Gastbeitrag | Kritik

Marburger Kunstverein blickt mit zehn Künstlern zurück auf eine Dekade

Gastbeitrag von Rüdiger Oberschür - Region Mittelhessen

Über 65 Ausstellungen hat der Marburger Kunstverein seit dem Einzug im Oktober 2000 am Gerhard-Jahn-Platz, unterhalb der Marburger Oberstadt zwischen Großkino und Bankhaus bereits realisiert. Was 1953 im Gewölbekeller der ehemaligen Stadtsäle als Künstlerkreis begann, hat sich zum markanten Aushängeschild der Stadt gemausert. Allein zur Fotoausstellung von Martin Liebscher im vergangenen Herbst kamen insgesamt über 3000 Besucher. Nun blickt der Verein mit zehn ausgewählten Künstlern, die hier alle schon ausgestellt haben, auf eine Dekade zurück. Die Malerei steht im Vordergrund, doch auch Zeichnung, Skulptur, Fotografie und Videokunst sind vertreten.

Es solle „kein Best-of“ sein, heißt es seitens des Kunstvereins. Wichtig waren allen Beteiligten die Gattungsmischung sowie eine „möglichst repräsentative Auswahl“ aus den letzten zehn Jahren Ausstellungspraxis.

So kommt mit Arbeiten von Malern wie Joachim Bandau, Aris Kalaizis, Bernd Schwarting und Hans Sieverding sowie Bildhauern und Fotografen wie Floris M. Neusüss, Annette Sauermann, Willi Weiner, Rainer Wölzl, Andrea Zaumseil und der Videoarbeit „Die Corraleraspielrinnen“ von Angela Hiß zu einem ungewöhnlichen Nebeneinander. Einer Mixtour, die auf den zwei lichtdurchfluteten Stockwerken des Glasbetonbaus ohne große Reibereien zusammenkommt. Im Gegenteil: Schon im Eingangsbereich bildet der rostige Stahlpilz in einer Wasserschale von Willi Weiner einen spannenden Kontrast zum filigranen Wandrelief aus fein geschliffenem Beton, Plexiglas und Pergamentpapier von Annette Sauermann und den abstrakten „ULOs“ von Floris M. Neusüss. Weiners dünne wie hohle und sparsam bemalte Säule aus Cortenstahl setzen sich oben in fast romantisch anmutenden Grotten-Objekten fort.

Schwarz, schwärzer, Malerei

In den ersten Stock führen den Betrachter jedoch zunächst Andrea Zaumseils schwarzweiße „Himmelsbilder“ aus Pastellkreide, denen sie zwei kohleschwarze Objekte, die auf den ersten Blick wie riesige ausgehöhlte Zähne wirken, beigelegt hat. Metaphern für das Unbekannte, Unbewusst, wie Susanne Paesel im Katalog schreibt – oder auch Zeichen für Verfall, Endzeit, Apokalypse.

Schwarz, oder besser Schattenspiele prägen auch die Bilder von Rainer Wölzl. Doch ist Wölzls Malerei dazu wie in Fensterrahmen unterteilt. So fühlt sich der Betrachter bei seiner Goya-Auseinandersetzung „Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor“ oder einer Stacheldraht-Nahaufnahme merkwürdig auf Distanz gehalten. Dazu gesellt sich in dem Vorderraum die filigrane Holzarbeit „Höhenrücken“ von Angela Hiß, die allerdings so gar nicht zu den anderen Arbeiten passen will.

Im Hauptraum des ersten Stocks dominiert dann farbmächtig die Malerei: Gleich vorne links hängen mit „Das Ritual“, „Himmelmacher“ und „Make-Believe“ drei aktuelle Gemälde aus dem rätselhaften Wirklichkeitskosmos des Leipziger Malers und Rink-Meisterschülers Aris Kalaizis. Kalaizis fotografiert vor der Arbeit an der Leinwand Handlungsorte, für ihn dramaturgische Fixpunkte, die er dann durch seinen eigenen Imaginationsgenerator schickt. So kommt dann seine halbnackte Frau auf einem Tisch in den Bildmittelpunkt, umgeben von ihm und einem zusammengekrachten Atelier.

Bilder wollen Skulpturen sein

Gegenüber sind eindrückliche Beispiele für den Drang der Malerei sich der Drei-Dimensionalität und somit der Skulptur anzunähern, zu sehen: Bernd Schwartings barocke Ölmalerei springt einen regelrecht von der Leinwand an. Eine verschwommene Opulenz zwischen Ordnung und Chaos, Sinn und Sinnlichkeit offenbart sich, die schemenhaft Landschaft und Personen einer Unwirklichkeit zeigt. Kunsthistorikerin Susanne Pasesel schreibt im Katalog von „wildwüchsiger Farbmaterie“ Zentimeter dick steht die Farbe hervor, so dass man, auch um sich dem markanten Geruch der Bilder wieder zu entziehen, einige Meter zurücktreten muss, um einen Eindruck von den reliefartigen Oberflächenstrukturen der Reihe „Antonia-Clara“ zu erhalten.

Daneben bilden die „Blickwechsel“ von Hans Sieverding eine Position der Malerei, die sich in ihren Überlagerungen von Figuren und Linien mit der Zeichnung zu vereinen scheint. Figuration und Abstraktion scheine neinen Balanceakt zu vollführen. Susanne Paesel schreibt zu diesem Durchdringen von Ebenen und Umrissen sehr treffend von einem „Wechselspiel von Zeigen und Verbergen“.

Von einer ästhetischen Reizüberflutung zu sprechen, wäre sich übertrieben. Für den Marburger Kunstverein ist ein kleines Mammut-Projekt, das neben kleinen Ungereimtheiten doch geglückt ist. Zehn Künstlern aus 65 und zehn Jahren, sicher wären auch andere Positionen, mehr Balance zwischen den Gattungen möglich gewesen. Sehenswert ist die Ausstellung, noch bis zum 4. März, auf jeden Fall.

Gastbeitrag, 18.01.10 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Habe im Februar auch die Ausstellung gesehen. Schöne Ausstellung! Höhepunkt der Schau war das Bild 'Himmelmacher' von Aris Kalaizis, gefolgt von Bernd Schwartings Malerei.

kittel | 16.02.10

 

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