Dirk Teschner | Kritik

Kunst kostet Geld – mehr Kunst kostet mehr Geld


Jim Avignon, 2009

Kunst in der Krise? Das Geld ist weg. Wo ist es geblieben? Der Bund, die Städte und Kommunen haben immer weniger Geld für Kultur. Darunter leiden die Kultureinrichtungen und damit auch die Künstler.

Bedeutet dies in der Konsequenz, dass es in absehbarer Zeit nur noch Galerien, Projekträume und Kunsthäuser in den sechs deutschen Städten mit einem existierenden Kunstmarkt geben wird? Aber auch die Big Player des internationalen Kunstmarktes sind von der Krise betroffen. Große Galerien in der Metropole Berlin mussten in den letzten Monaten räumliche und personelle Kürzungen vornehmen, manche ganz schließen. Auf den internationalen Kunstmessen greifen die Galerien auf Altbewährtes zurück, junge Positionen werden als zu riskant betrachtet.
Und da ist zum anderen die Krise der Kunst selbst. Im Großen und Ganzen schweigen die Künstler, die Kunstkritik ist unter den Bedingungen einer Gesellschaft des Spektakels verflacht. Zu sehr freundeten sich alle in den letzten Jahren mit dem Höher – Schneller – Weiter an. Auch sie hofften auf das Goldene Kalb, obwohl 90% aller in Deutschland lebenden Künstler nicht von ihrer Kunst leben können. Neben ihnen befinden sich ebenso eine Vielzahl von Kunstvermittlern und Galeristen in prekären Verhältnissen. So ist die Krise der Kunst letztendlich eine Kunst in der Krise, der Ausdruck einer allgemeinen Krise der Gesellschaft.
Der Deutsche Kulturrat warnt seit dem Ausbruch der Krise vor der großen Sparwelle, die besonders die kommunalen Kulturstrukturen treffen wird. Jetzt werden die Auswirkungen auf breiter Front sichtbar. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagt: „Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf den Kulturbereich erscheinen teilweise wie ein Tsunami. Das Seebeben hat stattgefunden, die Wellen bauen sich auf und jeder weiß, dass eine Katastrophe naht. Doch was kann getan werden? Hoffen, ungeschoren davonzukommen? Weglaufen, oder sich entgegen stellen? Und vor allem, was passiert nach der Überflutung und der unausweichlich damit einhergehenden Zerstörung? Der Kulturbereich muss jetzt auf die Straße gehen und den Sparkommissaren die Rote Karte zeigen. Die Kulturausgaben der Kommunen, der Länder und des Bundes betragen laut Kulturfinanzbericht des Statistischen Bundesamtes gerade einmal 1,6 Prozent der öffentlichen Ausgaben. Selbst wenn man jetzt viele Kultureinrichtungen kaputt spart, werden die Schuldenberge nicht sichtbar abschmelzen. Der Schaden für unser Gemeinwesen wird aber unbezahlbar sein.“

Während in der Berliner Kunstwelt immer noch über die Einbrüche auf den Kunstmärkten und das Verschwinden großer Galerieräume in der Hauptstadt debattiert wird, drehen sich die Diskussionen in anderen Städten ums Ganze. In Wuppertal soll das Schauspielhaus geschlossen werden, in Erfurt, Stuttgart, Hamburg, Jena und Köln setzt die Stadt den Rotstift bei Kultureinrichtungen an. Dagegen tut sich was. Künstler, Galeristen, Professoren, Studenten und Hausbesetzer überlegen sich gemeinsam, wie es weitergehen soll.


Rien ne va plus?
In Erfurt gründete sich vor einem Jahr der Klub 500. Gründe waren eine mangelnde Unterstützung für zeitgenössische Kunst und Kultur in Erfurt und die Zurückhaltung städtischer finanzieller Unterstützung für das Kunsthaus. Seitdem ist vieles in Bewegung gekommen: Die Unterstützung des Kunsthauses wurde wieder aufgenommen, es wird ein Kulturkonzept diskutiert und erstellt, leerstehende Gebäude, wie das alte Innenministerium oder Läden in der Johannesstraße, werden mit temporären Ausstellungen, Konzerten und Theateraufführungen zum Leben erweckt. Es gibt seit dem Sommer Gesprächsrunden zwischen Vertretern der freien Szene, Musikern, der Betreiber des Zughafens mit dem Oberbürgermeister, der Bürgermeisterin und Vertretern des Stadtrats, um über Probleme mit der Polizei, dem Ordnungs- und Bauamt zu reden und neue Räume für die Szene zu ermöglichen. Ein neues Kulturkonzept wird gerade für Erfurt erarbeitet, darin soll die Entwicklung und Erweiterung von zeitgenössischer Kunst und Kultur festgeschrieben werden. In Erfurt ist ein junger, frischer Wind spürbar. All dies ist durch die zu erwartenden Kürzungen bis zu 30% im nächsten Jahr gefährdet bevor es Früchte trägt. Einen Offenen Brief schrieben Kuratoren, Galeristen, Journalisten und Professoren an den Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein und die Bürgermeisterin Tamara Thierbach. Darin wird vor der angekündigten Kürzung bei Einrichtungen der freien Szene gewarnt und empfohlen, lieber die Relevanz von Museums-Sammlungen zu überprüfen und ggf.Teile dieser meistbietend zu verkaufen, als die Arbeit der ohnehin schon an ihre Grenzen stoßenden Einrichtungen, wie das Jugendtheater Schotte, den Kinoklub oder das Kunsthaus, zu gefährden. Auch hier schweißt die Not Projekte zusammen, die vorher nur unregelmäßig in Kontakt standen. Der in New York lebende Künstler Jim Avignon entwarf ein Plakat, dass an den betroffenen Einrichtungen plakatiert wird.
www.klub-500.de

