht getaucht.

Das Ganze ist unbestreitbar eindrucksvoll gemacht, und dem Kunstmuseum Wolfsburg ist zu diesem Coup zu gratulieren, der auch ein Mediencoup zu werden verspricht. Ein Fehler war allerdings zur Eröffnung zu kommen. Die notwendige Besucherbegrenzung in der Installation führte zu furchtbar langen Wartezeiten. Das Aufsichtpersonal war überfordert und reagierte auf den Besucheransturm mit freundlichem Befehlston oder mit eigenartigem Humor („Nicht so lange hineinschauen, sonst werden Sie noch verrückt“, „In den Graben sollen schon viele hineingefallen sein“). Mittlerweile werden in Stoßzeiten kleine Gruppen im Format der „Schlossführung“ durch die Installation geleitet, das heißt man wird nach wenigen Minuten auch wieder hinaus komplimentiert.

Am nächsten Morgen ging es zunächst in die „Autostadt“. Thomas Wagner, schrieb anlässlich ihrer Eröffnung mit schaudernder Bewunderung in der FAZ: "Jeder Museumsdirektor, Künstler und Kurator muss diese Autostadt gesehen haben", um zu sehen, "womit er künftig zu konkurrieren hat" (12.07.2000). Hinter der monumentalen Eingangshalle aus Glas, in dem ein 13 Meter großer Globus des Medienkünstlers Ingo Günther aufgebaut ist, erstreckt sich eine künstliche, von Gewässern durchzogene Parklandschaft. Mittendrin ein Dufttunnel von Olafur Eliasson. Jede Automarke des VW-Konzerns (Audi, Seat, Škoda, Volkswagen, Lamborghini, Bugatti, Bentley und Volkswagen Nutzfahrzeuge) hat einen eigenen, individuell gestalteten Pavillon. Dabei handelt es sich nicht um plumpe Autosalons, sondern um technisch avancierte Markeninszenierungen, die zum Teil auch von Künstlern wie Olaf Nicolai, Anselm Reyle und Peter Zimmermann mitgestaltet wurden. Mehrere Szenen von Tom Tykwers Thriller „The International“ (2009) wurden hier gedreht, vor allem vor und in der Eingangshalle.

Weiterhin gibt es ein Automuseum (das sogenannte „Zeit-Haus“), ein Fünf-Sterne-Hotel, diverse gastronomische Angebote sowie eine Kinder-Fahrschule und einen Design-Bastelbereich. Im „Kundencenter“ holen sich die Käufer ihre bestellten Neuwagen ab, die in den gläsernen Zwillings-Türmen zwischengelagert werden. Das erfolgreiche Konzept „Autokaufen als Event“ wurde in der 2006 eröffneten Stuttgarter Mercedes-Welt und der von COOP Himmelb(l)au 2007 erbauten „BMW Welt“ in München kopiert. Europas erster Auto-Erlebnispark war indes 1999 das „Opel Live“ in Rüsselsheim, das jedoch nach zwei Jahren wegen mangelnder Auslastung wieder geschlossen wurde. Das Auto ist in diesen Zentren Gegenstand einer quasi-religiösen Überhöhung, gepaart mit einer Marken-Event-Kultur, die nicht viel anders funktioniert als bei LEGO-Land.

In der „Autostadt“ begegnet den (nicht zu knapp) zahlenden Besuchern ein artifizielles, komplett kommerzialisiertes Habitat. In den Marken-Pavillons wird man freundlich begrüßt. Auf multi-ethnische Zusammensetzung der Beschäftigten ist gemäß des preisgekrönten diversity mangements von VW Wert gelegt worden. Rauchen ist auf den Wegen nicht gestattet, man wird höflich und bestimmt auf spezielle „Zonen“ hingewiesen. Alles ist schöner Schein und perfekt gepflegt. Kein Hinweis findet sich auf die im VW-Werk zeitweilig produzierte Rakete V1. Nirgends ist etwas von der Herkunft des Volkswagens aus KdF-Bewegung zu erfahren. Die während des Zweiten Weltkriegs produzierten VW Kübelwagen fehlen in der Ausstellung. Hinter der glatten Fassade, dem technischen und architektonischen Glanz, der weihevollen Sublimität der Inszenierung stehen letztlich nur zwei Worte: „Kauf mich!“

