Charlotte Lindenberg | Essay

Titel, Thesen, Rudimente. "Bilder vom Künstler" im Frankfurter Kunstverein


Marc Aschenbrenner, im Abri 3, 2008. C-print 60 x 90 cm, ed 7+2 ap,
Foto: Knut Klaßen, Courtesy Galerie Olaf Stüber, Berlin.

"Bilder vom Künstler", der Titel der aktuellen Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins veranlasste mich, im Vorfeld meine unter dem Stichwort "Künstler" intrazerebral gespeicherten Bilder zum Thema zur Kenntnis zu nehmen.
Erstes Ergebnis: Die Datei konnte nicht gefunden werden. Schließlich ist der Titel so aussagekräftig wie "Bilder vom Menschen". Zweites Ergebnis: Heuchlerin. Als befänden sich da nicht genug Verallgemeinerungen innerhalb meiner "Erfahrungsschatz" genannten Stereotypensammlung. Drittes Ergebnis: Ich habe zwei "Bilder vom Künstler" – ein positives und ein negatives.

First things first. KünstlerInnen sind der Inbegriff von Autonomie. Unerbittlich folgen sie ihrer Absicht - oder, falls sie ohne arbeiten, ihren Impulsen - mit dem Stoizismus einer Planierraupe. Unbekümmert um Lob und Tadel, schwarze und rote Zahlen, Preisverleihungen oder Hausverbote tun und lassen sie im Dienste ihrer Vision. Da Letztere nur bedingt mitteilbar ist, bleiben am Rande der derart frei gebaggerten Schneise hier und da Kopfschüttelnde zurück. Verständnis und Akzeptanz entstehen oft erst rückblickend.
Diese Vorstellung ist kein Ideal, sondern eine tägliche Erfahrung. Zahlreiche KünstlerInnen bestätigen mich darin.
Und dennoch beschleicht mich zuweilen das andere Bild, das von den schulterzuckend Kaugummikauenden, deren Geisteszustand erst kürzlich in einem anderen Frankfurter Ausstellungstitel artikuliert wurde: "Hey Dude, where is my Carreer?" hieß eine Gruppenschau der AbsolventInnen der ortsansässigen Kunsthochschule. Abgesehen von Peinlichkeit, die entsteht, wenn Umgangssprache gedruckt erscheint, drückt sich in der treuherzigen Frage der hilflose Trotz Zweijähriger aus, die entrüstet einen vermeintlichen Anspruch einklagen. "Ich WILL aber."
Den haben wir genaugenommen alle: "Ihr - Mama, Papa, Regierung, Lieber Gott - habt es mir versprochen, jetzt will ich es auch haben."
Aber diese fußaufstampfende Empörung ist nicht der eigentliche Grund für mein latentes Misstrauen gegenüber so machen Kunstschaffenden, deren Ausstoß ich begegne. Ursache meines leicht lädierten "Bildes vom Künstler" ist vielmehr eine grassierende Ratlosigkeit, die so Manche Zuflucht zur sog. "Alltagskultur" nehmen lässt. "Alltag" ist bereits eine Behauptung. Schließlich können die Einzelnen in einem gewissen Maße selbst entscheiden, welche Kultur ihren Alltag bildet. Wer in der künstlerischen Arbeit vom Fragwürdigen aus der verderbten Umgebung zehrt, sollte vielleicht den Alltag wechseln. Man braucht nicht jedem Blödsinn Aufmerksamkeit zu widmen. Vielmehr gilt seit langem schon gerichtete Wahrnehmung als die größtmögliche Freiheit, die dem Einzelnen in der Informationsgesellschaft möglich ist. Die Auswahl hat aus dem überwältigenden Angebot wird zur lebenserhaltenden Strategie, die Fixierung auf das Abzulehnende hingegen zum lebensverkürzenden Zeitfresser.
Von daher überkommt mich säuerliche Langeweile, wenn seit den 1990er Jahren unter dem Standard-Unwort "Hinterfragen" wiederholt wird, was ohnehin existiert: Bilder, Rituale, Zitate einer Kultur, die keiner zusätzlichen Verstärkung bedarf. Manchmal hat der dankbare Rückgriff auf Naheliegendes eine einzige Ursache: Fantasiemangel. Denjenigen, die eifrig das Allgegenwärtige verwenden, fehlt es an dem, was den eingangs genannten Baggern ihre Konsequenz ermöglicht, nämlich an Gegenentwürfen.
Soviel zu meinen Vorüberlegungen zu "Bildern vom Künstler". Die gleichnamige Ausstellung präsentiert aber keine derartigen Bewertungen, sondern verschiedene Aktionsbereiche.


Zweite Sonne, 2005, Video still (DVD im DV – Format), Kamera: Martin Lasinger, Copyright the artist, Courtesy Galerie Olaf Stüber, Berlin.