Stuttgarter Apell
In Stuttgart wurden Kürzungen im Kulturbereich dem Gemeinderat für die Haushaltsberatungen 2010/2011 vorgeschlagen. Die Umsetzung dieser Vorschläge wäre mit nachhaltig negativen Konsequenzen für das Stuttgarter Kulturleben verbunden. In Stuttgart wird das genannte Sparziel für einige Einrichtungen das Aus bedeuten, andere werden kaum noch auf dem bisherigen nationalen oder internationalen Niveau weiter arbeiten können. In Stuttgart verabschiedeten Künstler, Galeristen und Kulturschaffende den „Stuttgarter Appell“. Es wird damit gegen die angekündigten Kürzungen in Millionenhöhe protestiert und ein alternativer Haushaltsplan gefordert. Darin heißt es: „Kürzungen im Kulturhaushalt waren bisher immer mit einem dauerhaften Verlust von Ressourcen verbunden. Es besteht die Gefahr, dass der gesellschaftspolitische Konsens über die öffentliche Verantwortung für Kultur untergraben wird. Kultur ist kein Beiwerk, keine schöne Nebensache. Sie bestimmt unseren Alltag, unsere Identität als Einzelne und als Gemeinschaft.“
Mehr als 150 Institutionen aller Kunstgattungen unterstützten die Initiative einer „Art Parade“ und schlossen sich dem bunten Zug aus Künstlern, Musikern, Schau- und Puppenspielern an. Schätzungen gehen von bis zu 3000 Personen aus, die sich bei der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz vor dem Rathaus einfanden. Neben den Betroffenen nahmen auch kommerzielle Galerien teil, um ihre Solidarität zu zeigen und darauf hin zuweisen, welchen Stellenwert öffentlich geförderte Kunsträume haben.
http://www.e-stuttgart.org/

Not In Our Name, Marke Hamburg!
In Hamburg haben Künstler von Daniel Richter, über die Betreiber des Golden Pudelclubs bis zu Musiker wie Rocko Schamoni, und viele außerhalb Hamburg unbekannte Künstler, mit Not In Our Name, Marke Hamburg! ein klares Statement gesetzt.
„Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing- Kategorien zu sprechen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als "bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil" zu "positionieren", noch denken wir bei Hamburg an "Wasser, Weltoffenheit, Internationalität", oder was euch sonst noch an "Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg" einfällt. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen. Wir stellen fest, dass es in der westlichen inneren Stadt kaum mehr ein WG-Zimmer unter 450 Euro gibt, kaum mehr Wohnungen unter10 Euro pro Quadratmeter. Dass sich die Anzahl der Sozialwohnungen in den nächsten zehn Jahren halbieren wird. Dass die armen, die alten und migrantischen Bewohner an den Stadtrand ziehen, weil Hartz IV und eine städtische Wohnungsvergabepolitik dafür sorgen. Wir glauben: Eure "wachsende Stadt" ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.“ … „…uns ist nicht verborgen geblieben, dass die seit Jahren sinkenden kulturpolitischen Fördermittel für freie künstlerische Arbeit heutzutage auch noch zunehmend nach standortpolitischen Kriterien vergeben werden. Siehe Wilhelmsburg, die Neue Große Bergstraße, siehe die Hafencity: Wie der Esel der Karotte sollen bildende Künstler den Fördertöpfen und Zwischennutzungs-Gelegenheiten nachlaufen – dahin, wo es Entwicklungsgebiete zu beleben, Investoren oder neue, zahlungskräftigere Bewohner anzulocken gilt. Ihr haltet es offensichtlich für selbstverständlich, kulturelle Ressourcen “bewusst für die Stadtentwicklung” und “für das Stadt-Image” einzusetzen. Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden, weil ihr die die üblichen, jahrelangen Trockenwohn-Prozesse garnicht mehr abwarten wollt. Wie die Stadt danach aussehen soll kann man in St. Pauli und im Schanzenviertel begutachten: Aus ehemaligen Arbeiterstadtteilen, dann “Szenevierteln”, werden binnen kürzester Zeit exklusive Wohngegenden mit angeschlossenem Party- und Shopping Kiez, auf dem Franchising-Gastronomie und Ketten wie H&M die Amüsierhorde abmelken.“
Im Frappant-Gebäude in der Altonaer Bergstraße hat das „Recht auf Stadt“ Einzug gehalten. Beim Auftaktfest strömten mehrere Tausend Leute in das ehemalige Kaufhaus, erkundeten die Ateliers, sangen mit der Pudel Maschine „Das ist unser Haus!“, tanzten zu Fatih Akins sowie Tex & Erobiques DJ Set, tranken alles Bier leer und staunten über so viel vielversprechenden Raum. Das Gebäude soll einem IKEA-Neubau weichen und bezahlbare Ateliers, Clubräume und Werkstätten werden vernichtet.
http://buback.de/nion/

Dirk Teschner, 03.12.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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