Charlotte Lindenberg | Alles

Unlike much comedies these days, this is one to watch.
Das aktuelle Saatchi-Watschen.

Es folgte eine lange Antwort auf Markus Wirthmanns Frage aus seinem Beitrag über "Saatchi sucht den Superkünstler" weiter unten. Der Autor fragte: "Wen würdest du in die Jury befördern wollen wenn dieser mediale Blödsinn auch über uns kommt?"
Wen wohl? Meine Feinde natürlich. Deshalb hatte ich mich gewundert, was dir Falckenberg und Graw und Reyle getan haben, dass du sie so strafen willst. Allerdings habe ich tatsächlich ein paar Minuten lang über verschiedene Modelle einer Kunst-Rating-Agentur nachgedacht.

Eleanor Antin Judgement of Paris (after Rubens) - Dark Helen, 2007. © Eleanor Antin, courtesy Ronald Feldman Fine Arts, New York.
(Schon in der Antike wurden schwierige Vergleiche gern von einflussreichen Herren per Hitliste geklärt.)

Erstes Ergebnis: Brocks Telequalitäten kann ich nicht beurteilen, da ich "Bilderstreit" nie gesehen habe. Das ist bad news. The good one is: Den in Markus Wirthmanns Überschrift erwähnten Gottseibeiuns auch nicht. Grund für diesen medialen Analfabethismus ist die Tatsache, dass meine Fernsehkompetenz vor der Erfindung des Privatfernsehens endet. Seither besitze ich keinen Fernseher mehr. Und nach allem, was man so hört, ist das gut so.

Zurück zu Brock: Wie ich aber aus den seit seiner „Besucherschule“ während der documenta 8 gedruckten und gehörten (Brock auf rebell.radio) Texten weiß, halte ich ihn für geeignet, weil er bildende Kunst dorthin stellt, wo sie hin gehört: In den Kontext - in Brocks Fall den vergangener Zeiten, Räume und Philosophien.

Zweites Ergebnis: Vielversprechend erscheint mir eine gleichgewichtige Besetzung der Jury aus SpaßmacherInnen einerseits sowie InformationsträgerInnen andererseits. Indem sich Rampensäue und wissenschaftliche MitarbeiterInnen abwechseln, könnten die in Unterhaltungssendungen beliebten Oneliner auf sachliche Füße gestellt werden. Hinsichtlich möglicher KandidatInnen fällt mir spontan Anton Vidokle ein, dessen Überblick über die aktuelle Landschaft derzeit ziemlich umfassend sein dürfte – seinen Aussagen im aktuellen (e-flux journal # 11) nach zu urteilen.
Um die Beschränkung auf übliche Verdächtige zu verhindern, könnte die Jury aus freiwilligen Unbekannten bestehen. Denn das Mattäusprinzip "wer hat, dem wird gegeben" beherrscht die Kunstlandschaft lang genug. Ein Wettbewerbskomitee aus Celebrities brauchen wir daher so dringend wie weitere Ereignisse auf dem Niveau von "60 Jahre. 60 Werke. Bild erklärt das Kunstwerk von 2009".
Denkbar wären zwar Podien, auf denen KünstlerInnen und RezipientInnen über einander her oder sich um den Hals fallen, aber letztlich sind in unserer um Offenheit bemühten Kultur verbale Saalschlachten unsexy. Gebrüll und leidenschafltiches Stottern verebbte bereits im letzten Jahrhundert. Auch das ist gut so. Emotionale Darbietungen sind bestenfalls in Sportstadien noch beliebt. In Diskussion innerhalb der Artenvielfalt zeitgenössischer Kunst hingegen kommt vorrübergehenden Adrenalinräuschen zwar ein gewisser Unterhaltungswert zu, wer sich aber längerfristig im Ton vergreift, offenbart mangelnde Professionalität. Denn auch in Gesprächen über grottenschlechte Kunst befleßigt man sich der Sprache internationaler Diplomatie. Über mehrfache Preisverleihungen an die sprichwörtliche Spitze der Eisbergs zeigt man sich "erstaunt", über sich seuchenartig ausbreitende Mittelkürzungen "besorgt", und galoppierenden Schwachsinn findet man "unschön".