Zaha Hadids „phæno“ spricht eine andere Sprache. Es ist eine Initiative der Stadt Wolfsburg unter dem Motto: „Was machen wir mit den vielen Millionen Überschuss aus der Gewerbesteuer?“ Der Entwurf der Architektin, die in diesem Jahr den „Praemium Imperiale“ gewann, setzte sich 2000 in einem begrenzten Wettbewerb durch. 2005 eröffnete der Bau, der inklusive Ausstattung knapp 80 Millionen Euro gekostet hat (zum Vergleich: Das Kunstmuseum Wolfsburg war für 70 Millionen zu haben, die gesamte „Autostadt“ für 425 Millionen Euro). Auf einem großen Transparent am Eingang und auf der Internetseite von „phæno“ steht der Satz: „Eines der zwölf bedeutendsten modernen Bauwerke der Welt (the guardian)“. Die Idee, Stararchitektur zur Aufwertung von Randgebieten in die Landschaft zu setzten, ist nicht neu: Guggenheim Museum Bilbao (1997, Frank Gehry), Kunsthaus Bregenz (1997, Peter Zumthor), Kunsthaus Graz (2003, Peter Cook), MARTa Herford (2005, Frank Gehry). In Wolfsburg verbindet sich das Stadtmarketing mit der Unternehmenskultur von VW. Unabhängig von der tatsächlichen Nutzung ging es bei der Entscheidung für Zaha Hadid um eine Zeichensetzung. Der auf Stelzen schwebende Bau aus Glas und Sichtbeton hat den Charakter eines Raumschiffs. Unterhalb seines gesockelten Leibes ist man an eine zugige Parkgarage oder einen Busbahnhof erinnert. Die schrägen Wände und Fenster, die Unwirtlichkeit verstärken den Eindruck von Bewegung und Mobilität.

Das etwas beziehungslose Verhältnis der großartigen, symbolhaltigen äußere Form zur Möblierung des Inneren, erinnert an Daniel Libsekinds Jüdisches Museum in Berlin. Ein Science Center ist kein Technik-Museum, dient also keiner historischen Wissenserschließung, sondern der möglichst schwellenlose Heranführung an wissenschaftliche Phänomene, die auf der Interaktion der (meist jungen) Besuchern mit den Exponaten im Sinne einer Mitmach-Ausprobier-Didaktik basieren. Erste Institution dieser Art ist das 1969 eröffnete „Exploratorium“ in San Francisco, das immer noch jährlich eine halbe Million Besucher anzieht(!). Allein in den USA wurden laut Wikipedia seitdem über 300 ähnliche Einrichtungen gebaut. Das erste in Deutschland war das Berliner „Spectrum“ in Berlin neben dem Technikmuseum. Mitte 2010 wird in Warschau das Copernicus Science Center eröffnen.

Im Wolfsburger „phæno“ gibt es mehr als 250 Objekte, mit denen die Besucher auf vielfältige Weise interagieren. Kurator ist der Amerikaner Joe Ansel, langjähriger Mitarbeiter im „Exploratorium“ von San Francisco und Inhaber einer privaten Firma, die die Exponate auch für andere Wissenschafts-Zentren entwirf und baut. Dazu zählen, neben diversen Dreh- und Kurbelapparaturen, unter anderem ein Tisch, auf dem mittels der Gehirnströme Gegenstände bewegt werden können, ein schräges Zimmer, in dem der Gleichgewichtssinn verrückt spielt, oder ein „Hexenhaus“, das sich um die auf einer Bank sitzenden Besucher herum dreht (wem schwindelig wird, soll die Augen zumachen). Dazwischen gibt es auch einige veritable Kunstwerke, zum Beispiel ein großes plastisches Tableau vivant von Gregroy Barsamian (zur Zeit ist bei Haunch of Venison Berlin eine Ausstellung von Mat Collishaw zu sehen, in der eine spektakuläre Arbeit auf demselben Prinzip mit synchronisiertem Stroboskoplicht beruht).

Die pfiffig konzipierten Geräte machen sowohl Kindern als auch den Eltern und Großeltern Spaß. Das ist wie bei einem guten Pixar- oder Disney-Film. Einige bereits im Kunstkontext erprobten Technologien – etwa eine interaktive Projektionsfläche, die die Schatten der Besucher mit digital erzeugten Objekten in Beziehung bringt, wie es Shilpa Gupta bei einer Installationen 2008 in der Galerie Volker Diehl vorführte – finden Einsatz im „phæno“. Dazu gehört auch eine Kammer, in der die Körper-Silhouetten für einige Momente an eine Wand geworfen werden und dort langsam verblassen, was in der Dauerausstellung des ZKM Karlsruhe zu sehen ist („dropshadow“ von Andreas Siefert). Überhaupt fühlte ich mich stark erinnert einen Besuch im ZKM, nicht zuletzt wegen der schummerigen Beleuchtung und dem Prinzip der Interaktivität. Das ZKM macht auch Spaß!

© Marc Wellmann, 2009

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Kommentare

Im Text heißt es: "... mit dem Titel „Bridget‘s Bardo“ (ein merkwürdiger Titel, der sich als Wortspiel auf eine französische Tierschützerin deuten lässt)".
Der Titel ist noch viel merk-würdiger. Im Tibetischen Buddhismus bezeichnet Bardo die Phase zwischen Tod und Wiedergeburt, in der das Individuum (u.a.) verschiedene Lichter erlebt.

CharLi | 14.11.09

 

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