In Marc Aschenbrenners (geb. 1971) Video Zweite Sonne von 2005 ist der Protagonist in metallisch glänzende Folie gekleidet, die sich zur Plane eines Fesselballon ähnlichen Luftkissens ausweitet. Mensch und Medium, bzw. Mensch und Umwelt, bzw. Mensch und Mitwelt sind nicht getrennt. Die Interaktion zwischen Mensch und dem mit ihm verbundenen Faltengebirges erzeugt vielerlei Bilder: Die auf dem Boden liegende Ballonhülle wird zur Landschaft, auf und in der die Person mühsam, erfolglos und mit sisyphossiger Ausdauer ziellos herum- und haltlos abrutscht. Irgendwann löst sich die ihn eben noch einschließende Folie vom Boden, steigt als Ballon auf und trägt den nun passiv Baumelnden über die Erde, bevor sie platzt, ihren Passagier fallen lässt und verschwindet. Ein Bild vom Künstler.


Andreas Wegner, Le Grand Magasin, 2009, Ausstellungsansicht HermannQuartier, Berlin, Foto: Andreas Wegner, Copyright: © VG Bild-Kunst, Bonn 2009, Courtesy the artist.

Komfortabler hat´s der Maestro, der auf einem Stuhl in der Ecke Andreas Wegners Westentaschenausgabe des europaweiten Projekts Le Grand Magasin observiert, in dessen Rahmen Wegner (geb. 1958) Erzeugnisse aus genossenschaftlicher Produktion vertreibt. Habitus und Bedhead-Frisur der lebensgroßen Puppe entsprechen der Vorstellung des Genies, das im 19. Jahrhundert erfunden und in die gnädig verklärte Vergangenheit rückprojiziert wurde. Noch ein Bild vom Künstler.


Wim Delvoye, D11 (scale model), 2007, lasergeschnittener Stahl, 184.5 x 97 x 82 cm, Copyright: © VG Bild-Kunst, Bonn 2009, Courtesy Sammlung Thomas und Ingrid Jochheim.

Wim Delvoye (geb. 1965), der seine nach Maßgabe gotischer Kathedralen aus Stahl gefrästen Baumaschinen sowie andere Aktivitäten wie tätowierte Schweine und der Nachbau des menschlichen Verdauungsapparates samt echter Aktien in lukrative Produktlinien transformiert hat, vertritt die derzeit prominenteste Variante des Bildes vom Künstlers: Man kann dem Kunstverein zutiefst dankbar sein, dass er das Modell des Kunstunternehmers nicht mit vergleichbaren KollegInnen aus der Reihe der Markttauglichen illustriert hat. Denn ungeachtet ihres Wow-Effekts lohnen Delvoyes spitzgebogene Planierraupen und Betonmischer die nähere Betrachtung und ersparen uns die Anwesenheit anderer Entrepreneurs, auf die hier nicht weiter eingegangen werden muss.

Stephan Dillemuth (geb. 1954) errichtet ein kompliziertes Environment zu Ehren von Lion Feuchtwangers Roman Erfolg, der vom Konflikt eines progressiven Münchener Museumsdirektors im Nationalsozialisumus handelt. Zu der raumfüllenden Anlage gehört auch eine aufgesockelte Plexiglasvitrine, in der sich sechs Überwachungskameras drehen und ihre Bilder auf einen an anderer Stelle integrierten Monitor übertragen. Trotz der musealen Inzenierung erinnern die wachsam umherspähenden Objektive an Wachhunde im Zwinger, oder aber: An ein weiteres Bild vom Künstler – der Künstler als Beobachter, dessen Wahrnehmungen auf dem Monitor seiner Produktion erscheinen. Und ebenso, wie auch um "Objektivität" bemühte KünstlerInnen stets die subjektiv verstoffwechselte Variante des Erlebten erzeugen, unterscheiden sich auch die Aufnahmen der Kameras auf dem Monitor erheblich von unserer Wahrnehmung des von ihnen gefilmten Raumes. So ist das eben mit der "Realität".


Ausstellungsansicht "Bilder vom Künstler" mit Installation von Paule Hammer, Foto: Norbert Miguletz, 2009, © Frankfurter Kunstverein.

KünstlerInnen als Wahrnehmungsorgane haben ein erhöhtes Augenaufkommen zur Folge. Bei Michael Franz (geb. 1974) manifestieren sie sichin Gestalt des Dritten Auges, bei Paule Hammer (geb. 1975) als entkörpertes Riesenauge. Die durch das beachtliche Format angedeutete Dominanz des Sehsinnes wird durch eine Unmenge handgeschriebener Texte in Hammers multimedialer Rauminstallation relativiert. Wenn sich das Lesen auch durchaus lohnt, so setzt Hammer ihre Sprachgewalt doch in erster Linie als visuelles Gestaltungsmittel ein. Insofern schwankt die Aufmerksamkeit der BetrachterInnen, bzw. LeserInnen, zwischen intuitivem und diskursivem Erfassen.
Ja, KünstlerInnen erleben ästhetisch, d.h. mit Hilfe ihrer Sinne. Die Vermittlung des wortlos Erlebten aber erfordert zumeist doch noch das ein oder andere Wort. Womit wir wieder bei der Vision, der frei gebaggerten Schneise und den Kopfschüttelnden wären.

Charlotte Lindenberg, 15.11.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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