Michael Reuter | Region Stuttgart
Licht! Mehr Licht!
Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen wagt sich mit einer kleinen Kerze in das Mysterium der Nacht

Ralf Peters: Porträt rot, 1998
An den Anfang hätten sie gehört, die beiden Werke von Philipp Haager, in denen Isabell Schenk-Weininger von der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen die kosmische Ursuppe schwappen sieht, die Gähnung grundlos und das archaische Nichts.
Aber auch der Beginn göttlichen Gestaltungswillens lässt sich in Haagers Tuschmalerei beobachten, denn nach einigem Hinsehen schälen sich rötliche Farbwolken aus dem schwärzlichen Wabern. Es ist, als ob sich die Schöpfung vollzieht, je länger man die Bilder betrachtet.
Doch statt dem Stuttgarter Jungmaler darf Altstar Thomas Ruff mit zwei seiner langweiligen Fotos des Sternenhimmels und einem etwas unmotiviert gehängten Bild der „Nächte“-Serie das Entree der Galerie bespielen. 1992 fotografierte Ruff als Reaktion auf die Medienbilder des Golfkriegs mit einem Restlichtverstärker im Düsseldorfer Hafen und schuf mit „Nächte“eine unwirklich-unheimliche Serie, deren Wirkung in Bietigheim verpufft, weil der Kontext „Nacht“ das Bild nicht gut trägt.
Es werde Dunkel! ist eine breit angelegte Ausstellung, die keine Fragen an die Werke stellt, sondern die Nacht als einen Zustand konstatiert, aus dem heraus sich eine Vielzahl von Konnotationen ergeben, die in der Städtischen Galerie kurz freigelegt und mit dem nächsten Werk wieder zugeschaufelt werden. Fünfzig Arbeiten von zwanzig beteiligten Künstlern bieten einen facettenreichen, aber unpräzisen Einblick in die Darstellung der Nacht in der zeitgenössischen Kunst.
Ein Kernaspekt der Schau ist die Verlangsamung der Zeit, die Auflösung der Realität und die Intensivierung von Empfindungen und Sehnsüchten. Ralf Bauer stürzt sich malerisch ins hektische Nachtleben, Simon Pasieka beschwört in seinen Tuschzeichnungen melancholisch die Jugendzeit mit Feriencamps, der ersten Liebe und lauschigen Grillabenden und Kate Waters Malerei erinnert an die Einsamkeit nächtlicher Großstadtfiguren bei Edward Hopper. Die Langzeitbelichtungen von Michael Schnabel versuchen, den Alpen bei tiefster Dunkelheit noch das letzte Restlicht abzutrotzen, und Maria Loboda spielt in ihrer Installation Four or five manifestations of a nightmare mit der Lust am Topos Gespenst.
Herausragend ist die Videoarbeit SHU (Blue Hour Lullaby)von Philipp Lachenmann, der ein isoliert in der kalifornischen Mojave-Wüste liegendes Hochsicherheitsgefängnis während der einsetzenden Dämmerung zeigt. Die surreale Wirkung der auf zwölf Minuten komprimierten Szene wird noch durch einige Bildflecken verstärkt, die zunächst wie helle Sterne wirken, sich schließlich aber als digital hinzugefügte Aufnahmen einfliegender Flugzeuge entpuppen.
Auffällig sind auch die Anspielungen einiger Künstler auf die Darstellung der Nacht im Film. Die Kreidezeichnungen von Achim Hoops zeigen verlassene Straßen, Treppenhäuser und Hotelzimmer, die wie Filmstills wirken. Auch die quälend langen Filme von Oliver Boberg spielen mit der Erwartungshaltung eines Kinobesuchers: Dreißig Minuten lang werden ein nächtlicher Wald, eine nächtliche Gasse und eine nächtliche Landstraße gezeigt und dann passiert schließlich – nichts.
Der Beitrag erschien in der Stuttgarter Kunstzeitschrift Sonnendeck, Ausgabe 76, Dezember 2009.
Michael Reuter, 16.12.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Goethe:
"Mer lischt ahhhhh... des Kisse schepp!"
Michael Waitz | 17.12.09