Markus Wirthmann | Interview

Das Kunstkontakter Interview zum Jahresauftakt

Konstantin Schneider befragt von Starreporter XY Unverzagt

XY: Herr Schneider, wie fällt denn Ihre Prognose für das Kunstbetriebsjahr 2010 aus?

Schneider: Alles wird besser, aber einige werden dennoch nichts zu lachen haben, ausser satanisch vielleicht.

XY: An wen denken Sie da?

Schneider: An Damien Hirst zum Beispiel.

XY: Wieso gerade an den, der hat doch seine Schäfchen längst im Trockenen.

Schneider: Stimmt, das wars dann aber wohl auch. Dieser Mea Culpa Quatsch, den Hirst da gerade fabriziert, damit kann er nicht durchkommen.

XY: Können Sie das für unsere Leser bitte konkretisieren?

Schneider: Hirst ist ja nun einmal als Profiteur der Saatchi-Schule seit Jahren gut im Geschäft und hat sich getreu der ungeschriebenen Gesetze der Kunsteventsociety eine Frechheit nach der anderen erlauben können. Mit seiner Aktion am Tage, als die Lehmann-Brothers pleite gingen, hat er tatsächlich so eine Art Meisterstück abgeliefert, das ihm wohl für immer einen Platz in der Kunstgeschichte sichern wird. Aber danach brachen die Preise für Hirst ein, und zwar um sage und schreibe 50%, was bei ihm ja nun kein Pappenstiel ist.

XY: In der Tat!

Schneider: Seitdem läuft Hirst im Büßergewand herum und leistet sich eine Peinlichkeit nach der anderen.

XY: Die da wären?

Schneider: Zum Beispiel lässt er sich von seinem Sammler Pinchuk, der als ukrainischer Oligarch natürlich seinerseits ein Interesse daran hat, dass die Hirst Aktien bald wieder steigen, eine Ausstellung mit grottenschlechten, selbstgemalten Bildern arrangieren, um sozusagen wie bei Papa auf der Couch ein back to the roots Spielchen zu inszenieren.

XY: Manchmal ist das ja nicht das Schlechteste.

Schneider: Ich bitte Sie, bei jemandem wie Hirst, muss das doch als Heuchelei in Reinkultur gewertet werden. Jemand wie er kann doch nicht hingehen und sagen, wir fangen einfach mal von vorne an und dann wirds schon wieder. Die, die darauf hereinfallen und sich an Hirst 2.0 berauschen, die tun mir wirklich leid.

XY: Aber hat er denn nicht wie jeder andere Künstler auch das Recht auf eine Zäsur?

Schneider: Doch natürlich, aber dann könnte er sich ja auch mal sozial betätigen, vor eine Klasse von Kunststudenten stellen und ihnen ordentlich was beibringen. Stattdessen streift er sich den Schafspelz über, um Kojoten anzulocken, die mit ihm um die Wette heulen. Das konnte Beuys nun wirklich besser. Entschuldigen Sie, aber mich nervt das masslos. In Leipzig hat er jetzt gerade eine Ausstellung mit dem Titel "Dark Trees". In der geht es eigentlich nicht wirklich um Bäume, sondern hauptsächlich um seine gemalten Totenschädel und Vögelchen. Wahrscheinlich alles von langer Hand arrangiert, was sicher kein Vergehen ist, aber ich denke mal, diese Gott ist tot, lang leben seine Reliquien Nummer, die Hirst sich vor ein paar Jahren in Mexiko ausgedacht hat, die ist doch total daneben. Bei dem Ausstellungstitel "Dunkle Bäume" dachte ich sogar erst, Hirst wolle auf das sehr deutsche Thema des Waldsterbens zugreifen, was nicht nur reichlich verwegen gewesen wäre, sondern auch viel zu spät kommen würde, oder dass er es einfach toll findet, angesichts der aktuellen Kunstmarktsituation Bäume ohne Blätter zu malen. Naja, im Winter ist das sowieso der Normalzustand der Natur und ausserdem ist für mich klar, dass es sich bei diesem Spielchen zwischen Hirst und Hilario Galguera um ein ganz abgekartetes Ding dreht. Die Finanzkrise haben wir doch auch genau wegen solcher Machenschaften immer noch am Hals.

XY: Sie haben einige Fakten benannt, die für unsere Leser noch keinen stimmigen Zusammenhang ergeben. Was soll das für ein Spielchen sein zwischen Hirst und Hilario Galguera?

