Gastbeitrag | Kritik
Nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten
Über die junge türkische Kunstszene
Gastbeitrag von Ann-Katrin Frank
TANAS, Berlin
14.Dezember – 13. März 2010

Sener Özmen & Erkan Özgen, "Road to Tate Modern", 2003, Video, 07:13 min
Bei diesem Titel muss man an den Klimagipfel in Kopenhagen denken. Aber hier geht es nicht um schmelzendes Eis, Dürre und Treibhausgase. TANAS zeigt Arbeiten junger türkischer Künstler, die kritisch die Hegemonie des Westens im Urteil über Recht und Unrecht, die westliche Definitionshoheit über die Kunstbewertung und die häufige Ausgrenzung nicht-westlicher Kunst betrachten. Auch geht es um eine Auseinandersetzung mit den Strukturen der eigenen Gesellschaft und Lebenssituation, häufig mit einem Augenzwinkern.
In Erkan Özgens und Sener Özmens Film “Road to Tate Modern” (2003) reiten zwei in dunkle Anzüge gekleidete Männer auf Eseln durch eine karge Landschaft. An einem Fluss ziehen sie ihre schicken Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch und kühlen ihre Füße. Tate Modern? Der Weg scheint unendlich weit und steinig. Mit dieser Kritik an der Vorherrschaft westlicher Maßstäbe, denen alle Künstler und Kunstbetrachter auf der Welt nachzulaufen scheinen, folgen sie einer älteren Generation türkischer Künstler. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang der 1957 in Ankara geborene Künstler Bedri Baykam, dessen Werke zurzeit in der Akademie der Künste zu sehen sind.

Köken Ergun, "Tanklove", 2008, Digital Video, 07:00 min
Der Künstler Köken Ergun (2008) ließ für seinen Film “Tanklove” (2008) einen Panzer durch eine dänische Kleinstadt fahren. Die Leute schauen ungläubig vom Straßenrand auf das dampfende Monstrum, das seine Spuren auf dem Pflaster hinterlässt. Einige scheinen verängstigt, andere belustigt, viele machen Fotos mit ihrem Handy. Die Reaktionen machen deutlich, dass für die Menschen der Krieg fern ist, obwohl er doch so nah ist. Täglich können wir uns über Internet, Radio oder Fernsehen von Auseinandersetzungen berichten lassen. Aber vorstellen kann man sich das Grauen, dass Kriegswerkzeuge bringen, aus der Ferne doch nicht so richtig. Und wenn diese dann vor der eigenen Haustür auftauchen, kommen sie uns unwirklich vor.

Halil Altindere, "Mirage", 2008, Video 07:20 min, 3 C-Prints
In der Arbeit “Mirage” (2008) stehen sechs Männer auf der Schaufel eines Baggers, der sie hoch über dem Boden schwebend durch eine vertrocknete Landschaft fährt. Ein anderer Mann hat seinen Kopf in den Sand gesteckt, neben ihm steht breitbeinig eine Frau, deren wehender Rock und glänzenden Schuhe nicht so recht zum staubigen Boden passen wollen. Und ein Muskelmann lässt in dieser scheinbar fruchtlosen Gegend seine Muskeln spielen, während neben ihm ein schmächtiger Mann reglos dasteht. Halil Altindere zeigt einen ironischen Blick auf seine Gesellschaft.

Halil Altindere, "Mirage", 2008, Video 07:20 min, 3 C-Prints
Das macht auch Cengiz Tekin (*1971). Die Fotografie “Normalizasyon” (2009) zeigt eine Familie, die in ihrem Wohnzimmer sitzt. Nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht der Bauarbeiter, der mitten im Raum ein großes Loch aushebt.

Cengiz Tekin, "Normalizasyon", 2009, C-Print
Diese Ausstellung wird zwar nicht die Welt retten, aber sie gibt einen schönen Einblick in die junge türkische Kunstszene.
Insgesamt werden Arbeiten von 10 jungen Künstlern präsentiert: Halil Altindere, Fikret Atay, Köken Ergun, Ali Kazma, Servet Kocyigit, Ahmet Ögüt, Erkan Özgen, Sener Özmen, Cengiz Tekin, Nasan Tur.
TANAS
14.12. – 13.3.2010
Heidestraße 50
10557 Berlin
Gastbeitrag, 29.12.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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