Dirk Teschner | Kritik

Die Addition der Differenzen


Bert Papenfuß, aus Einem verreckten Kater die Scheiße aus den Därmen dreschen

Ich hatte mir schon seit Wochen vorgenommen einen Beitrag zu der Ausstellung „Poesie des Untergrunds“ zu schreiben, nun nach dem Beitrag „Utopie und Untergrund“ von Daniela Höhn wurde es doch notwendig. Es ist interessant zu erfahren, dass Leute aus dem Westen und Jüngere wohlwollender diese Ausstellung empfanden als Dabei gewesene. Mit einer gewissen Unbefangenheit wirkt sie spannender als wenn man anfängt zu grübeln.

Die Ausstellung trägt zu Unrecht im Titel das Wort Untergrund und den Untertitel „ Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989“ und scheitert mit diesem Anspruch komplett. Was für ein Untergrund, wo 30% bis Mitte der 1980er Jahre in den Westen ausreisten und weitere 30% ab gleichem Zeitpunkt mit Reisepässen regelmäßig die Grenze gen Westen überschritten. Es geht bei dieser Ausstellung um die „Prenzlauer-Berg-Connection“, ein Begriff den sich Adolf Endler ausdachte. Sie bestand aus 30, 40 Leuten. Die Szene von Schriftstellern, Künstlern, Musikern Ostberlins von 1979 bis 1989 bestand aber aus Hunderten. Also sprechen wir über die Ausstellung Prenzlauer-Berg-Connection.

Vielleicht lag es daran, das ich zur Ausstellungseröffnung anwesend war und dort eine unausgesprochene Beklommenheit vorherrschte, was aber nur die jetzige Verfasstheit dieser Szene wiederspiegelte. Das zur Ausstellung beim Verbrecher Verlag erschienene Buch trägt auch den treffenden Titel „Die Addition der Differenzen“. Das war 1981 schon so und heute erst recht. Es war körperlich spürbar, die meisten Protagonisten dieser Szene haben heute nichts mehr gemeinsam. Die Ausstellung kann die damalige Energie nicht wiedergeben, eine einfallslose, nüchterne Ausstellungsgestaltung aus Stellwänden und Vitrinen erzeugt das Gefühl eines Heimatmuseums. Die an den Stellwänden geordneten Literatenbiografien mit Porträtfoto, Kurzvitas und Textbeispielen erinnerte mich an die Ausstellungen über ehemalige Widerstandskämpfer in DDR-Geschichtsmuseen. Selbst die expressiven Siebdruck-Künstlerbücher wirkten seltsam leblos. Ist alles nur noch Geschichte?

Und dann die schwer ertragbare Omnipräsenz einzelner Aktivisten und die immer gleichen Statements dieser, wie von Cornelia Schleime. Ein Muss für jede Ausstellung, jedes Filmes, jedes Buches zu den 1980ern in der DDR. Aber wenn man es schon X-mal gehört hat, ist es gähnend langweilig. Bei einem Männeranteil von 95% ist man aber für jede Frau dankbar. Christoph Tannert sprach bei der Eröffnungsrede davon, dass es Zeit wurde, sich die eigene Geschichte wieder anzueignen und das nicht Anderen zu überlassen. Der Meinung war ich auch immer, aber es gab doch nie eine heterogene Szene (glücklicherweise), so bleibt jede Ausstellung aus den eigenen Reihen eine rein subjektive. Wie würde so eine Ausstellung aussehen, wenn die Kuratoren aus Polen und Frankreich kämen?

Und überhaupt, reicht es nicht langsam mit den allumfassenden Geschichtsausstellungen, Filmen und Buchveröffentlichungen: Punk in der DDR, die anderen Bands in der DDR, Mode in der DDR, Kassettenproduktionen in der DDR, FKK in der DDR. Sicher alles interessant, aber das gehörte ja alles zusammen und ich dachte wir hatten mit der Ausstellung „too much future“ im Jahre 2005 das alles abgedeckt, aber wir haben nur eine Lawine losgetreten.

Dirk Teschner, 05.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Poesie des Untergrunds – Replik auf Dirk Teschner

Lieber Dirk Teschner,

Danke für die andere, so erhellende Sicht auf die Ausstellung „Poesie des Untegrunds“. Ich habe tatsächlich aus der Perspektive der Jüngeren und der Westdeutschen geschrieben. Es freut mich, dass das so klar herauszulesen war, denn es ist meiner Meinung nach wichtig, einen eigenen Standpunkt einzunehmen. Den objektiven, einzig richtigen Blick auf die Dinge gibt es nicht. Was wir wahrnehmen oder auch nicht, hängt von den Zusammenhängen ab, in denen wir uns bewegen. Nur der lebendige Austausch darüber, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt, ermöglicht es, sich ein genaueres Bild zu machen.