Schneider: Also, soviel ich weiss, hat sich Hirst ja schon vor Jahren Grundbesitz an der mexikanischen Pazifikküste zugelegt und zieht sich regelmässig dorthin zurück. Irgendwo hat er Galguera 2005 in Mexiko kennengelernt. Seitdem haben die beiden quasi ein Abkommen, weil Hirst nämlich unbedingt in Mexiko ausstellen wollte und dafür eine Galerie brauchte. Als sich bei einer Tour durch das Nachtleben von Mexiko-City herausstellte, dass Hilario ein mittelloser Ex-Galerist war, da reifte in Hirst sofort die Idee, dass er ihm nur das Startkapital für eine neue Galerie beschaffen müsse, um sofort in Mexiko ausstellen zu können. Für Hirst wars natürlich ein Klacks, aber seitdem hat er einen total ergebenen Fürsprecher, was ja auch die Aufgabe eines Galeristen ist, aber Hirst hat Galguera doch gekauft. Seit 2006 spielen sich die beiden also die Bälle zu und machen mit diesem Totenkult Geld, versuchen dabei quasi Pyramiden zu bauen, wie die Azteken. (lacht)

XY: Klingt nachvollziehbar, aber solange kein Hirn vom Himmel fällt brauchen die Menschen Märchen und Mythen.

Schneider: Sollen sie haben! Mein Geld ist es ja nicht. Ich persönlich gehe lieber kalt duschen, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Danach stellt sich bei mir meistens ein wohliges Gefühl der Demut ein. Doch gehe ich damit nicht hausieren, so wie Hirst. Dass der Mexikaner ihn jetzt in Leipzig zeigt ist logisch, aber es erschreckt mich. Hilario Galguera hatte Hirst ja 2006 in Mexiko-City gezeigt und deswegen sogar Ärger mit dem Erzbischof dort bekommen. Kein Wunder bei einer Ausstellung mit dem Titel "The Death of God".

XY: Was bitte erschreckt sie daran, dass Hirst jetzt in Leipzig zu sehen ist?

Schneider: Natürlich der Zeitpunkt. Der beweist nämlich, dass das Spiel Damien, Damien Superstar ohne Unterbrechung weitergehen soll. Dabei hat die britische Presse Hirst für seinen Karriereschritt zum Maler geschlachtet. Weil sie das als verlogenen Trick ansah, so wie beim Handel mit Derivaten. Ich rekapituliere mal. Erst macht Hirst die Ausstellung in Mexiko-City mit dem Titel "The Death of God", ein Jahr später gibt es plötzlich diesen Diamantenschädel "For the Love of God", teuerstes Kunstwerk, allerdings von einem eigens zusammengetrommelten Konsortium erstanden, macht ja nix, dann darf plötzlich kein einziger Galerist mehr was an Hirst verdienen, so war das ja bei dieser Sotheby-Nummer, doch wegen der Lehmann-Pleite ist am selben Tag auch Schluss mit dem Hirst-Hype. Verdammt früh für einen YBA. Doch wer so rigoros zwischen Leben und Tod hin- und herpendelt, der darf sich nicht wundern, wenn er lange vor seiner Zeit einbalsamiert wird.

XY: Noch ist es nicht soweit.

Schneider: Jedenfalls teile ich überhaupt nicht die Auffassung von Galguera, der meint, Hirst riskiere viel mehr als Picasso, der sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms doch hätte entschliessen können, Fotograf zu werden, was der aber nicht tat. Hirst entscheidet sich dagegen, ein einfacher Maler zu werden, das ich nicht lache. Für einen Mexikaner mag das alles so zusammenpassen, denn wer in diesem Land voller kirchlicher Prinzipien aufgewachsen ist, dem gefällt das Spiel mit Gott und seinen irdischen Vertretern nun einmal. Für mich als Europäer ist das jedoch mit Verlaub hispanoamerikanischer Humbug. Ich will den Menschen in Lateinamerika keinesfalls zu nahe treten. Glaube ist schon wichtig, kann Berge versetzen, aber an der Tatsache, dass Gott tot ist, gibt es meines Erachtens überhaupt nix mehr zu rütteln, und wenn Hirst ehrlich wäre, dann würde er das auch zugeben. Doch wenn Drogen mit im Spiel sind. Verstehen Sie was ich meine?

XY: Das war deutlich genug. Ein anderes Thema. Wie wird sich die Galerieszene in Berlin 2010 weiterentwickeln?

Schneider: In Berlin wird man sich neu sortieren. Teilweise ist das ja schon 2009 passiert. Die Problematik für "Glamour-Galerien" bleibt sicher bestehen, da einerseits deren ruinöser Wettbewerb untereinander leider überhaupt nichts gebracht hat und sich andererseits die Investitionen in die Zukunft aufgrund der Finanzkrise weniger rentieren, als man dachte. Berlin hat nach wie vor kein Geld. Viele Galeristen werden sich deshalb weiter auf Vernetzung besinnen. Zu Jahresbeginn gibt es da ja jetzt immer den Austausch zwischen Berlin und Paris. Auch der Schulterschluss von Berliner Galeristen mit der ART-Karlsruhe macht sich bezahlt. Das Galleryweekend wird 2010 auf jeden Fall wieder vermehrt Sammler nach Berlin locken, weil sich die Reise nach Berlin im Frühling eben auch aus anderen Gründen lohnt. Überhaupt imponiert mir als KUNSTKONTAKTER das Beharrungsvermögen der Berliner zur Zeit sehr, denn es gibt ja kaum jemand auf. Einige Stimmen habe ich schon vernommen, die das offenkundig stört. Die erinnern sich an "weniger ist mehr Zeiten" und würden gern wieder dieselbe Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie vor den Boom-Jahren.