Dritttes Ergebnis: Der Superkünstler müsste durch das Superwerk ersetzt werden. Schließlich ist Ersterer seit 42 Jahren2 "immer mal wieder tot."3

Viertes Ergebnis: Nach dem Grundsatz "gut, dass wir drüber gesprochen haben", bestände der Vorteil eines Rankings in "Kommunikation durch Provokation", da es nämlich Stillschweigende veranlassen könnte, Position zu beziehen. Das Ganze dann aber im Internet, wo Meinungsmachende und Gemachte gleichberechtigter agieren als im Fernsehen.

Fünftes Ergebnis: Bloß niemand vergessen. Die Feststellung, dass auf dem Podium alle erdenklichen Minderheiten vertreten sein müssten, um sich keinerlei -ismus oder -phobie schuldig zu machen, mündet in die Erkenntnis, dass die Fahndung nach der künstlerischen mit der nach der kunstkritischen Oberliga beginnt: Multiland such die Megajury. Das Ergebnis wäre ein basisdemokratisches Kulturkomitee regelmäßig rotierender VertreterInnen sämtlicher Kunstfraktionen, die ihre ersten Legislaturperioden mit der Erstellung einer KünstlerInnenliste verbringen, um kurz vor deren Verabschiedung türenknallend aber respektvoll auseinander zu gehen.
Behaupte ich mal so. Denn zeitgenössische Kunst hat sich bislang nicht direkt als Nährboden für Mehrheitsentscheidungen erwiesen.

Sechstes Ergebnis: Wie komme ich dazu, Charlys Ausgeburt massenmedialer Schrumpfhirne ernsthaft in Erwägung zu ziehen? Schließlich ist spätestens seit den 1970er Jahren samt ihren erweiterten Begriffen, kollektiven Autorenschaften und prozessualen Werken der Kurswert von Superlativen wie "ersten Ideen" und "letzten Bildern" gesunken. Zugegeben: Nicht flächendeckend. Denn ungefähr zeitgleich etablierte der dt. Wirtschaftsjournalist Bongard mit dem "Kunstkompass" im manager-magazin einen Prototyp des Wägens und Messens von Kunst.4 Seit diesem Ur-Meter sind weitere Ratinglisten entstanden. Populär ist derzeit die von artreview ("Die 100 Einflussreichsten")

Siebtes Ergebnis: No future. Einem durch nationale Grenzen definierten Ausleseverfahren würde hierzulande weniger Aufmerksamkeit zuteil als in Großbritanien, wo man seit den YBAs ein von einem gewissen Nationalstolz geprägtes Verhältnis zur "Britart" entwickelt hat. Und Mayor Giulianis einstiger Feldzug gegen "Sensation" in NYC veranlasste schließlich auch zögernde BritInnen, sich, wenn auch kopfschüttelnd, patriotisch vor "our Tracy" nebst Gefolge zu stellen.

Achtes Ergebnis: Beat it. Just beat it. Denn nach welchen Kriterien wer auch immer wie auch immer über was auch immer zu Gericht sitzt, braucht uns nicht zu belasten. In Ermangelung eines britischen Servers auf teutschem Boden dürfen wir ohnehin nicht mitspielen. Und auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Das ist ebenfalls gut so.
Interessanter als Saatchis Hang zum Spektakel hingegen ist die Begleiterscheinung, Kunst ein noch größeres Publikum zu öffnen. Zwar ist Letzteres seit den 1980er Jahren gewachsen, wie wir der Menge von Biennalen, Museen und Kunsthallen, Besucherzahlen, Rahmenveranstaltungen und Publikation entnehmen können. Verglichen mit anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens birgt bildende Kunst aber noch immer beträchtliches Entwicklungspotential.
Markus Wirthmanns apokalyptische Vision eines Kunst-Castings wäre in der Tat ein zu hoher Preis für die Verbreiterung des Absatzmarktes. Doch fürchtet euch nicht, denn wahrlich, ich sage euch: Dazu wird es nicht kommen. Denn auch wenn sich stets irgendein Hardliner findet, dem im Interesse seiner viel ziterten fünfzehn Minuten nichts peinlich ist, wage ich die pauschale Behauptung, dass – bildende - KünstlerInnen qua Beruf nicht über die nötige überdurchschnittliche Extrovertiertheit verfügen, um an derartigen Freakshows teilzunehmen. Andernfalls könnten sie nämlich das Gewerbe wechseln und bequemer mehr verdienen. Solang sie aber hartnäckig drauf bestehen, Kunst zu produzieren, gibt es nur eine einzige Gelegenheit, auf der sie erlebt, verglichen und beurteilt werden können: Durch ihre Arbeiten und diejenigen, die sie wahrnehmen – auch ohne Fernsehkamera.