Sie schreiben, dass die Ausstellung Protagonisten der alternativen Prenzlauer-Berg-Szene in den Vordergrund rückt, die ohnehin in den letzten Jahren immer wieder im Mittelpunkt des medialen Interesses standen, dass es aber sehr viel mehr und andere Leute waren, die die Szene letztendlich ausmachten. Was könnte der Grund dafür sein, dass Gegenkultur in der DDR heute, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, auf diese Weise rezipiert wird?

Marius Babias hat im März 2000 in der „Jungle World“ beschrieben, wie sehr die Rezeption der DDR-Kunst gegenwärtigen kulturpolitischen Interessen dient. Er zitiert Matthias Flügge mit den Worten: „Die Anerkenntnis der DDR-Kunst als einen aufschlussreichen Sonderweg jüngster europäischer Geschichte würde auch eine Neudefinition der sogenannten „Westkunst“ bedeuten.“

Sagen wir, dass das auch für die DDR-Gegenkultur gilt und dass der Umgang mit ihr ein Spiegel aktueller kulturpolitischer Debatten ist. Wird nicht, was Gegenkultur betrifft, derzeit ständig über Gentrifizierung geredet? Liegt es an den Yuppies, dass Viertel wie Mitte und Prenzlauer Berg „aufgewertet“ wurden oder haben die jungen Künstler, die in den 1990er Jahren wohlgemerkt aus dem Westen zugewandert sind, diese Entwicklung angestoßen? Ist eine punkige Anti-Haltung heute nicht schon ein „Standortfakor“, Siebdruckästhetik ein Garant für Hipness, etwas, das bewahrt werden muss, gerade auch im Interesse des Establishments?

Und stellt eine solche Debatte Ostberlin nicht quasi als ursprünglich jungfräuliches Terrain dar, das durch die junge, rebellische Kunst des Westens erobert wurde? Diese Lesart zumindest legt der Mythos nahe, der ein Vorher-Nachher-Bild von Berlin entwirft, das die Stadt als früher als unter der Knute der realsozialistischen Diktatur stehend, heute dafür aber umso vielfältiger und weltoffener zeigt. Die alternative Kunst- und Literaturszene, die sich in den 1980er Jahren im Prenzlauer Berg entwickelt hat, passt da nicht so gut dazu.

Gegenkultur im Berlin des 21. Jahrhunderts funktioniert anders und steht vor anderen Problemen als Gegenkultur in der DDR. Sie muss sich nicht mit Verrat und Überwachung auseinandersetzen, sondern damit, ein Spielball von Interessen zu sein, die nicht die ihren sind.

In diesem Zusammenhang interessierte es mich, welche kulturellen Strategien die alternative Kunst- und Literaturszene damals in Ostberlin verfolgt hat und ich finde, dass die Ausstellung „Poesie des Untergrunds“ das gut darstellt.

Mit freundlichen Grüßen aus Westberlin, Daniela Höhn.

Daniela Höhn | 09.01.10

 

Werter Dirk Teschner.
Danke für Ihren Beitrag zu dieser Ausstellung. Ihr Schlußabsatz wirkt allerdings sehr keck. Zum einen ist es richtig, das diverse Segmente der DDR-Subkultur aufgearbeitet werden. Um sie zu sichern, nachzufragen, bestenfalls zu verstehen oder überhaupt ersteinmal kennenzulernen. Über die Literaturszene aus dieser
Zeit gab es noch keine Austellung, insofern wirkt sie sehr berechtigt. Eben auch für all die (jüngeren), interessierten Zugezogenen, die über ihren neuen Stadtteil etwas erfahren möchten.

Und zu behaupten, mit "Ihrer" Austellung (wir wissen ja genau, wer da alles dabei war), hätten sie "alles abgedeckt, aber wir haben nur eine Lawine losgetreten" ist nicht nur frech, sondern auch falsch! Ich erinnere hier gern nochmal an das Buch "Wir wollen immer artig
sein" (1999, Schwarzkopf-Verlag), das diesen Schritt erstmal wagte und sehr viel umfassender und gründlicher all diese Themen (Punk, HipHop, Literatur, Mode, Film, Kassetten und Sozial-Geschichte dieser Szenen aufarbeitet und darstellt). Somit den gültigen Versuch, spannendes Vergangenes zu kokumentieren.

guter gruß.
Ronald Galenza

Electric Galenza | 11.01.10

 

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