XY: Und Ihre Plattform BERLINER KUNSTKONTAKTER, wie gestaltet sich die Zukunft für die?

Schneider: Der BERLINER KUNSTKONTAKTER ist von Beginn an sehr krisenfest konzipiert worden und gerade erst ist uns sogar ein Relaunch unserer Webseiten geglückt. Als Generalmanager konnte ich von meiner Erfahrung aus den New Economy Zeiten profitieren, als alles sehr aufgebläht wurde und man sich sogar für eine hohe Cashburn-Rate einen Orden umhängen lassen durfte. Mal sehen, vielleicht werden wir 2010 sogar ordentlich wachsen. Das entscheidet sich alles demnächst, denn in der Ruhe liegt die Kraft. Derzeit wird noch an internen Strukturen gefeilt und ausserdem laufen bis mindestens Ende Februar ja die KUNSTKONTAKTER Geburtstagswochen anlässlich des 4-jährigen Bestehens unseres kleinen aber feinen Portals. Durch die zwei Ausstellungen und die Party, die wir dafür auf die Beine stellen, ergeben sich neue Perspektiven. Die Party gehört schon zur Tradition. Dagegen sind die Ausstellungen ein neuer Faktor. Mit der Ausstellung ABSOLUT KEIN AKT, die wir am 11. Februar 2010 in der brot.undspiele galerie eröffnen werden, hoffen wir wichtige Vertrauens- und Überzeugungsarbeit leisten zu können, denn Vielen ist gar nicht bekannt, dass Konstantin Schneider auch mit Künstlern kooperiert und dabei Kunstwerke hervorbringt, die aber nur zum Teil mit seiner Tätigkeit als KUNSTKONTAKTER zusammenfallen. Das hat sich leider immer noch nicht richtig herumgesprochen. Selbst bei einem Kommunikationsdienstleister für Kunst gibt es nämlich Bereiche, für die nicht genügend Zeit zur Bearbeitung bleibt. Das wird sich 2010 aber auf jeden Fall ändern. Neue Kunstwelten werden wir uns auch vermehrt über Artist-Residence-Programme erschliessen. Vielleicht werden wir dafür die eine oder andere Kunstmesse aus dem Terminkalender streichen. Künstleraustauschprogramme sind ja zudem ein ausserordentlich wichtiger Faktor, um kulturelle Missverständnisse zwischen den Völkern auszuräumen. Da darf unser politisch schlagendes Herz dann auch mal ordentlich an die Tür von Gönnern klopfen, die mit ganz anderen Zielsetzungen als die über die wir vorhin gesprochen haben unterwegs sind.

Vielleicht lässt sich ja sogar ein Mexiko-Trip arrangieren, mal sehen, ob Hirst uns dort auf einen Tequila einlädt. In Leipzig war er offenbar absent. Er hätte dort ja auf sehr honorige Künstlerkollegen treffen können. Viel besser wäre allerdings ein Trip nach Buenos Aires. Ist leider etwas kostspieliger. Aber die 43 EURO für ein ICE-Return-Ticket Berlin-Leipzig haben wir ja gerade erst gespart für die Pizzen am Rio de la Plata.

XY: Na dann viel Spass! Herr Schneider, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


Konstantin Schneider wirbelt seit fast vier Jahren als "BERLINER KUNSTKONTAKTER" durch Vernissagen und über Kunstmessen in aller Welt. Sein gleichnamiger Weblog ist eine der meistbesuchten Kunstvideoplattformen Deutschlands.

Markus Wirthmann, 21.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Verehrter Kunstkontakter, erst der Link am Ende dieses Interviews hat mich auf deine Website aufmerksam gemacht. (Stimmt, hätte theoretisch selbst drauf kommen können). Ich hatte zwischenzeitlich schon die Kunstblog-Redaktion gefragt, was aus dir geworden ist (sprich: wo der Nachschub bleibt). Danke für deine Umtriebigkeit.
Eine Bitte: Könntest du zumindest in den Wimmel-Videos (z.B. Galerierundgänge) entweder die Namen der KünstlerInnen ins Mikro sprechen oder sie irgendwo schriftlich hinterlegen? Danke.

CharLi | 23.01.10

 

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