Charlotte Lindenberg, 04.12.09 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

" Denn auch wenn sich stets irgendein Hardliner findet, dem im Interesse seiner viel ziterten fünfzehn Minuten nichts peinlich ist, wage ich die pauschale Behauptung, dass – bildende - KünstlerInnen qua Beruf nicht über die nötige überdurchschnittliche Extrovertiertheit verfügen, um an derartigen Freakshows teilzunehmen."

Das ist ein Ergebnis, das stimmt. Wenn also 90 Prozent der professionell tätigen bildenden Künstler von ihrer Arbeit nicht leben können, also bei Saachi oder auf der Art XY und im Promotionsbewusstsein aufstrebender Kritiker und Kuratoren nicht als Nummer 1 bis 50 oder 100 (?) verankert sind, aber in einer Statistik (das ist wohl die der Künstlersozialkasse...) auftauchen, heißt das, das es sie gibt, auch wenn sie keine Freakshow betreiben.
Und dann gibt es wohl, abseits einer Freakshow, die unterschiedlichsten Positionen zum Markt und zum Ausstellungsgeschehen, die in ihrer Auffassung und in der Konsequenz künstlerischen Handelns vielleicht stärker sind als ein Vermarktungskonzept (das in den meisten der erfolgreichen Karrieren aus Zufall bestehen mag). Die, die sich auch über die Schmeichelei einer Ausstellung mit anschließender Veröffentlichung hinwegsetzen mögen, Wolfgang Müller hat das hier weiter unten sehr gut beschrieben.
Es gibt eben auch eine Entscheidung, unabhängig vom Markt zu arbeiten, wenn sich das ermöglichen lässt, ich wage zu behaupten, dass dann möglicherweise wirklich interessante Arbeiten aus Gelassenheit und Mut und Konsequenz entstehen...aber das haben ja schon viele gesagt, dass Künstler dann am besten beraten sind, wenn sie ihre eigene Projekt- und Produzentengalerie aufmachen...
Zum Beispiel http://www.institutberlin.de/, teilnehmende Künstler u.a. Wolfgang Müller, intensiv und vielleicht zu wenig gesehen, war keine Freakshow.

Ich freue mich über jeden Ihrer Artikel, weil jeder von ihnen auch ein kleines letztes Wort in sich hat: wahrhaftig weitermachen

(@admin: ich hatte schon beim bubble-Artikel von Charlotte Lindenberg was kommentiert, wurde in den Kommentaren nicht ausgegeben, aber das ist doch ein blog, oder? Liebe Grüße Michael Waitz)

Michael Waitz | 05.12.09

 

Hallo Charlotte,

das macht mir in der Tat Spaß. Es ist das erste Mal seit fast fünf Jahren, dass sich sowas wie ne Diskussion auf Kunst-Blog anspinnt. Immerhin hatten wir uns das damals so ausgemalt als wir Kunst-Blog mit Gedenken an die Ruinen von Blitzreview, der liebe Dingsbums habe sie selig, aufgebaut haben.

Allerdings fischen wir beide ein bisschen im Trüben. Ich, weil ich die Fernsehsendung um die´s geht nicht sehen kann weil sie nur im Empire läuft und ich daher von den hiesigen Casting-Shows (von denen ich, zugegebenerweise auch nur zwei Folgen ertragen wollte) auf die aktuelle „School of Saatchi“ schließe und Du, weil Du den Fernsehkonsum, durch freiwillig gewählte Abstinenz, arg eingeschränkt hast.

Bei der Auswahl meiner Kandidaten für die Grand Jury der Kunst habe ich auf das Lustprinzip gesetzt und Protagonisten gewält die nicht nur durch ihre Sachkenntnis sondern auch durch ein vernünftiges Maß an Medien-Exhibitionismus in letzter Zeit von sich reden gemacht haben. Alle sind ordentlich in den einschlägigen Publikationen vertreten, fühlen sich warscheinlich nicht auf den Schlips oder, in Ermangelung dessen, auf die Bluse getreten, wenn ich sie hier her zerre. Und ich glaube wirklich, dass sie ne kuhle Schiedsrichtermannschaft wären. Meese habe ich mal weggelassen. Jedes Sustantiv mit dem Präfix Erz- versehen können wir selber.

Markus | 07.12.09

 

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